Familiennachzug in Coronazeiten

Geflüchtete warten auf ihre Kinder

07:44 Minuten
Flüchtlinge protestieren vor dem Deutschen Bundestag gegen die Aussetzung des Familiennachzugs für Flüchtlinge mit subsidiärem Schutz (2018).
Getrennt aus politischem Kalkül: 2018 protestieren Geflüchtete gegen die Aussetzung des Familiennachzugs. © dpa / Bernd von Jutrczenka
Von Ann-Kathrin Jeske · 21.12.2020
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Als die Eltern im Juni 2019 nach Deutschland einreisten, dachten sie, dass ihre minderjährigen Kinder schnell aus Syrien nachkommen könnten. Doch dann mussten sie feststellen, dass politische Hürden ein schnelles Wiedersehen unmöglich machten.
Mit schnellen Schritten läuft Rosa Kurdi aus der Küche in das Wohnzimmer. Der Abwasch ist jetzt gemacht. Mit ihrem Kopftuch wischt sie sich rasch das verschwitzte Gesicht ab, schwingt das Tuch lose um ihre Schultern und lässt sich auf das Sofa fallen. Es ist Mitte Dezember. Rosa Kurdi, die anders heißt, lebt in Köln-Porz. Ihre drei jüngsten Kinder in Syrien.
"Als wir noch in Syrien waren, hat unsere Tochter immer mit meinem Mann und mir in einem Bett geschlafen. Daran denke ich auch heute häufig, wenn ich abends im Bett liege. Dann reden wir darüber, wie es früher war, als sie zwischen uns lag", erzählt die Mutter. Zwölf Jahre alt ist ihre jüngste Tochter Evin jetzt, die Söhne 15 und 16. Eineinhalb Jahre ist es her, dass Rosa Kurdi sie gesehen hat. Das war im Juni 2019: ein Tag, an dem die Kurdis eine Entscheidung treffen mussten.

Die Kinder werden in der Ferne groß

Zwei Visa nach Deutschland hielten die Eltern Kurdi damals in den Händen: die Erlaubnis, zu ihrem ältesten Sohn Mazlum nach Deutschland zu ziehen – nach vier Jahren Trennung. Mazlum war 2015 mit einem anderen Teil der Familie aus Syrien nach Deutschland geflohen. Ihm hinterherzuziehen hieß, die drei jüngsten Kinder zurückzulassen.
"Als wir aus Syrien weggegangen und nach Deutschland gekommen sind, haben wir gedacht, dass die anderen Kinder in drei Monaten nachkommen könnten, aber jetzt warten wir seit eineinhalb Jahren. Ich bin sehr traurig, dass meine Kinder so weit weg von mir groß werden."
Hätte Rosa Kurdi geahnt, dass sie solange von ihren Kindern getrennt leben würde – sie wäre nie nach Deutschland gegangen. Damals aber überredete sie der in Deutschland lebende Teil der Familie – in dem Irrglauben, dass die Kinder schnell nachkommen könnten.

Vier Gesichter ploppen auf dem Smartphone in dem Kölner Wohnzimmer auf: ein gutes Zeichen. Neben den drei Kindern grinst ein Onkel in das Video. Er lebt im Irak. Kurz vor Jahresende kam die Nachricht vom Generalkonsulat in Erbil: Die Visa liegen für die Kinder bereit. Der Familiennachzug kann losgehen.
"Wir haben von sieben Uhr morgens bis sechs Uhr abends an der Grenze gewartet, aber dann haben sie uns rübergelassen", erklärt die zwölfjährige Evin. In Syrien hat die deutsche Botschaft längst geschlossen. Deshalb mussten die Kinder erst in den Irak reisen. Jetzt kümmert sich der Onkel darum, dass auch die Weiterreise nach Deutschland gelingt. "Wir haben heute die Visa abgeholt, und es hat alles gut geklappt."
Schon für den übernächsten Tag will der Onkel einen Flug buchen. Rosa Kurdi läuft wieder auf und ab in dem Wohnzimmer in Köln-Porz. Matratzen, Betten für die Kinder? Gibt es nicht.
"Die Wohnung ist zu klein für uns sechs. Wir können deshalb keine Betten für die Kinder kaufen, wir können nichts vorbereiten, wir haben ja nur eine Dreizimmerwohnung. Sie kommen jetzt einfach. Dann suchen wir eine größere Wohnung und dann kaufen wir alles, was sie brauchen."

Das Warten belastet die Familien

Noch sei sie nervös, ob es denn tatsächlich klappen wird mit der Einreise. Susanne Rabe-Rahman, Asylberaterin bei der Caritas in Köln, hat das Scheitern kurz vor dem Ziel schon erlebt. Sie betreut den Fall der Familie Kurdi. Das Warten sei für die Eltern immer stressig.
"Und insofern ist das schon für viele Familien eine absolute Zerreisprobe. Ich habe auch schon ganz andere Situationen erlebt, in denen Familien das überhaupt nicht ausgehalten haben – und der Mann oder die Frau wieder zurückgereist ist. Aber das war natürlich auch überhaupt keine Lösung."

Keine politische Einigung beim Familiennachzug

Eine verbesserte Regelung zum sogenannten Geschwisternachzug könnte Familien wie den Kurdis diese Situation ersparen. Eltern und Geschwisterkinder könnten dann zeitgleich einreisen. Das deutsche Asylrecht aber kennt vor allem die stufenweise Einreise von Eltern und Geschwisterkindern: Der zuerst eingereiste Sohn Mazlum durfte seine Geschwister nicht nachholen. Erst, nachdem die Eltern Kurdi das deutsche Asylverfahren durchlaufen hatten, konnten sie den Familiennachzug der Kinder beantragen. Thorsten Frei, stellvertretender Vorsitzender der Unionsbundestagsfraktion, erklärt, warum das politisch gewollt ist:
"Der Gedanke, der letztlich hinter diesen Regelungen steckt im Aufenthaltsrecht, ist der, dass wir es unbedingt vermeiden möchten, dass Eltern Kinder auf die gefährliche Reise nach Deutschland, nach Europa schicken, auf dass sie dann Ankerpersonen für die eigene Migration und die gesamte Migration der Familie werden.
Die SPD-Bundestagsfraktion sieht es anders als der Koalitionspartner und verlangte in einem Positionspapier aus der vergangenen Woche, den Geschwisternachzug zu vereinfachen. Lars Castellucci, Sprecher für Integration und Migration der SPD-Bundestagsfraktion:
"Aus unserer Sicht gehören Familien zusammen. Das merken wir ja gerade auch selbst, wie schwer es ist, wie schwer es uns fällt, getrennt zu sein, Abstand zu halten und so weiter. Und je besser es uns gelingt, die irregulären Migrationswege einzudämmen, desto großzügiger sollten wir bei den legalen Wegen sein und Menschen ermöglichen, in Sicherheit zu kommen. Das ist unsere Position."
Mit der Union ist das allerdings nicht zu machen. Thorsten Frei: "Mit uns jedenfalls nicht. Dieses Papier hat aus meiner Sicht keinerlei Aussicht, in dieser Legislaturperiode umgesetzt zu werden."

Wiedersehen nach mehreren Jahren

Ein Videoanruf bei den Kurdis. Cousine Dilan nimmt ab: "Hallo! Ja, sie sind glücklich." In Köln-Porz laufen sechs Kurdis und die Cousine barfuß durch das Wohnzimmer. Die Kinder sind angekommen. Mutter Rosa Kurdi kommt ins Bild. Groß geworden seien sie. Der älteste Sohn ist jetzt kleiner als der 16-jährige. Und die zwölfjährige Evin ein Teenager. Zwischen den Eltern könne sie nicht mehr schlafen.
Aufgeregtes Durcheinander. Ein bisschen fremd sei es schon. Das erste Mal nach fünf Jahren, dass sich alle sechs Kurdis wiedersehen. Die Freude aber überwiegt. Rosa Kurdi will noch etwas sagen – Dilan Kurdi übersetzt: "Hast du verstanden, was sie sagt? Danke schön, Danke schön!" – Danke an Susanne Rabe-Rahman von der Caritas Köln, sagt Rosa Kurdi. Und, wem sie auch noch danken will: der Bundesregierung.
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