Familiengeschichten im Podcast

    Der Reiz des Ganznahdranseins

    35:38 Minuten
    Illustration: ein Kind hält einen vermissten Vater, eine Leerstelle in gestrichelten Linien an der Hand, und an der anderen Hand seine Mutter.
    Familiengeschichten: Wenn sie gut erzählt sind, bewegen sie die Hörerinnen und Hörer. © imago / fStop Images / Malte Müller
    Philipp Grammes im Gespräch mit Mike Herbstreuth · 01.06.2021
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    Podcasts über die eigene Familiengeschichte sind für Journalisten immer eine Gratwanderung. Ist es überhaupt möglich, objektiv zu sein? Worin liegt der Reiz des Formats? Antworten vom Podcast-Beauftragten des Bayerischen Rundfunks, Philipp Grammes.
    Im Alter von 13 Jahren erfährt Thorsten Otto, dass er adoptiert wurde. Seitdem trägt der heutige Journalist und Moderator den Wunsch mit sich herum, mehr über seinen leiblichen Vater zu erfahren. Allerdings verläuft ein erstes Treffen nicht so wie gewünscht.
    Wie dann doch aus einem Fremden ein Freund und Verwandter wird, erzählt Otto im sechsteiligen Podcast "Sohn sucht Vater" von Bayern 1. Die nahe und persönliche Erzählweise macht diesen Podcast besonders.
    Philipp Grammes ist Digitalchef von Bayern 2 und Podcast-Beauftragter des Bayerischen Rundfunks. Im "Über Podcast" erzählt er, wieso ihn die Erzählung von Thorsten Otto gereizt hat: "Ich habe erst beim Hören gemerkt, wie persönlich die Geschichte ist. Aber ich glaube, dass es bei allen in den Medien so ist, dass man da relativ viel von sich preisgibt."

    Der Vater, ein Mörder

    Viele Kinder haben ein idealisiertes Bild von ihren Eltern. Nina Young hingegen wird schon als Kind gesagt, dass ihr Vater ein böser Mann ist und ihre Eltern sich im Gefängnis kennengelernt haben. Die ganze Wahrheit erfährt sie allerdings erst mit Mitte 20: Ihr Vater hat eine Frau ermordet.
    Einige Jahre später versucht sie herauszufinden, wer diese Frau war, wer ihr Vater ist und was sie mit ihm gemeinsam hat. Ihre Reise dokumentiert die Journalistin im Podcast "My father the murder". Die sechs Episoden erinnern an einen True-Crime-Podcast. Die Spannung steht hier klar im Vordergrund.
    Das sei klassisch für das Genre, meint Philipp Grammes, dennoch halte er nicht viel von reinen Unterhaltungsthrillern: "Ich finde True-Crime-Geschichten dann spannend, wenn man noch eine zweite Ebene hat. Wenn man sagt, wir kümmern uns hier um ein gesellschaftliches Phänomen." Außerdem neige die Journalistin in diesem Podcast dazu, ihr Reporter-Ich auszublenden. Ihr fehle ein Sidekick, der helfe, Dinge einzuordnen.
    Der Podcast "gestern ist jetzt" zeigt, wieso es so wichtig ist, in die eigene Geschichte zu schauen, und wie die Vergangenheit die Gegenwart prägt. Alles beginnt mit der Frage: Wer war mein Großvater und was war seine Rolle im Nationalsozialismus?
    Diese stellen sich die Journalistinnen Brigitte Baetz und Melanie Longerich. Obwohl beide unter anderem beim Deutschlandfunk arbeiten, handelt es sich hier um ein privates Projekt. Neben den Geschichten ihrer eigenen Großväter helfen sie auch anderen bei der Suche und zeigen auf, wie eine Recherche dieser Art ablaufen kann.
    "Über Podcast"-Moderator Mike Herbstreuth und Gast Philipp Grammes sprechen darüber, welchen Reiz solche Familiengeschichten haben und wie es Reporter*Innen schaffen können, dennoch eine gewisse Objektivität zu wahren - auch wenn es um sie selbst geht.

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