Trotz Fachkräftemangel

Wir brauchen immer noch ein Grundeinkommen

Eine Kinderhand hält einen Fünf-Euro-Schein.
Heute sollte niemand in Deutschland hungern oder frieren müssen, sagt Timo Rieg und hält ein Grundeinkommen für richtig. © imago / photothek / Ute Grabowsky
Ein Kommentar von Timo Rieg · 27.10.2022
In vielen Branchen werden Fachkräfte gesucht und damit sollte sich die Forderung nach einem Grundeinkommen doch erledigt haben. Nein, meint der Publizist Timo Rieg. Auch in Zeiten des Fachkräftemangels ist ein Grundeinkommen nötig. Gerade jetzt!
"Wir brauchen jede und jeden im Arbeitsmarkt. Arbeitskräftemangel bekämpft man nicht mit einem bedingungslosen Grundeinkommen." Das meint die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Ein bedingungsloses Grundeinkommen fürchten Arbeitgeber wie der Teufel das Weihwasser.
Schon die Aufstockung des Hartz-IV-Regelsatzes um etwa 50 Euro pro Monat unter dem neuen Namen Bürgergeld geht vielen zu weit. Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks mahnte, viele fragten sich, warum sie morgens um 7:00 Uhr schon arbeiten sollten, wenn Bürgergeld-Bezieher fast das Gleiche bekämen.
Die Sorge der Arbeitgeber gilt ihrem Humankapital. Über eine Million Arbeitskräfte sollen fehlen, zwei Drittel davon Fachkräfte. Der gesamte Politikbetrieb ist auf dieses Abhängigkeitsverhältnis gebaut, mit einem unüberschaubaren Geflecht von Gesetzen, Behörden, Steuern, Sozialversicherungen und Transferleistungen.

Ein neues "Betriebssystem" muss her

Es ist ein komplexes, fragiles System, an dem unentwegt geschraubt werden muss, um den Zusammenbruch zu verhindern. Deswegen braucht es ein bedingungsloses Grundeinkommen. Es braucht ein neues Betriebssystem.
Doch warum überhaupt Geld für nichts? Wozu eine garantierte Mindestsicherung anstatt: Jeder ist seines Glückes Schmied? Ganz einfach: weil es nicht mehr geht.
Denn die Kapitalisten haben die Erde längst aufgeteilt und Politiker haben alles mit Vorschriften eingehegt, sodass zum freien Glückschmieden gar kein Raum mehr ist.
Die soziale Ungleichheit beim Vermögen ist so groß, dass die wenigsten ohne reiches Erbe einen Selbstversorgerhof gründen können. Wir dürfen auch nicht als Jäger und Sammler im Wald leben. Wir sind bisher gezwungen, uns als Arbeitskräfte anzudienen.

Ein Grundeinkommen gewährt Freiheit

Das kann man natürlich als Zwischenergebnis des Kräftemessens hinnehmen, muss dann allerdings damit rechnen, dass dieses noch nicht zu Ende ist. Wer aber behaupten will, man werde in diesem Land frei geboren, der muss für ein bedingungsloses Grundeinkommen sein, damit sich jeder wenigstens ein Minimum an Freiheit kaufen kann: die Freiheit des Überlebens nämlich.
Mit dieser Freiheit ausgestattet wird sich natürlich einiges ändern, es wäre ein großer Wurf. Andererseits wird die Welt dann vermutlich auch nicht so anders sein, denn die Menschen bleiben dieselben. Wer heute Karriere machen will, will das auch mit Grundeinkommen. Wer heute nach sinnstiftender Arbeit sucht, kann das dann auf viel höherem Niveau.
Gerade wer als Fachkraft benötigt wird, sollte sich nicht aus purer Not heraus buckelig machen müssen für gerade mal etwas mehr als Hartz IV. Denn gesucht werden Menschen, die fachlich herausfordernde Aufgaben bewältigen können, die sich fortbilden, die Freude an ihrer Arbeit haben, die ihnen mehr gibt als nur das blanke Überleben. Mit gesichertem Grundeinkommen werden Mensch und Job besser zueinander passen.

Arbeitgeber fürchten den Machtverlust

Und diejenigen, die sich heute noch großspurig "die Arbeitgeber" nennen, obwohl sie doch "jede und jeden im Arbeitsmarkt" brauchen, werden endlich einsehen müssen, dass sie nicht Geber, sondern Nehmer sind:
Arbeitskraftnehmer, die nach Arbeitskraftgebern suchen und diesen dazu attraktive Angebote machen müssen. Wettbewerb wird doch immer großgeschrieben: Jobs, für die sich niemand mehr findet, wenn das pure Überleben gesichert ist, müssen attraktiver werden – oder sie verschwinden vom Markt.
Und die gigantischen Kosten? Es gibt unzählige Berechnungen, unterm Strich wird es jedenfalls gar nicht so teuer. Schließlich bekommt jeder eben nur ein Grundeinkommen und schon heute soll niemand in Deutschland hungern oder frieren müssen.
Aber es wäre ohne jede Bedingung, ohne Bürokratie. Damit verlieren Politik, Behörden und die beiden großen Lager Arbeitgeber und Gewerkschaften massiv an Macht. Nach "Zeitenwende"- und "Doppelwumms"-Milliarden dürfte die Finanzierung eines bedingungslosen Grundeinkommens viel weniger ein Problem sein, als dieser Machtverlust, den das Ende finanzieller Existenzangst mit sich bringen wird.

Timo Rieg hat Biologie und Journalistik studiert und arbeitet seit den 1990er-Jahren als Publizist. Für ein Basiseinkommen, das damals noch vielfach als "Bürgergeld" verhandelt wurde, warb er schon in seinem 2004 erschienenen satirischen Politikbuch "Verbannung nach Helgoland - Reich und glücklich ohne Politiker".

Porträtaufnahme des Autors Timo Rieg
© privat
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