Personalmangel

Langfristige Lösungen fehlen bisher

06:58 Minuten
Zahlreiche Reisende warten in Schlangen vor der Sicherheitskontrolle am Hamburger Flughafen.
An den Flughäfen herrscht in der Ferienzeit vielerorts Chaos. Es fehlt Personal bei der Sicherheitskontrolle, beim Bordpersonal und im Gespräckservice. © picture alliance /dpa / Bodo Marks
Elke Ahlers im Gespräch mit Ute Welty  · 02.07.2022
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Überall fehlen in Deutschland Fachkräfte. Nun soll kurzfristig Personal aus der Türkei an Flughäfen helfen. Arbeitsmarktexpertin Elke Ahlers spricht von einer Notlösung. Wichtiger findet sie, Fortbildungen und bessere Arbeitsbedingungen zu bieten.
Die chaotischen Zustände an vielen Flughäfen in der Ferienzeit machen den verbreiteten Fachkräftemangel in Deutschland für jeden sichtbar. Nun soll die Lage dadurch entschärft werden, dass aus der Türkei Arbeitskräfte angeworben werden.
"Das ist eine kurzfristige Notlösung, um den Fachkräftemangel dort punktuell zu reduzieren", sagt die Arbeitsmarktexpertin bei der Hans-Böckler-Stiftunh, Elke Ahlers. Allerdings sei das Problem komplex und langfristig müsse mehr getan werden.

Medienkampagne in der Türkei zur Anwerbung

Die Wirtschaftslage in der Türkei sei angesichts der hohen Inflation von rund 80 Prozent, der verbreiteten Arbeitslosigkeit und niederigen Löhnen derzeit desolat, so Ahlers. "Viele Menschen können sich einfach, wenig leisten."
Außerdem gebe es in der Türkei gerade eine große Medienkampagne, die auf den Fachkräftemangel in Deutschland aufmerksam mache. "Ihr habt in Deutschland eine gute Chance, bewerbt Euch, Ihr werdet da aufgenommen und könnt dort verdienen", sei der Tenor. Das stoße natürlich auf sehr großes Interesse.
Da die Gehälter auch für gut ausbebildete Menschen in der Türkei sehr niedrig seien, könne man erwarten, dass sie sich auch auf den Weg nach Deutschland machten, erwartet Ahlers.

Fehler aus der Vergangenheit vermeiden

Sollten Arbeitskräfte von dort kommen, sollte man aber aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, als ab den 1970er Jahren "Gastarbeiter" in die Bundesrepublik kamen, betont Ahlers: "Es muss dafür gesorgt werden, dass die Fachkräfte integriert werden, dass sie mehr Sprachkenntnisse erwerben können, dass sie nicht allein gelassen werden in der Wohnsituation, in der ganzen Lebenssituation."
Allerdings gehe es derzeit nur um kurzfristige Anwerbungen. "Langfristige Strategien sind noch gar nicht angedacht."

2,3 Millionen junge Leute ohne Berufsausbildung

Die Arbeitsmigration aus dem Ausland sei allerdings nur ein Baustein, um die Personalengpässe in Deutschland zu beheben, betont die Sozialwissenschaftlerin.
Daneben sei auch die Aus- und Weiterbildung in Deutschland sehr wichtig. Es gebe in ganz Deutschland derzeit 2,3 Millionen Menschen, die keine Berufsausbildung hätten.
Diese Menschen könnten weitergebildet werden und sollten dazu motiviert werden. Es gebe schließlich Fachkräftemangel in der IT-Branche, in der Pflege, aber auch bei vielen einfachen Tätigkeiten. "Da könnte man zumindest einige unterbringen."

Schlechte Arbeitsbedingungen schrecken ab

Ahlers sagt, es müsse zudem mehr auf die Arbeitsbedingungen geschaut werden. Gerade an den Flughäfen seien sie sehr schlecht. Aus Befragungen von Betriebs- und Personalräten wisse sie, dass mehr als die Hälfte der Befragten die schlechten Arbeitsbedingungen als Grund dafür nennen, warum die Bewerbungen ausbleiben. "Es ist gar nicht mal das fehlende Personal als solches, sondern es sind die schlechten Arbeitsbedingungen."
Bei Speditionen und in der Verkehrswirtschaft generell würden Mindestlöhne teilweise unterschritten und Arbeitszeitgesetze nicht eingehalten, die körperliche Belastung sei außerdem extrem hoch. "Da ist es kein Wunder, dass die Stellen frei bleiben", sagt Ahlers.
(gem)

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