Kommentar
Oktoberfest 2025: In Deutschland darf exzessiv gefeiert werden. Doch warum gelten solche Freiheiten nicht auch für Menschen, die arbeiten? © picture alliance / Geisler-Fotopress / Brigitte Saar
Freiheit und Regeln sind bei uns nicht in der Balance
04:26 Minuten

Beim Feiern darf es gern zum Exzess kommen, am nächsten Tag regieren dann wieder strikteste Gesetze und die Bürokratie: Wir leben in einem widersprüchlichem Land. Verantwortung und Freiheit sollten nicht nur Sonderrechte für Ausnahmezustände sein.
Es verblüfft mich immer wieder, was in Deutschland geht – und was nicht. Einerseits leben wir in einem Land voller Regeln, mit viel Kontrolle und Sanktionen, jedenfalls für Normalbürger. Strenge Steuergesetze, eine strenge Straßenverkehrsordnung, ein strenges Arbeitsrecht, ein strenges Umweltrecht. Und, jeder kennt es: bergeweise Bürokratie. Mit Formularen, Auflagen und Nachweispflichten.
Rasen, Sex und Kiffen: Wir haben große Freiräume
Andererseits haben wir Freiräume. Große Freiräume. Besucher aus anderen Ländern staunen über regelrechte Exzesse, die weltweit ihresgleichen suchen. Manche reisen dafür sogar an: um auf unseren Autobahnen zu rasen. Um in der Öffentlichkeit Cannabis zu rauchen. Um Sex als weit verbreitete Dienstleistung in Anspruch zu nehmen – denn in keinem europäischen Land gibt so viel legale Prostitution wie bei uns. Ganz zu schweigen vom ausschweifenden Alkoholkonsum. Nicht nur auf dem Oktoberfest und beim Karneval – aber dort ganz besonders, wie in den letzten Wochen wieder in meiner Heimat am Rhein.
Deutschlands Realität hat also zwei Seiten: einerseits Rauschzustände – mit Begründungen wie: Das sind Ventile. Das ist Brauchtum. Das bringt Umsatz. Andererseits ein Regelwerk, das Risiken minimieren und die Fehlerquelle Mensch eliminieren soll. Alles in allem ein seltsamer wie bemerkenswerter Widerspruch unserer Gesellschaft.
Mehr Freiheiten außerhalb der närrischen Zeit
Wie wäre es mit einer anderen Realität? Als Kölner plädiere ich nicht für weniger Spaß und genauso wenig für Anarchie. Aber ich frage, warum es nicht auch außerhalb der närrischen Zeit mehr Freiheiten geben kann – für alle, die arbeiten und Verantwortung tragen. Im Dickicht der Regeln fühlen sie sich gelähmt. Bürokratie frisst Zeit und Energie. Und sie frisst massenhaft Geld: Der Normenkontrollrat, ein unabhängiges Beratungsgremium der Bundesregierung, bezifferte 2025 die Kosten für Berichtspflichten von Unternehmen auf 65 Milliarden Euro. Pro Jahr. Das Ifo-Institut rechnet mit mehr als 140 Milliarden Euro für "entgangene Wirtschaftsleistungen". Es ist ein weiterer, eindeutig negativer Exzess.
Wie komisch unsere Realität ist, erleben wir alle an Silvester. Die idiotische, exzessive Böllerei darf der Umwelt schaden, während im Rest des Jahres strenge, manchmal drakonische Umweltauflagen herrschen. Ziemlich irre ist auch das an Absurdität grenzende Regelwerk, das den Karneval oder das Oktoberfest umzäunt: Wildpinkeln verboten. Auf-Ex-Trinken verboten. Erbrechen im Taxi – verboten. Damit sollen die Symptome der Ursache bekämpft werden. Als wäre Alkoholismus ohne Wildpinkeln, Exen oder Erbrochenes folgenlos, gratis, unproblematisch. Man scheint davon auszugehen, dass die Mehrheit die Verantwortung übernehmen kann für die gesundheitlichen Risiken ihres Lebenswandels.
Dabei wissen wir längst, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Dass Suchterkrankungen und Leberschäden keine rein private Angelegenheit sind.
Die deutsche Standortfrage der Gegenwart
Warum also nicht dieselbe Gelassenheit gegenüber Menschen, die nicht hart saufen, sondern hart arbeiten? Wo Vertrauen produktiver wäre als Kontrolle. Vertrauen in das, was der Soziologe Hartmut Rosa "Urteilskraft, Augenmaß und Fingerspitzengefühl des Einzelnen" nennt.
Ein paar Lösungen liegen auf der Hand: Bagatellgrenzen für Regelverstöße. Effiziente digitale Eingabemasken, die die Arbeit wirklich vereinfachen – statt mühsam auszufüllende Papier- oder PDF- Formulare. Und weniger Berichtspflichten für kleine Betriebe. Sie verbringen bis zu 20 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Bürokratie. Während auf manchen deutschen Autobahnen mehrere hundert Stundenkilometer okay sind, sollte niemand mehr mit Formularen kämpfen, die länger sind als jeder Bremsweg.
Die deutsche Standortfrage der Gegenwart lautet: Wollen wir ein Land sein, das Exzesse fördert und Produktivität hemmt? Oder eines, das beides in Einklang bringt, harmonisiert: Verantwortung und Freiheit sollten schließlich nicht nur Sonderrechte für Ausnahmezustände sein.







