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Sein und Streit | Beitrag vom 21.02.2021

Exzess in der PhilosophieGeistesgrößen im Vollrausch

Von Christian Berndt

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Mario Adorf, in der Rolle des Karl Marx, sitzt mit einem Schachbertt und einem Glas Alkohol am Tisch. (picture alliance / obs / ZDF / Julie Vrabelova)
Trinkfester Denker: Karl Marx, dargestellt von Mario Adorf, in einem ZDF-Dokudrama (picture alliance / obs / ZDF / Julie Vrabelova)

Philosophen gelten als diszipliniert. Dabei tranken Hegel, Marx oder Foucault so manchen unter den Tisch. Und auch Simone de Beauvoir war dem Wein sehr zugetan. Ein neues Buch widmet sich dem Durst prominenter Denkerinnen und Denker.

"Prost!" – der Redakteur hat wieder einen über den Durst getrunken, wie man in Raoul Pecks Film über den jungen Karl Marx anschaulich erleben kann. Die Darstellung sei wohl nicht übertrieben, meint Tobias Müller, einer der Autoren des Buches "Die Säufer und Säuferinnen", aus dem Marx besonders hervorsteche.

"Weil er eben nicht nur gern und viel getrunken hat, was in der damaligen Zeit durchaus keine Besonderheit war, sondern mit diesen Saufgelagen gewisse diskutable Verhaltensweisen gegenüber der sozialen Umwelt einhergingen", erläutert Müller. "Deshalb würde ich sagen, Marx war schon berüchtigt, da muss man wahrscheinlich kneipenerprobt sein, um mit dem fiktiven Marx abends um die Häuser ziehen zu können."

Ein gutes Buch, ein edler Tropfen

Marx ist wohl das trinkfesteste Beispiel aus dem Buch. Aber nicht das einzige, sagt Müller: "Hegel, auch immer wieder das geflügelte Wort, dass die Weinrechnung höher war als die Buchrechnung."

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Einen Zusammenhang zwischen den jeweiligen philosophischen Richtungen und den Trinkgewohnheiten ihrer Vordenker sieht Müller allerdings nicht. Das Buch solle den Alkoholismus auch nicht zur kreativen Stimulanz des Philosophierens verklären:

"Niemand dort hat ja konsumiert, um zu klarerer Erkenntnis zu kommen, sondern beides lief parallel. Etliche der vorgestellten Denkerinnen und Denker hatten kein besonders glückliches Verhältnis zum Alkohol."

Nüchternheit als philosophisches Credo der Antike

Wie etwa Simone de Beauvoir, die Aprikosen-Cocktail und Whiskey schätzte, aber erst nach Sartres Tod zur schweren Trinkerin wurde. Alkohol galt seit der klassischen Antike unter Philosophen eher als hinderlich fürs Philosophieren:

"In der Literatur wird es sehr häufig so dargestellt, dass mit Platon das Philosophieren ein Stück weit spezialisiert, in die Akademie verlagert wird, es ist ja fast schon Leistungssport."

Für den Erkenntnisgewinn wurde die Klarheit der Sinne zur Maxime. Ob ein Philosoph trank, hing in der Philosophiegeschichte nicht von der Denkschule ab. Aber eine Gemeinsamkeit fällt auf.

Trinken Konservative weniger?

"Was die politische Stoßrichtung angeht, ist ein Stück weit auffällig, dass wir einen richtig konservativen Denker oder konservative Denkerin nicht im Portfolio haben", sagt Müller. "Da könnte man zugespitzt vermuten, dass die Konservativen nicht so sehr die Notwendigkeit verspüren, sich ob des allgemeinen Weltschmerzes zu berauschen."

So wie die 1865 geborene österreichische Vordenkerin des Feminismus, Helene von Druskowitz. Als zweite Frau überhaupt promovierte sie in Philosophie – Nietzsche war ein Fan von ihr, bis sie sein Werk als oberflächlich und frauenverachtend kritisierte. Er schmähte sie daraufhin als "Literatur-Gans".

Druskowitz erwarb sich den Ruf der Männerhasserin, weil sie Frauen zur Eigenständigkeit aufforderte: "Was kümmern wir uns um die Männer? Die Männer sind uns doch eigentlich unwürdig, warum richten wir uns permanent nach den Männern aus?"

Entgleisender Konsum

Druskowitz forderte eine Art Frauenquote für die Politik und kritisierte die Reduzierung der Frau auf die Aufgabe der, wie sie sagte, "blöden Volksvermehrung".

Sie selbst scherte sich nicht um Konventionen, rauchte, trank und liebte Frauen, bis sie alkoholkrank in eine Anstalt gebracht wurde, wo sie die letzten 27 Jahre ihres Lebens verbrachte.

Eine traurige Alkoholkarriere machte auch der Aufklärer Salomon Maimon, dessen Schriften den deutschen Idealismus beeinflussten, dem aber als Jude eine akademische Karriere verwehrt blieb. Tage und Nächte verbrachte er in Kneipen, wo er Gespräche gegen Bier anbot.

Foucault konsumierte regelmäßig Drogen

Dagegen hatte Michel Foucault, der auch schon mal bei Abendgesellschaften betrunken vom Stuhl fallen konnte, den Konsum besser im Griff. Der französische Denker nutzte außerdem bewusstseinserweiternde Drogen, sagt Tobias Müller:

"Es gibt ja die These, dass Foucaults viel zitierter Death-Valley-Trip, der dann tatsächlich auch ein Trip war durch das konsumierte LSD, am Ende auch Einfluss auf sein weiteres Schaffen gehabt hätte."

Etwa auf sein Konzept, sich dem Konformitätsdruck moderner Gesellschaften durch eine spielerische Dekonstruktion der eigenen Identität zu entziehen. Das hieß für Foucault, sich eindeutigen Zuschreibungen, etwa der sexuellen Orientierung, zu verweigern.

Nietzsche: Rauschhaft ohne Alkohol

Dass für rauschhaftes Denken nicht unbedingt Rauschmittel nötig sind, bewies Friedrich Nietzsche, der aufgrund seiner schlechten Gesundheit zwar nicht zu Rauschmitteln neigte, aber "gleichzeitig gegen diese Nüchternheit, die ja auch zu seiner Zeit das Denken sehr stark dominiert hat, das Rauschhafte, Grenzensprengende heraufbeschworen und heraufgeschrieben hat."

Den Rausch fand er in der Musik Richard Wagners. In ihrem Zauber sah er die Kraft, den Menschen, der, so Nietzsche, nach dem Tod Gottes in eine Sinnkrise geraten ist, sich selbst göttlich werden zu lassen.

Mit Nietzsche schließt das sympathische Buch, das unterhaltsam und leicht verständlich Interesse für die Philosophie wecken will und tatsächlich neugierig macht auf die zum Teil vergessenen, aber umso schillernderen Denker und Denkerinnen dieser Auswahl.

Rotwein trinken muss man beim Lesen nicht, aber schaden kann es auch nicht.

Katapult (Hg.): "Die Säufer und Säuferinnen (Philosophen, Band 1)"
Mit Illustrationen von Manel Fontdevila
Katapult Verlag, Greifswald 2020
248 Seiten, 20 Euro

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