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Interview | Beitrag vom 09.09.2019

Extremismusforscherin Julia EbnerMit Kunst gegen radikale Weltbilder

Julia Ebner im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Auf dem Bildschirm eines Smartpones sieht man eine Antwort eines Users auf einen Post  auf Twitter. (dpa/ Fabian Sommer)
Extremismus äußert sich heutzutage auch in Hasspostings - die gefährlich sind, weil sie Menschen dazu animieren können, ihren Hass auch in der Realität auszuleben. (dpa/ Fabian Sommer)

Vor allem im Internet rekrutieren Islamisten, Rechtsradikale und Antifeministen neue Anhänger. Wie sie das tun, hat die Extremismusforscherin Julia Ebner recherchiert. Und sie hat auch ein paar Ideen, wie man der Radikalisierung entgegen wirken kann.

Das Internet ist ein Tummelplatz für Extremisten jeglicher Couleur: Islamisten, Verschwörungstheoretiker, Rechtsradikale und Antifeministen nutzen das Netz, um ihre Ideologie zu verbreiten – und um neue Anhänger zu rekrutieren.

Die Extremismusforscherin Julia Ebner hat sich deren Treiben zwei Jahre lang mit fünf bis sechs verschiedenen Identitäten angeschaut: online wie auch offline. Ergebnis: ihr Buch "Radikalisierungsmaschinen - Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren", das nun erschienen ist.

Extreme Inhalte werden mit Humor vermittelt

Julia Ebner, die am Institute for Strategic Dialogue in London zu Online-Extremismus forscht und mit zahlreichen Regierungsorganisationen und Polizeiorganen zusammenarbeitet, hat Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Extremisten festgestellt. Am Anfang werde man überall auf ähnliche Weise sehr schnell indoktriniert, berichtet sie: "Man kann auch relativ wenig Bescheid wissen in den meisten Gruppen. Man kann als naiver Neuankömmling hineingelangen."

Ein Portrait von Julia Ebner, Schriftstellerin und Journalistin, geboren 1991 in Wien. Sie forscht am Institute for Strategic Dialogue in London zu Thema Extremismus.  (Suhrkamp Verlag)Mit bis zu sechs Identitäten in extremistischen Foren unterwegs: Die Forscherin und Journalistin Julia Ebner. (Suhrkamp Verlag)

Die weitere Indoktrination erfolge dann auch auf spielerischer Weise. Manchmal sogar über Humor, so Ebner. So würden vor allem Rechtsextreme in Onlineforen auch mit Memes ihre Ideologie vermitteln. Extreme Einstellungen würden so teilweise verschleiert.

Die Forscherin berichtet zudem, dass es Schritt-für-Schritt-Anleitung für die Gewinnung neuer Anhänger gebe. Diese würden beispielsweise als "Rote Pille" bezeichnet – eine Referenz an den Hollywood-Film "Matrix", wo der Protagonist durch die Einnahme einer roten Pille zum ersten Mal sehe, wie die Welt wirklich sei.

Literatur hat ein großes anti-extremistisches Potential

Ebner hat nicht nur online, sondern auch außerhalb des Internets recherchiert. So war sie bei der Identitären-Bewegung und bei einem Rechtsrock-Konzert in Sachsen. Um der Radikalisierung entgegen zu wirken, setzt sie vor allem auf die Kunst. Diese könne viel mehr erreichen als Wissenschaft oder Politik, unterstreicht Ebner.

Das liege daran, dass es der Kunst möglich sei, "auf sehr subtile Art und Weise Grenzen zu überschreiten, auch Tabus zu brechen und Themen anzusprechen, die im politischen Diskurs nicht angesprochen werden". Außerdem sei es möglich, mit Kunst an Emotionen zu appellieren. "Ich denke, es liegt ganz viel Potential in der Literatur", sagt sie.

Kritik übt Ebner am Staat, der zu langsam reagiere. Vor allem die Algorithmen der großen Tech-Firmen müssten auf politischer, wenn möglich internationaler Ebene angesprochen werden. Nur so könne dafür gesorgt werden, "dass man nicht automatisch innerhalb von 24 Stunden in extremistischen Echokammern landet, wenn man sich einen neutralen Account erstellt".

Das sieht Ebner nicht als Einschränkung der Freiheit - vielmehr könne so die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit wiederherstellt werden. Denn die Algorithmen sorgten für eine Wahrnehmungsverzerrung.

(rzr)

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