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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 17.07.2018

Extremismus-Prävention "ReThink"Nachdenken über die eigene Identität

Von Joseph Röhmel

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Ahmad Mansour, Psychologe und Programmdirektor der European Foundation for Democracy (Imago / Jens Jeske)
Ahmad Mansour, Psychologe und Programmdirektor der European Foundation for Democracy (Imago / Jens Jeske)

Freiheit, Individualität und liebevolle Unterstützung kommen in patriarchalen Familien oft zu kurz, sagt der Psychologe Ahmad Mansour. In Rollenspielen vermittelt er Jugendlichen, wie sie sich gegenüber Eltern oder religiösen Autoritäten behaupten können.

Schauspieler: "Wir sind Glaubensbrüder. Ich möchte nicht, dass du am Ende in der Hölle landest. Ich möchte nicht, dass du darunter leidest." 

Ein Stuhlkreis in einem Klassenzimmer in Oberbayern. Viel Licht fällt in den Raum der staatlichen Berufsschule Eichstätt. Es ist Zeit für Rollenspiele. Es geht um einen strengreligiösen Imam, der fürchtet, der schlechte westliche Einfluss - Partys, Drogen, Sex – könnte einen jungen Mann verderben. Weil dieser am Ramadan nicht fastet.

Schauspieler: "Ist das jetzt eine Prüfung oder was?"

Schauspieler: "Ist keine Prüfung. Aber warum gibst du mir keine Antwort? Du lebst hier in diesem Land und du bist richtig verdorben."

300.000 Euro vom bayerischen Sozialministerium

Die beiden Männer, die dieses gespielte Streitgespräch führen, sind Teil von ReThink – ein Projekt, das das bayerische Sozialministerium mit 300.000 Euro fördert. Die Rollenspiele sollen Flüchtlinge zum Nachdenken anregen. Welche Werte und Regeln gibt es in Deutschland? Im Stuhlkreis sitzen die Schauspieler von ReThink gemeinsam mit Flüchtlingen aus Asien und Afrika. Zu ihnen gehört ein junger Afghane. Er findet das Projekt gut. Er lerne etwas über sich selbst und seine Mitmenschen, berichtet er.

"Man kann etwas über Beziehungen lernen: zur Familie, seiner Frau oder seinen Kindern."

Beifall.

Ahmad Mansour: "Ihr leistet was Unglaubliches. Ihr seid zwei, drei Jahre in Deutschland."

Sagt der Psychologe Ahmad Mansour. Er ist Mitbegründer der Initiative, die die Workshops des Projekts ReThink organisiert, der "Mansour-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention".

"Streng religiös oder sehr, sehr nationalistisch"

Mit seinen Mitarbeitern besucht Mansour Berufsintegrationsklassen in ganz Bayern. Zu seinem siebenköpfigen Team gehören fast ausschließlich Psychologen, Theaterpädagogen und Lehrer: Menschen muslimischen Glaubens und mit Migrationshintergrund. So wie der Palästinenser Ahmad Mansour selbst, der seit 2004 in Deutschland lebt.

Oder sein Kollege Yilmaz Atmaaca: "Ich bin mit strengreligiösen Menschen aufgewachsen. Meine besten Freunde waren entweder sehr streng religiös oder sehr, sehr nationalistisch. Und ich habe in meiner Art und Weise halt meine Meinung mitgeteilt, die kritisiert, fragen gestellt, die für die unangenehm waren. Das ist meine Geschichte, mein Prozess."

Die Rollenspiele sind aus Sicht des Psychologen Mansour ein Ankerpunkt, eine kreative Form, um mit den Workshop-Teilnehmern ins Gespräch zu kommen.

"Wenn man über Integration redet, dann redet man nicht über Wissenschaft, man redet über Menschen. Man redet über Ängste, man redet über Entwicklungen und über Enttäuschungen, die Menschen erlebt haben."

Antisemitismus, Islamverständnis oder Gleichberechtigung

Es ist bereits der zweite Besuch von Mansour und seinem Team innerhalb von ein paar Monaten. In den Rollenspielen geht es zum Beispiel um Antisemitismus, Islamverständnis oder Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die Leiterin der Berufsintegrationsklasse, die an ReThink teilnimmt, wirkt sehr zufrieden mit dem Projekt. Ihren Namen will die Lehrerin nicht in diesem Beitrag hören, äußert sich aber trotzdem vor dem Mikrophon.

"Diese Workshops sind wirklich absolut sinnvoll und die bringen bei den Schülern wirklich was, weil sie einfach über ihre eigene Identität nachdenken. Was können sie ändern, um ihre Kultur nicht zu verlieren und trotzdem nicht anzuecken."

Auch patriarchale Strukturen werden in einem Rollenspiel thematisiert. Wenn ein Vater seinem Sohn Vorwürfe macht, weil dieser trotz Nachhilfe "nur" die Note Drei in Mathe nach Hause bringt.

Sohn: "Jetzt ist es das erste Mal, dass ich richtig gelernt habe und besser wurde. Ich würde mir mal wünschen, dass du sagst, hast du gut gemacht. Mach weiter so!"

Vater: "Wenn ich dir das sage, dann gibst du auf. Ich bin dein Vater. Kuck mal, wo wir stehen. Ich muss dich puschen."

Beifall.

Mansour: "Kinder brauchen Freiheit, Kinder brauchen Individualität. Kinder brauchen Unterstützung, brauchen Liebe. Und das ist etwas, was in vielen patriarchalen Strukturen nicht vorhanden ist."

"Ich war auch neu in Deutschland"

Nach dem Rollenspiel wird diskutiert. Die Schüler der Eichstätter Berufsintegrationsklasse sprechen über ihre Eindrücke. Einer zum Beispiel sagt, dass er nicht gut findet, dass der Vater seinem Sohn solche Vorwürfe macht. Stattdessen sollte der Vater ihn loben und ermutigen, noch besser zu werden, findet er:

"Er hat immer die Note Fünf gehabt. Und heute hat er Note Drei. Und sie müssen ihm sagen, dass er was gut gemacht hat."

Mansour: "Ihr kennt das auch. Ich war auch neu in Deutschland. Und mein Vater hat jeden Tag angerufen und gefragt, wie weit bin ich mit der Sprache. Habe ich es schon geschafft? Habe ich schon mein Zertifikat bekommen? Habe ich schon mit dem Studium angefangen? Da habe ich das verneint. Ich habe gesagt, dass ich erst drei Monate in Deutschland bin und noch Zeit brauche.

Wer bei ReThink mitmacht, der soll über Rollenspiele verstehen lernen, wie wichtig Zuspruch ist. Auch um Selbstbewusstsein zu entwickeln, um in der Gesellschaft anzukommen. Dann können Menschen radikalen Kräfte leichter widerstehen – zum Beispiel den Versprechen der Salafisten.

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