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Im Gespräch | Beitrag vom 13.03.2019

Extremismus-Experte Thomas MückeNiemand wird aufgegeben

Moderation: Katrin Heise

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Thomas Mücke steht vor einer hellen Wand und trägt ein gestreiftes Hemd. (Sven Klages)
Thomas Mücke vom Violence Prevention Network (Sven Klages)

Ob im Knast, in der Schule oder auf der Straße: Seit 30 Jahren arbeitet Thomas Mücke mit Jugendlichen, die sich zu radikalisieren drohen oder schon straffällig geworden sind. Den Glauben, dass sich Menschen ändern können, hat er nie verloren.

Vor der Radikalisierung gebe es immer "einen Schmerz", sagt Deradikalisierungsexperte Thomas Mücke.

"Manchmal ist es auch nur eine temporäre Krise, der Tod eines engen Familienangehörigen zum Beispiel, und die extremistische Szene versteht es, emotionale Probleme, die Menschen haben, für ihre Zwecke zu missbrauchen."

Seine Organisation "Violence Prevention Network" versucht, Gefährdete rechtzeitig den Fängen der Extremisten zu entziehen.

Innerhalb von Stunden vor Ort

"Manche sagen, eigentlich wäre es egal gewesen, wer mich angesprochen hätte. Wäre ich wahrgenommen worden, dann hätte jeder kommen können. Und das ist ja auch, was wir machen. Wir zeigen ja Interesse für die Person erstmal. Wir machen sie neugierig auf uns. Und dann kann man erstaunlicherweise feststellen, dass doch eine ganze Menge von Menschen gesprächsbereit sind."

Der Verein "Violence Prevention Network" wurde vor 15 Jahren gegründet – zunächst mit sechs Mitarbeitern. Oft werden sie von Menschen aus dem Umfeld eines Jugendlichen informiert, die eine Wesensveränderung beobachten.

"Dann sind wir innerhalb von Stunden vor Ort."

In den vergangenen Jahren ging es zunehmend um islamistische Radikalisierung, "Violence Prevention Network" kümmert sich aber genauso um Jugendliche, die in die rechtsextreme Szene abzurutschen drohen. Im Gefängnis bietet das Team Beratung für bereits radikalisierte Insassen, um ihnen zu helfen, aus der Szene auszusteigen und sich nach der Haft in die Gesellschaft zu integrieren.

Gefragt ohne zu bewerten

Angefangen hat Thomas Mücke vor über 30 Jahren, indem er im Norden von Berlin Jugendliche unterstützte, die Opfer von rechter Gewalt geworden waren. Damals suchten er und seine Mitstreiter Kontakt zur rechten Szene in der Hoffnung auf Deeskalation, und er ließ sich sogar auf ein Treffen ein: 

"Dann bin ich hingegangen, habe mich nach dem Gegröle, das man hörte ausgerichtet. Und plötzlich stand ich da vor den Leuten, zwanzig vor mir, zwanzig hinter mir, damit ich auch nicht mehr weggehen konnte. Das war erstmal ein bedrohlicher Kreis gewesen.

Und die erste Frage war: Warum trägst du nicht einen Aufkleber `Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein‘? Dann habe ich ihnen erklärt, warum ich das nicht möchte. Und diese ehrliche Antwort hat sie wohl überrascht. Und dann habe ich sie, ohne zu bewerten, gefragt: 'Warum tragt Ihr solche Aufkleber?‘, und so kamen wir plötzlich ins Gespräch."

Als Jugendlicher litt Thomas Mücke selbst unter dem dogmatischem Denken einer strengen katholischen Erziehung. Mit sechzehn trat er aus der Kirche aus und bezeichnet sich heute als "organisierten Atheisten".

Ausbildung von Multiplikatoren

Der Deradikalisierunsgexperte ist zur Zeit weniger mit pädagogischer Arbeit als vor allem damit beschäftigt, sein Wissen aus drei Jahrzehnten Sozialarbeit an die mittlerweile 120 Beschäftigten weiterzugeben. Außerdem organisiert der Verein Präventionsveranstaltungen an Schulen und bildet Multiplikatoren aus.

Das Bewusstsein für die Wichtigkeit von Prävention sei in den letzten Jahren in der Gesellschaft angekommen, sagt der Berliner. Dennoch sei die Finanzierung nach wie vor nur von Projekt zu Projekt gesichert.

Im Zusammenhang mit der Diskussion, ob Deutschland ehemalige IS-Kämpfer wieder einreisen lässt, sagt er, dass es wichtig sei, die Betreffenden für ihre Verbrechen zur Verantwortung zu ziehen. Aber sie seien durchaus wieder integrierbar.

"Wir haben auch eine Verantwortung, denn in Europa ist es ja passiert, dass Terrorismus exportiert worden ist, auch wenn keine Regierung es gewollt hat. Das sind Menschen, die aus dieser Gesellschaft gekommen sind."

Und es gebe eine zweite Verantwortung, nämlich für die Kinder der jungen Frauen, die sich dem IS angeschlossen hatten.

"Wir müssen dafür sorgen, dass diese Kinder schnell aus der Situation heraus kommen und in einer sicheren Umgebung aufwachsen können."

(so)

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