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Interview | Beitrag vom 07.08.2020

Extreme Trockenheit"Das Wasser könnte irgendwann knapp werden"

Claas Nendel im Gespäch mit Liane v. Billerbeck

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Dränagekanäle helfen, Regenwasser abzuleiten und in Trockenperioden für die Felder wieder nutzbar zu machen. (picture alliance / Photoshot)
Was tun gegen Regenmangel im Hochsommer? Eigentlich gebe es genügend Wasser in Deutschland, man müsse es aber auf die Felder bringen, sagt Claas Nendel. (picture alliance / Photoshot)

Die nächste Dürreperiode steht bevor, die Landwirtschaft leidet. "Die Winterniederschläge verpuffen ungenutzt", sagt der Agrarlandschaftsforscher Claas Nendel. Er fordert Maßnahmen zur Wasserspeicherung und zur Verbesserung des Humus auf den Äckern.

Liane von Billerbeck: Hochsommerlich heiß wird es, sehr heiß, sehr trocken, und das ist es ja schon vielerorts seit Wochen, seit Monaten, seit Jahren, könnte man sagen. Die extremen Dürreperioden nehmen auch bei uns zu, und das gilt auch für die Agrarflächen, die Probleme mit dieser Dürre haben. Die Klimaerhitzung ist unübersehbar, im Großen wie im Kleinen. Die Begrenzung des CO2-Ausstoßes scheint sehr schwierig, aber könnte man vielleicht im Kleinen etwas machen?

Diese Frage geht an Claas Nendel, er ist Professor für Landschaftssystemanalyse an der Uni Potsdam und forscht am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung – die Landschaft braucht viel Wasser, sie verbraucht viel Wasser. Könnte man da nicht einfach, statt wild über das Feld zu beregnen, gezielter wässern, beispielsweise mit Tröpfchenbewässerung?

Nendel: Das könnte man natürlich tun. Das Problem mit der Tröpfchenbewässerung ist allerdings, dass die Tröpfchenbewässerung sehr viel Material braucht, und Sie müssen sich vorstellen, jeder Schlauch muss so verlegt werden im Feld, dass jede Pflanze an ihrem Fuß ein Tröpfchen Wasser abbekommt. Das ist ein teurer Spaß.

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Das kann man sich nur leisten, wenn man etwas auf dem Feld wachsen lässt, was nachher sehr viel Geld einbringt. Man kann das also mit Gemüse machen. Gemüse braucht eine etwas größere Standfläche. Da muss man nicht so viel verlegen und das kann man sehr teuer verkaufen. Da lohnt sich das. Aber wenn Sie sich vorstellen, wie dicht die Halme auf einem Getreidefeld stehen - das lässt sich dort beim besten Willen nicht realisieren.

Billerbeck: Wenn wir uns Wälder oder Agrarflächen ansehen: Wenn es dort länger nicht geregnet hat, ist es dort knochentrocken. Man hört jedes Insekt rascheln auf dieser Trockenheit. Haben die Landwirte bei uns genug Wasser zur Verfügung?

Nendel: Bis jetzt ja. Das Wasser ist ja quer über Deutschland etwas ungleich verteilt. Wir haben im Westen etwas mehr Wasser zur Verfügung als im Osten. Wir beobachten aber auch, dass die Grundwasserspiegel langsam sinken, insbesondere in den letzten Jahren können wir das wirklich messen. Es haben noch nicht alle Landwirte angefangen, wirklich intensiv zu bewässern. Wenn man sich vorstellt, dass jetzt mehrere Landwirte Geld in die Hand nehmen, in eine Bewässerungsanlage investieren und anfangen, Wasser aus dem Grundwassersystem zu entnehmen, um zu bewässern, dann könnte es am Ende vielleicht doch irgendwann knapp werden.

Reservoirs bauen und Wasser speichern

Billerbeck: Nun wissen wir ja: Wenn es dann regnet, dann regnet es meistens sehr viel und sehr stark. Welche Möglichkeiten gäbe es, dieses Wasser in der Landschaft zu halten, auch für die Felder?

Nendel: Das ist genau der Ansatz, der verfolgt werden muss. Wir haben über das Jahr eigentlich ausreichend Niederschläge, nur leider ist es sehr schlecht verteilt. Die Winterniederschläge verpuffen quasi ungenutzt. Die Pflanze wächst in der Zeit nicht.

Es muss also daran gearbeitet werden, die Winterniederschläge möglichst in der Landschaft zu halten. Das eine kann man natürlich technisch lösen, indem man Reservoirs für die Bewässerung baut und dort das Wasser so lange speichert, bis es im Sommer gebraucht werden kann. Aber – und das können die Landwirte vielleicht auch etwas einfacher gestalten – sie können auch ihren Boden fit machen, sodass er das Wasser etwas besser speichern kann, als bis etzt.

Das Zauberwort hier heißt Humus. Böden mit hohem Humusgehalt sind in der Lage, Wasser besser zu speichern. Das Speichervermögen des Bodens hängt natürlich ein wenig von seiner Körnung ab, also ob es sich um einen sandigen oder eher einen tonigen Boden handelt. Aber mit höheren Humusgehalten ist das Einsickern des Regenwassers, die sogenannte Infiltration, und auch das Speichervermögen sehr viel besser.

Billerbeck: Wieso wissen das die Bauern nicht, dass man den Humusgehalt des Bodens hoch haben muss, damit der das Wasser besser speichern kann? Das ist doch irgendwie Kindergartenwissen.

Nendel: Das sagt sich so einfach daher, und auf einer kleinen Gartenfläche hinterm Haus lässt sich das natürlich auch wunderbar machen. Aber wenn Sie sich vorstellen, dass Sie mehrere, vielleicht sogar hunderte Hektar bewirtschaften, dann ist diese Investition in den Humus auch immer mit Arbeit und vor allen Dingen mit Geld verbunden. Das heißt, ich müsste vielleicht einmal eine Zwischenfrucht anbauen, und diese Zwischenfrucht arbeitet für den Humus, aber ich kann sie nicht verkaufen. Dann verdiene ich kein Geld damit. Ich müsste eine organische Düngung - vielleicht etwas Kompost oder Stallmist - einbringen. Stallmist haben die Landwirte, die gleichzeitig eine Tierproduktion haben. Aber die anderen, die nur Pflanzen produzieren, müssten den einkaufen.

Auch den Kompost kriegt man nicht kostenlos, und er muss natürlich auch auf die Felder gebracht werden. Das heißt, ich muss noch mal mit dem Traktor rüberfahren. Das kostet mich wieder Diesel. Der Landwirt muss ja immer rechnen. Das ist alles Spitz auf Knopf. Da verzichtet der eine oder andere Landwirt gerne darauf, in den Boden zu investieren. Vor allem dann, wenn es gar nicht seine eigene Fläche ist, sondern er die Fläche vielleicht nur gepachtet hat und sie in fünf Jahren wieder abgeben muss.

Luftkanäle in den Städten sind wichtig

Billerbeck: Aber dann ist der Boden eben ausgelaugt, und man muss ihn erst mühsam wieder aufbauen. Nun reden wir hier über über die Landwirtschaft, aber diese Erhitzung spielt sich ja auch in den Städten ab. Es gab diese Woche einen Vorschlag von Bündnis 90/Die Grünen, dass man etwas unternimmt, damit sich die Städte nicht dermaßen aufheizen, sondern dass man auch die verändert, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Was lässt sich da tun?

Nendel: Die Städte haben tatsächlich nicht das Problem, dass ihnen das Wasser fehlt. Zwar haben wir das auch schon erlebt, dass irgendwann mal die Trinkwasserreserven so knapp wurden, dass man zum Wassersparen aufgerufen worden ist. Aber das ist momentan nicht das eigentliche Problem, sondern es ist die Hitze. Wir haben sehr viele Flächen in der Stadt, die zur Verfügung stehen, um die Sonnenstrahlung in Wärme umzuwandeln und sie wieder abzugeben. Es wird sehr viel heißer in den Städten als im Umland. Wir haben in der Vergangenheit gesehen, dass gerade in Großstädten wie Berlin relativ rücksichtslos in der Stadt gebaut wird. Es werden Lücken geschlossen, die eigentlich vor Jahrzehnten vorgesehen waren, um Luft durch die Stadt streichen zu lassen. Da sind von den städtischen Architekten Luftkanäle vorgesehen worden, sodass die heiße Luft aus der Stadt herausgeblasen werden kann. Diese Kanäle werden zugebaut. Das darf natürlich nicht sein.

Natürlich kann man in der Stadt auch versuchen, die Verdunstung mit viel Grün hochzuhalten. Pflanzen, die verdunsten, nehmen Wärme quasi mit und haben einen Kühlungseffekt. Den kann man in der Stadt nutzen – genau wie eine, sagen wir mal, intelligente Bebauung, die auf Beschattung setzt. Wir kennen sehr viele architektonische Beispiele, wo Beschattung gezielt eingesetzt wird, um so einen Kühlungseffekt in der Stadt zu erreichen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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