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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 09.03.2018

Exorzismus im Jahr 2018Ist das Böse auf dem Vormarsch?

Von Martin Tschechne

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Ein Motiv des Street-Art-Künstlers "Alias" - Ein Junge im roten Pullover hält seine Hände an den Kopf und zeigt "Hasenöhrchen", aufgenommen in Berlin am 30.08.2013. Berlin ist ein Zentrum für Street Art, das Künstler aus dem In- und Ausland anzieht. Alias ist mit seinen Werken in Berlin sehr präsent. Kinder ohne Gesicht, ein Mädchen mit Teufelshörnern und Rosen, eine Katze mit Brille - Alias wirkt immer eigen und doch gesellschaftskritisch. Dabei bleibt er seinem Stil stets treu und immer spielt er mit seiner Signatur, die er in vielen Varianten zeichnet. (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)
Ein Motiv des Street-Art-Künstlers "Alias": Martin Tschechne ist dem Phänomen Exorzismus auf der Spur. (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)

Krieg, Terror, Mord: Die Lage der Welt drängt uns die Frage auf, ob das Böse auf dem Vormarsch ist, meint der Publizist Martin Tschechne. So habe auch der Exorzismus Konjunktur. Allein in Deutschland gebe es vermutlich zehn Teufelsaustreibungen - pro Tag.

Ein junger Mann, der mit dem Lastwagen in eine Menschenmenge rast. Ein Ehepaar, das Sklavinnen quält und tötet, um am Ende ihre Asche auf dem Gehweg zu verstreuen. In der Türkei ein Despot, der jeden Zweifel an seiner Herrlichkeit als Terrorismus verfolgt. Das besinnungslose Bombardement von Ostghuta in Syrien. Oder ein Präsident der USA, der sich in den Diktator von Nordkorea verbeißt und bereit ist, zur Not den ganzen Globus seinem Zorn zu opfern: Oh doch, es gibt das Böse in der Welt!

Und nicht wenige meinen, die Zeichen zu erkennen, dass es sich verdichtet, seine Truppen sammelt, um in die entscheidende Schlacht zu ziehen. Die Reiter der Apokalypse sind unterwegs, die Posaunen des Untergangs schon zu vernehmen.

Gottesfurcht setzt Furcht voraus

So steht es in der Offenbarung des Johannes am Ende des Neuen Testaments. Die Kultur des christlichen Abendlandes hat die Bilder der künftigen Schlachten aus ihren Kathedralen bis in die Köpfe der Gläubigen verbreitet.

Und auch die Propheten des Judentums oder des Islam haben ihre Visionen vom Ende der Zeit in düsterem Detail ausgearbeitet. Gottesfurcht setzt Furcht voraus. Und man muss schon ein sehr sonniges Gemüt haben, um sich von den satanischen Energien nicht niederdrücken zu lassen.

Oder was ist mit dem Jungen, der rückwärts die Wand seines Zimmers hinaufläuft? Mit Menschen, die plötzlich in fremden Zungen sprachen? Erst der eilig zu Hilfe gerufene Geistliche erkannte sie als Altgriechisch oder Hebräisch. Was ist mit Kindern, die über ihren Betten in der Luft schwebten, grünen Schaum vorm Mund, und mit Geisterstimme wüste Drohungen hervorstießen?

Gary in Indiana ist ein trostloser Ort, auch ohne solche Phänomene. Aber die Geschichte des verwunschenen Hauses dort ging durch sämtliche Zeitungen.

Das nächste Exorzismus-Seminar ist im April

Nun liegt es in der Natur des Menschen, seinem Streben eine Struktur zu geben. Berufsverbände und Approbationsordnungen regeln die Abläufe einer aufgeklärten Gesellschaft in aufgeklärter Zeit. Auch Teufelsaustreiber streben nach Kündigungsschutz und sozialer Anerkennung. Also nimmt die Kurie ihre Vorhut für die letzte aller Schlachten in Schutz, definiert ihre Kompetenzen und regelt die Abläufe.

In 30 Ländern arbeiten Exorzisten mit dem offiziellen Segen der Kirche. Höchstens die Abrechnung über die Kassen wäre noch zu verhandeln. Bis dahin lädt die katholische Universität Regina Apostolorum in Rom zu Seminaren über Theorie und Praxis des Kampfes gegen das Böse. Anmeldung online, 300 Euro Kursgebühr plus 250 für die Übersetzung ins Englische; der nächste Termin wäre im April.

In Italien scheint die Not besonders groß. Eine halbe Million Fälle, so berichtet ein mit allen Weihwassern gewaschener Exorzist, warte dort jedes Jahr auf tätigen Widerstand. Nach den Parlamentswahlen könnte sich nun zusätzlicher Bedarf ergeben.

Der wahre Satan unter ganz anderen Namen

Aber auch in Deutschland, so vermuten Kenner der Szene, seien es zwei bis drei Teufelsaustreibungen täglich unter den Augen der katholischen Kirche. Hinzu kommen sechs bis sieben aus den Reihen der Freikirchen und der esoterischen Szene.

Zehn pro Tag also, drei- bis viertausend im Jahr, nicht gerechnet die Rituale etwa der muslimischen Gemeinde, die zwar in berufsständischer Hinsicht weniger stringent organisiert sind, dafür aber sensibler reagieren – etwa, wenn sie auch Homosexualität als Beweis für die Anwesenheit des Teufels deuten. Und entsprechend drastisch behandeln.

Vielleicht hilft der Rat eines katholischen Geistlichen aus der norddeutschen Diaspora: Erstmal Sozialarbeit leisten, erstmal Seelsorge verabreichen oder eine handfeste Psychotherapie. Und dann vielleicht erkennen, dass der wahre Satan unter ganz anderen Namen auftritt, nämlich als Krieg und Hass, als Dummheit, Gier und Selbstherrlichkeit.

Martin Tschechne (privat)Martin Tschechne (privat)Martin Tschechne ist promovierter Psychologe, arbeitet als Journalist und lebt in Hamburg. Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie DGPs zeichnete ihn 2012 mit ihrem Preis für Wissenschaftspublizistik aus. Zuvor erschien seine Biografie des Begabungsforschers William Stern (Verlag Ellert & Richter, 2010).

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