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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 04.08.2016

Ex-Astronaut Ulrich Walter"Ich musste einen Reisekostenantrag stellen"

Moderation: Matthias Hanselmann

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Der deutsche Wissenschaftsastronaut Ulrich Walter am 26.4.1993 auf dem Weg zur Startrampe kurz vor dem Start der Raumfähre Columbia von Cape Canaveral. (dpa / picture alliance / epa AFP)
Der deutsche Wissenschaftsastronaut Ulrich Walter am 26.4.1993 auf dem Weg zur Startrampe kurz vor dem Start der Raumfähre Columbia von Cape Canaveral. (dpa / picture alliance / epa AFP)

Ulrich Walter war als Astronaut im Weltall und kann skurrile Anekdoten aus der Berufspraxis erzählen: So hatte der Betriebsrat ungewöhnliche Bedenken - und bei der Reisekostenabrechnung sprangen trotz 6,7 Millionen geflogenen Kilometern nur 34 Dollar für ihn heraus.

Ulrich Walter ist einer von elf Deutschen, die schon einmal im Weltall waren. Zehn Tage lang umkreiste der Wissenschaftler 1993 an Bord der "Columbia" die Erde. Schon bei der Bundeswehr wollte Walter hoch hinaus, mit Anfang 20 wurde er dort Ausbilder an der Heeresflugabwehrschule.

Heute ist er Professor für Raumfahrttechnik an der TU-München, forscht und schreibt über das Weltall. Eines seiner Spezialgebiete ist die Satelliten-Technik und Abbildung der Erde von ganz oben.

Im Gespräch mit Matthias Hanselmann plauderte er über die Reise zum Mars, über Pannen im All und die Frage, warum der Mond nach wie vor so wichtig ist für die Raumfahrt.

Der Physiker und ehemalige Astronaut Ulrich Walter (picture alliance / ZB / Thomas Schulze)Der Physiker und ehemalige Astronaut Ulrich Walter (picture alliance / ZB / Thomas Schulze)

"Wir wollen langfristig zum Mars. Wir können nicht einfach dort hinfliegen, denn wir haben die Technologien noch nicht zur richtigen Reife gebracht. Also müssen wir zum Mond. Da zeigen wir, dass sie wirklich über Monate vielleicht Jahre funktioniert. Wenn sie nicht funktionieren, und das ist jetzt der entscheidende Punkt, sind wir innerhalb von zwei bis drei Tagen wieder zurück. Nicht so, wenn wir zum Mars fliegen. In dem Augenblick, wo wir den Schuss zum Mars gesetzt haben, sind wir vor zweieinhalb Jahren nicht zurück und das ist eine lange Zeit. Das heißt, wir müssen erstmal Technologien ausprobieren – und dazu ist der Mond ideal."

"Wir werden nie wissen, wo und wer sie sind"

Ulrich Walter wird immer wieder gefragt, ob es weiteres Leben im All gibt:

"Natürlich muss es das geben, denn allein unsere Existenz bedient ja die Aussage: 'Ja es ist möglich, dass aus – ich weiß nicht – aus unorganischer Materie, organische Materie entsteht und damit auch Leben.' Unser Planet hat es ja gezeigt. Und wenn es einmal passieren kann, dann muss es in einem unendlich großen Universum – wir wissen inzwischen, dass es so ist – muss es öfter passieren, tatsächlich unendlich oft. Das Problem dabei ist nur, diese nächsten Zivilisationen werden Milliarden von Lichtjahren entfernt sein. Und wir wissen jetzt schon wegen dieser Riesenentfernung, dass wir nie und ich betone wirklich NIE in unserer Menschheit Kontakt mit ihnen haben werden, weil selbst das Licht Milliarden Jahre braucht, um dort hinzukommen. Und wir werden deswegen auch nie wissen, wo sie sein werden und wer sie sind."

Auch wenn sein Flug um die Erde gerade einmal zehn Tage gedauert hat, habe er ihn verändert, gesteht der heute 62-jährige: "Wenn Sie einmal die Erde mit Abstand sehen, dann sehen Sie, dass unser 'Kokon-Blick' falsch ist."

Amüsiert erzählt er von der Bürokratie, die ein solcher Weltraumflug mit sich bringen kann. Denn Astronauten sind im öffentlichen Dienst angestellt: "Wenn Sie in den Weltraum fliegen, dann ist das Teil Ihres Jobs. Um genau zu sein, dafür kriegen Sie kein zusätzliches Geld. Im Gegenteil - das Problem war: Wir waren da oben und wir hatten zwei Schichten. Jede Schicht dauerte zwölf Stunden. Das ging rund um die Uhr. Und dann kam der Betriebsrat und hat gesagt: 'Hört mal, das dürft ihr nicht machen, denn ihr dürft nicht täglich mehr als zehn Stunden arbeiten – und das in zehn Tagen … Ihr dürft also nicht hochfliegen'."

Das zweite Problem war die Reisekostenabrechnung:

"Sie müssen wirklich einen Reisekostenantrag machen. Da müssen Sie wirklich ein Formular ausfüllen: Wo wollen Sie hin? Ja, Erdorbit und so … und dann geben Sie das ab und dann wird es ja abgezeichnet: 'Ja, Sie dürfen ja fliegen.' 
Dann fliegt man und wenn man zurückkommt, macht man natürlich eine Reisekostenabrechnung."

Bei 6,7 Millionen geflogenen Kilometern à seinerzeit 32 Pfennig Pauschale hätte ein guter Gewinn herausspringen können. Dem war aber nicht so. Am Ende bekam er schnöde 34 Dollar ausbezahlt.

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