Events der Erinnerungslosigkeit

Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres in Marseille am 12. Januar 2013 © picture alliance / dpa Foto: Mercier Serge
Von Marko Martin · 22.03.2013
Den stolzen Titel "Europäische Kulturhauptstadt 2013" tragen Košice und Marseille. Zu erleben ist in beiden Städten eine korrekte Gegenwart ohne jeden Bezug zur europäischen Geschichte - ein dröhnendes Verschweigen.
Wir wollen uns nicht über das ostslowakische Košice mokieren. Präsentiert sich doch das ehemalige Kaschau, einst eine slowakisch-deutsch-jüdisch-ungarisch gemischte k.u.k. Stadt, keineswegs nationalistisch.

Im Gegenteil: Man ist weltoffen mit allerlei "Festivals of Diversity", "sustainable projekts" und anderen, rhetorisch aufgedonnerten Aktivitäten, die das Herz eines jeden EU-Bürokraten erfreuen werden – selbstverständlich fehlt am Rande der Karpaten nicht einmal das Bekenntnis zum "ökologischen Tourismus".

So viel korrekte Gegenwart also, doch gleichzeitig: Was für ein dröhnendes Verschweigen der städtischen Vergangenheit, die nun tatsächlich ‒ und zwar im finstersten Sinn ‒ eine gesamteuropäische ist.

Ab Frühjahr 1944 hatten hier Wehrmacht und SS Razzien gestartet, um die bereits zuvor vom ungarischen Horthy-Regime entrechtete jüdische Gemeinde zu vernichten. Und so begannen dann vom Bahnhof der Stadt die Züge nach Auschwitz zu rollen, fahrplangenau nach Adolf Eichmanns "Transportabkommen".

Etwa 380.000 deportierte ungarische und slowakische Juden wurden an diesem "zentralen Umschlagplatz" in die Vieh-Waggons gestoßen, die erst bei der Rampe des Vernichtungslagers wieder hielten. Friedensnobelpreisträger Eli Wiesel erinnert in seiner Autobiografie daran, wie hier in Košice Wehrmacht-Offiziere ein letztes Mal nach verborgenen Wertsachen geforscht hatten, ehe die Waggontüren zufielen.

Übrigens war es dann der aus Košice stammende KZ-Flüchtling Arnost Rosin gewesen, der 1944 seine geheimen Aufzeichnungen außer Landes geschmuggelt und die Alliierten informiert hatte. Die unterlassene Bombardierung der Gleise nach Auschwitz – hier gleich hinter Košice ‒ hätte sie beginnen müssen. Davon jedoch in den großformatigen Projekte-Katalogen keine Erwähnung.

Ebenso wenig von der Tatsache, dass im April 1945 die aus London zurückgekehrte tschechische Exilregierung just hier mit dem "Kaschauer Programm" das Fundament für die berüchtigten "Beneš-Dekrete" gelegt hatte, welche die Vertreibung der Sudetendeutschen anordneten.

Alte Synagoge in der Zvonarska Strasse in Kosice
Alte Synagoge in Košice© picture alliance / Robert B. Fishman, ecomedia
Gestapo-Spitzel auf der Jagd
Und seltsam: Auch Marseille, im Süden unseres angeblich doch so erinnerungssüchtigen Kontinents gelegen, weigert sich, eine Verknüpfungsgeschichte zu erzählen, welche die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts sichtbar machen würde. Dabei war es genau hier gewesen, in den Cafés des damaligen Prachtboulevards Canebière, wo sich die von Hitler vertriebene Geisteselite die Klinke in die Hand gegeben hatte:

Golo, Klaus und Heinrich Mann, Franz Werfel, Lion Feuchtwanger, Max Ernst oder Anna Seghers, deren Exilroman "Transit", zweifellos ihr bester, eben in Marseille spielt, als sich die Schlinge langsam zuzog: Mit den Nazis kollaborierende Vichy-Bürokraten und Gestapo-Spitzel auf der Jagd nach deutschen Antifaschisten, Juden und Nichtjuden.

Dank des Amerikaners Varian Fry und der heroischen Fluchthelfer Lisa und Hans Fittko gelang manchen von ihnen die Flucht über die Pyrenäen und von da über Spanien und Lissabon in die Vereinigten Staaten. Für andere, etwa für die prominenten Sozialdemokraten Rudolf Hilferding und Rudolf Breitscheid, wurde Marseille dagegen zur Todesfalle.

Erinnert im gegenwärtigen Festival-Trubel auch nur irgendetwas an diese Jahrhundertgeschichte? Anders gefragt: Könnte es womöglich sein, dass unter dem Vorwand institutioneller europäischer Vertiefung vor allem einer eventseligen Amnesie Tür und Tor geöffnet wird?


Marko Martin, Jahrgang 1970, verließ im Mai 1989 als Kriegsdienstverweigerer die DDR und lebt, sofern nicht auf Reisen, als freier Schriftsteller und Publizist in Berlin. Zuletzt erschienen die Bücher: "Sonderzone. Nahaufnahmen zwischen Teheran und Saigon" (Reportagen, Zu Klampen Verlag 2008), "Schlafende Hunde" (Erzählungen, Die Andere Bibliothek, 2009), sowie mit einem Vorwort von Ralph Giordano: "Kosmos Tel Aviv. Streifzüge durch die israelische Literatur und Lebenswelt" (Wehrhahn Verlag Hannover, 2012).
Marko Martin
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