Eva Schmidt: "Die Welt gegenüber"

    An den Rändern der Tristesse wird es bedrohlich

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    Das Buchcover "Die Welt gegenüber" von Eva Schmidt ist vor einem grafischen Hintergrund zu sehen.
    Die ehrliche Möglichkeit, Auskünfte über die eigene Gefühlswelt zu geben: "Die Welt gegenüber" von Eva Schmidt. © Deutschlandradio / Verlag Jung und Jung
    Von Samuel Hamen · 12.04.2021
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    Es braucht nicht viel, um die Einsamen zu zeichnen: In ihrem atmosphärisch dichten Erzählband "Die Welt gegenüber" porträtiert Eva Schmidt Gestalten zwischen Reue, Trauer und kleinsten Augenblicken der Zuneigung.
    Ob die Gestalten zusammengehören? Ob sie noch zu erkennen sein werden, dort draußen auf dem zugefrorenen See, wenn die Nacht hereinbricht? In Eva Schmidts Geschichte "Die Störung" mietet sich eine Frau ein abgelegenes Ferienhaus und wird von drei Personen abgelenkt, die in der Nähe unterwegs sind. Sie hatte zu Hause behauptet, auf einen Kongress zu fahren, und das Passwort des PCs geändert, damit ihr Mann keinen Verdacht schöpft. Sie will Ruhe: vor ihm, vor ihrer Umgebung, vielleicht auch vor sich selbst, der Ahnung, so vieles verpasst zu haben.
    "Und warum machte mich das traurig? Weshalb nur?", fragt sich in der ersten Geschichte von "Die Welt gegenüber" eine Frau, die auf ihrem Balkon raucht und in die Wohnungen der anderen späht. Hinter einem Vorhang defiliert schemenhaft ein fremdes Leben vorbei, zu dem sie keinen Zugang hat.

    Die Umgekippten und die Angezählten

    Insgesamt hängt in Eva Schmidts Erzählband ein Schleier, der die Sicht trübt, vor den Blicken der Menschen. Die Aufregung hat sich in den zwölf unauffälligen, aber fein gearbeiteten Erzählungen längst gelegt, und Schmidt vermag es, über Alltäglichkeiten Szenen der Tristesse heraufzubeschwören, an deren Rändern das Unausgesprochene, auch Bedrohliche wartet.
    Die Dezenz, die Vorsicht, nicht überzutreten, weder zu viel zu sagen noch zu sehr zu stören, ist nicht nur dem Personal, sondern auch der Sprache eigen. Ein Küchentischgespräch mit der Tochter, die nicht zuhört; ein Junge, der einen sekundenkurzen Blick ins Wohnzimmer wirft, in dem seine drogen- und alkoholabhängige Mutter schläft – die Autorin braucht nicht viel, um ihre Erzählkunst wie ein Mobile aufzuspannen, das "die Umgekippten und die Angezählten" verbindet, wie es in einem Gedicht von Monika Rinck heißt.

    Ermattet "Ich" sagen

    So hängen sie also dort, Schmidts Figuren, in der Schwebe ihrer Unglücke, die immer atmosphärisch, nie gesellschaftlich gerahmt werden. Ein Immobilienmakler überlegt, den Liebhaber seiner Noch-Frau mit einer Donald-Trump-Maske zu überfallen, kann sich schlussendlich jedoch nur dazu durchringen, seinen Koffer mit den Eigenheim-Träumen in den Regen zu stellen. Ein Befreiungsschlag sieht anders aus. In den Geschichten, die meistens zehn bis zwanzig Seiten umfassen, wird gar nicht erst der Versuch unternommen, einen Wechsel der Verhältnisse herbeizuführen. Dafür ist die Energie zu schwach, die Desillusion zu stark.
    Gerade diese Starre rückt das Personal hier und da nah an die Larmoyanz, auch wenn diese nie sentimental, eher ermattet klingt und durch Schmidts souveränen Stil aufgefangen wird. Das Selbstmitleid wird in der Art, wie "Die Welt gegenüber" ein gelebtes Leben vor allem als ein privates und gescheitertes zeichnet, so zur letzten ehrlichen Möglichkeit, Auskünfte über die eigene Gefühlswelt zu geben: "Es war wohl eine Art Mitleid, das mich nicht einschlafen ließ, Mitleid mit dem jungen Paar im gegenüberliegenden Haus, mit mir selbst, mit anderen Männern und Frauen, die ihre Jugend, oft aber auch ihr ganzes Leben darauf verwendeten, auf etwas zu hoffen, das die Grenzen ihres Wesens, die Barrieren, die sie selber schufen, überstieg."

    Eva Schmidt: "Die Welt gegenüber". Erzählungen
    Jung und Jung Verlag, Salzburg und Wien 2021
    224 Seiten, 22 Euro

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