Eva Baltasar: "Boulder" - Gestrandet an Land

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Cover des Buchs "Boulder" von Eva Baltasar
© Schöffling Verlag

Eva Baltasar

Petra Zickmann

BoulderSchöffling & Co, Frankfurt am Main 2026

128 Seiten

20,00 Euro

Von Samuel Hamen |
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Eine Schiffsköchin folgt ihrer Geliebten nach Reykjavík und stimmt einer Familiengründung zu, die sie nicht will. Eva Baltasar erzählt energisch und erbarmungslos von queerer Liebe und Eigensinn und verzichtet konsequent auf Erklärungen.
Bei Franz Kafka erwacht Gregor Samsa eines Morgens als Ungeziefer, und die Familie sieht voller Ekel zu. In Eva Baltasars "Boulder" ist es umgekehrt: Im Roman der katalanischen Autorin heißt die Verwandelte Samsa, und zusehen muss die Ich-Erzählerin, eine namenlose Köchin, die auf einem Frachter vor der chilenischen Küste ihr Glück im Nirgendwo gefunden hat.
In Chaitén lernt sie die isländische Geologin Samsa kennen, die ihr den Namen der Steinfindlinge Patagoniens gibt: Boulder. Sie lassen sich in Reykjavík nieder. Die Erzählerin verkauft Empanadas aus einem Foodtruck. Als Samsa auf die 40 zugeht und ein Kind will, sagt die Erzählerin Ja und meint Nein.
Bemerkenswert ist weniger die Kürze, in der das erzählt wird, als die Nonchalance, mit der Baltasar verdichtet und pointiert: "Danach nehme ich sie, als wollte ich sie betrunken machen und sie die Liebe und alle Münzen ihres neuen Schatzes vergessen lassen. Es fängt an zu regnen. Das Leben öffnet sich wie eine Wunde, die nässt und eitert. Wenn mir jemand etwas von Glück erzählt, schlage ich ihm die Zähne aus, das schwöre ich."

"Boulder" von Eva Baltasar: Verweigerung der Erklärung

Baltasars Prosa hat einen Gegner: die Erklärung. Boulder misstraut allem, was dem Leben eine Ordnung verpassen will: "Ich bin es leid, Lebensläufe zu erfinden, so tun zu müssen, als wäre das Leben eine Erzählung, als hätte ich ein Drahtgerüst in mir, das mich aufrecht hält." Weder liefert der Roman ein Psychogramm noch einen Debattenbeitrag, und wo andere über Mutterschaft, queere Elternschaft und Paarkrisen referieren, stehen in diesen Zeilen Hefe, Nadeln, Milch und Rauch.
Wer will, kann das als Einwand nehmen: ein zu rabiater Stil, zu viel Intensität, dazu eine Erzählerin, die selbstsüchtig und oft ungerecht ist. Der französische Denker Tristan Garcia hat die Intensität als Zwang der Moderne beschrieben, als Pflicht, alles mit größtmöglicher Wucht zu erleben.
Bei Baltasar ist sie kein Lebensstil, sondern offenbart sich in einer energetischen, ruhelosen Syntax. Die frisch Schwangere ist bei ihr eine Handgranate, das Einfamilienhaus eine Schlange, und die Zeit wird vom Liebespaar, das sich allmählich voneinander entfremdet, mit Reißzwecken an die Wand geheftet.

Sprachgewalt statt Debatte: Wie "Boulder" die Welt einfängt

Begriffe tauchen auf diesen knapp 120 Seiten nur auf, um zu zerfallen, etwa wenn Boulder die Vokabeln nachspricht, mit denen das Projekt Kinderwunsch operationalisiert wird: "Postkoitale Kontraktionen. Rentabilität. Unternehmung. Auftragsgemäß ficke ich sie, zielgerichtet, leidenschaftslos, um dem Sinn dieser Worte zu entfliehen. Um das Gespräch abzuwürgen." Wenige Wörter, schon ist ein Jargon erledigt.
Erst darüber begreift man, wie weit viele Romane von der Welt entfernt sind, gerade weil sie so viel über sie zu wissen glauben. Sie arbeiten Mutterschaft, Körper und Reproduktionspolitik ab wie die Stichworte einer Podiumsdiskussion und kommen ihr doch keinen Schritt näher.
"Boulder" hingegen macht sich keinen Begriff von der Welt. Der Text geht in diese hinein, ohne sich indes in ihr zu verlieren. Dafür ist Baltasars Sprache zu vital und uneinsichtig. Ihre Prosa ist eine knappe, grandiose Behauptung gegen jede Form des Zurechtstutzens und der Disziplinierung.


 
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