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Lesart | Beitrag vom 15.07.2021

Eugene Rogan: "Der Untergang des Osmanischen Reiches"Militärgeschichte, die die Gegenwart erhellt

Von Carsten Hueck

Buchcover: "Der Untergang des Osmanischen Reiches. Der Erste Weltkrieg im Nahen Osten 1914 – 1920" von Eugene Rogan (Deutschlandradio / Theiss Verlag)
Eugene Rogan beschreibt äußerst detailliert die militärisch-politische Entwicklung im Nahen Osten, der keineswegs ein Nebenkriegsschauplatz war. (Deutschlandradio / Theiss Verlag)

Beim Ersten Weltkrieg denken wir oft an Grabenkämpfe in Europa – gekämpft wurde aber auch im Nahen Osten. Durch „Der Untergang des Osmanischen Reiches“ versteht man besser, wie der Krieg dort die Voraussetzungen für heutige Konflikte schuf.

Denkt man hierzulande an den Ersten Weltkrieg, fallen einem die großen Schlachten in Flandern, der Stellungskrieg oder der deutsche Sieg bei Tannenberg ein. Anders ist das bei den Franzosen oder Briten. Schlachten um Basra, Bagdad, Damaskus oder Gaza gehören zu ihrer kollektiven Kriegserinnerung.

Und so wundert es nicht, dass Eugene Rogan, der in Harvard in "Middle east history" promovierte und heute in Oxford unterrichtet, seine Darstellung des Ersten Weltkrieges im Nahen Osten mit einer persönlichen Erinnerung an seinen Großonkel beginnt. Dieser stammte aus einem kleinen schottischen Dorf und fiel 1915 bei der Schlacht um Gallipoli. Daraufhin wanderten Rogans Urgroßeltern in die USA aus – wo dieser 1960 geboren wurde.

Der Nahe Osten war kein Nebenschauplatz

Frankreich und Großbritannien konnten 1914 auf eine lange Kolonialgeschichte zurückblicken. Auch jenseits europäischer Grenzen hatten diese Nationen weit mehr Einfluss und Machtansprüche als das etwas verspätete Deutsche Reich. Truppen aus Nord- und Westafrika, dem Nahen Osten und Indien dienten im Weltkrieg dann aufseiten der Entente, Schotten, Waliser und Neuseeländer in Ägypten, in Mesopotamien und am Persischen Golf.

Dadurch, dass das Osmanische Reich an der Seite der Mittelmächte – also Deutschlands, Österreich-Ungarns und ihrer Verbündeten – in den Krieg eintrat, dehnte sich die Front weit über den Kaukasus und tief in den afrikanisch-arabischen Raum hinein.

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Rogan beschreibt äußerst detailliert die militärisch-politische Entwicklung in dieser Weltgegend, die keineswegs ein Nebenkriegsschauplatz war. Zwar glaubten Engländer und Franzosen anfangs, mit den Osmanen, die in zurückliegenden Kriegen immer wieder Gebietsverluste hatten hinnehmen müssen und als "kranker Mann am Bosporus" galten, leichtes Spiel zu haben.

Aber nach dem verlustreichen Scheitern bei der Eroberung der Dardanellen wurde klar, dass die Kämpfe in Kleinasien, Mesopotamien und Palästina es nötig machten, Hunderttausende Soldaten von der Westfront abzuziehen. Durch die Ausweitung des Krieges in den Nahen Osten wurde dieser verlängert – und schuf Voraussetzungen für Konflikte, die uns noch heute beschäftigen.

Die Wurzeln heutiger Konflikte

Obwohl Rogans Buch in der Hauptsache eine Militärgeschichte ist, die vor allem Kriegstaktiken, Schlachtverläufe, Ausrüstung und Verluste der kämpfenden Parteien beschreibt (was über 500 Seiten mitunter ermüdet), trägt es dennoch zum besseren Verständnis der heutigen Situation in der Region bei.

Die griechisch-türkischen Beziehungen erscheinen klarer, die Großmachtfantasien Erdogans, die Gründe für die Leugnung des Genozids an den Armeniern; das Ringen arabischer Staaten um Souveränität und die innerarabische Konkurrenz; das Gespenst des Dschihad, der Zerfall des Libanons, die Situation der Kurden; Konflikte zwischen Juden und Arabern, die Entwicklung im Irak. All das hat Wurzeln, die Rogan in seinem Buch erkennbar macht.

Der im Titel annoncierte "Untergang des Osmanischen Reiches" ist auf wenigen Seiten beschrieben: Nach dem Weltkrieg kämpften Kemalisten erfolgreich gegen den von den Siegermächten diktieren Friedensvertrag – und schafften 1922 das osmanische Sultanat ab. 1923 riefen sie die Türkische Republik aus.

Eugene Rogan: "Der Untergang des Osmanischen Reiches. Der Erste Weltkrieg im Nahen Osten 1914 – 1920"
Aus dem Englischen übersetzt von Tobias Gabel und Jörn Pinnow
Theiss Verlag, Stuttgart, 2021
591 Seiten, 38 Euro

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