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Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.10.2019

Eugen Ruge über seinen Roman "Metropol" Aus dem Inneren des Stalinterrors

Moderation: Joachim Scholl

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Hauptsitz des KGB am damaligen Dzerzhinsky-Platz in Moskau. In der Mitte des Platzes die Statue des ersten KGB-Chefs Feliks Dzerzhinsky. Rundherum fahren Autos.  (imago images / United Archives International)
Symbol des Stalinterrors: Das berüchtigte Lubjanka-Gefängnis im KGB-Hauptquartier in Moskau. (imago images / United Archives International)

Mit seinem neuen Roman "Metropol" knüpft Eugen Ruge an seinen Bestseller "In Zeiten des abnehmenden Lichts" an. Anhand seiner Großeltern zeigt der Autor den stalinistischen Terror der 30er-Jahre in der Sowjetunion - und dessen absurde Mechanismen.

Der neue Roman von Eugen Ruge "Metropol" spinnt den Stoff seines Debütromans und Weltbestsellers aus dem Jahr 2011, "In Zeiten des abnehmenden Lichts", fort. Ruges erstes Buch hatte seine deutsch-russische Familiengeschichte zur Grundlage. Es wurde mehr als eine halbe Million Mal verkauft und in viele Sprachen übersetzt. Etliche weitere erfolgreiche Bücher folgten. Mit dem aktuellen Buch schlägt er nun eine Brücke zu seinem Erstling. Es ist eine Reise in das Moskau der 1930er-Jahre und handelt von seiner Großmutter. Sie erlebte als kommunistische Aktivistin in der jungen Sowjetunion die großen sogenannten "Parteisäuberungen" mit - in Todesgefahr wie so viele ihrer deutschen Genossen.

"Meine Großmutter hat gearbeitet für den Geheimdienst der Komintern, der Kommunistischen Internationale, also der Weltorganisation der Kommunistischen Parteien", sagte Ruge im Deutschlandfunk Kultur. Dazu gekommen sei sie, durch Ruges Stiefgroßvater, der für diesen Geheimdienst arbeitete. "Weil sie mit ihm zusammen war." Die hatten das Prinzip, immer auch die Partner zu rekrutieren.

Millionen Menschen wurden exekutiert

Eines Tages sei sie überraschend vom Dienst suspendiert worden. Denn: "Ein paar Tage vorher hatte sich herausgestellt, dass sie einen Mann kennt, der im ersten Schauprozess 1936 im August verurteilt und auch erschossen worden ist, ein gewisser Alexander Emel." Diese Bekanntschaft sei "unter den Bedingungen des Stalinismus nicht besonders gesund" gewesen, so Ruge. Daraufhin sei sie ins Hotel Metropol einquartiert worden, ein Luxushotel im Zentrum von Moskau – "und saß da mit ihrem Lebensgefährten und wartete".

Eugen Ruge Eugen Ruge vor der Veranstaltung "Annäherung – Notizen aus 14 Ländern", Buchpremiere in der Akademie der Künste Berlin 2015. (imago/gezett)Mit seinem neuen Roman knüpft Eugen Ruge an seinen Bestseller von 2011 an. (imago/gezett)

Ruges Großeltern erlebten diese Phase der Stalinschen "Säuberungen" auf ihrem Höhepunkt von 1936 bis 1938. Schätzungen zufolge wurden damals 1000 Menschen pro Tag exekutiert, die Gesamtzahl geht in die Millionen. Aus heutiger Sicht ist die Willkür offensichtlich: absurde Vorwürfe, unter Folter erpresste Geständnisse von Verschwörung und Sabotage – plötzlich war der überzeugteste Kommunist und Stalin-Verehrer ein Verräter.

Beinahe einverstanden mit dem Umerziehungslager

Ruges Großeltern hätten nicht über diese Dinge gesprochen, erklärte Ruge. Zwar habe er in einem russischen Archiv die Kaderakte seiner Großmutter gefunden. Aber da seien ja die Gedanken und Gefühle seiner Großmutter nicht enthalten. Deshalb sei der Roman natürlich fiktiv. "Aber ich glaube, so ähnlich muss es gewesen sein."

In der Zeit im Hotel Metropol quäle sich die Großmutter mit Zweifeln, ob das alles so sein könne, erzählt Ruge aus seinem Buch. "Sie hat nicht begriffen, wie dieser Mann, den sie gut kannte, wie der ein Verräter sein kann, wie der Mordanschläge auf Stalin geplant haben kann." Doch der Wunsch, weiter Teil der kommunistischen Bewegung zu bleiben, sei so stark gewesen, dass sie anfing, an sich selbst zu zweifeln, ob sie das alles möglicherweise falsch sieht.

Das sei für ihn das Interessante an dieser Geschichte gewesen, sagt Ruge: "Wie kommt man von anfänglichen Zweifeln zu dieser Figur, die sich selbst die Schuld gibt; die ja beinahe einverstanden ist damit, dass sie ins Umerziehungslager geschickt wird, damit sie nun endlich auch eine richtige Genossin wird."

(abr)

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