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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.05.2019

Ethikrat zu Eingriffen in menschliche KeimbahnJetzt nicht, später vielleicht

Michael Lage im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Ein CRISPR-CAS9 Genscheren-Komplex von Streptococcus pyogenes. Das Cas9 Nuklease Protein (grau) nutzt eine RNA-Sequenz (pink), um DNA (grün) zu schneiden.  (imago stock&people)
Kritik an Genschere: Viel zu ungenau, um in das menschliche Erbgut einzugreifen. (imago stock&people)

Der Ethikrat ruft zu einem Moratorium bei Eingriffen ins menschliche Erbgut auf. Er sagt aber auch, in Zukunft könnten diese doch akzeptabel sein. Wissenschaftsjournalist Michael Lange sagt, ob das global einen Unterschied mache, sei offen.

Der medizinische Eingriff in das Erbgut des Menschen sei derzeit nicht verantwortbar, zu unausgereift seien die Verfahren, zu groß die Gefahr von unerwünschten gesundheitlichen Folgen. Das hat der Deutsche Ethikrat in Berlin in einer Stellungnahme zur sogenannten Keimbahntherapie festgestellt.

Mit Keimbahntherapoe ist die genetische Manipulation des Menschen zu medizinischen Zwecken gemeint, wie Michael Lange, Biologe und Fachjournalist für Fragen der Genetik, im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur erklärt.

Genmanipulationen zukünftig nicht ausgeschlossen

Zwar habe der Ethikrat die Genmanipulation am Menschen nicht generell verurteilt, er wäge vielmehr ab: Das Gremium erkenne einerseits die Gefahren an, die bei solchen Eingriffen in die Keimbahn bestehen. Die Folgen seien nicht absehbar – vor allem, so Lange, weil die sogenannte Genschere zu ungenau sei. Anderseits könne die Nutzung von Genmanipulationen für die Zukunft nicht ausgeschlossen werden, etwa wenn damit schwere Krankheiten wie Mukoviszidose zu behandeln seien.

Der Ethikrat, dem 26 Mitglieder angehören, ruft zur Vorsicht auf: "Immer wenn es in Richtung Optimierung geht, dann muss die Antwort nein lauten", fasst Michael Lange das Statement des Gremiums zusammen.

Anlass für die Stellungnahme des Rates war ein Fall aus dem vergangenen Jahr: Im November verkündete der chinesische Genforscher He Jiankui im , dass er die zwei Babys Lulu und Nana genetisch manipuliert habe – sie seien gegen den HI-Virus immun. Gegen He laufen Ermittlungen, er wurde als Universitätsprofessor beurlaubt.

International ist deutscher Einfluss gering

Der Ethikrat forderte außerdem ein internationales Moratorium für Keimbahneingriffe beim Menschen sowie weltweite wissenschaftliche und ethische Standards. Dass die deutsche Stellungnahme international relevant ist, bezweifelt Lange allerdings. In Deutschland finde keine Forschung an menschlichen Embryonen statt, dies geschehe vor allem in China und den USA, erklärt Lange. Es gelte also, die Bevölkerung und Politiker dort mit ins Boot zu holen.

"Vielleicht haben die Mitglieder des Ethikrats mit ihrem Abwägen die Tür aufgemacht, das man sie mit dazu holt. Allein in Deutschland wird sich das ganz sicher nicht entscheiden. Soviel haben deutsche Wissenschaftler und Ethiker in der internationalen Debatte nicht zu sagen", erklärt der Biologe und Fachjournalist Michael Lange.

(rzr)

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