Seit 01:05 Uhr Tonart
Montag, 18.01.2021
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Lesart | Beitrag vom 02.12.2020

Esther Safran Foer über "Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind"Lebenslange Suche nach der eigenen Geschichte

Moderation: Joachim Scholl

Beitrag hören Podcast abonnieren
Die US-amerikanische Autorin Esther Safran Foer trägt auf diesem Halbporträt eine weiße Bluse und lehnt mit den Unterarmen auf einem Stuhl. (Kiepenheuer & Witsch /  Laura Ashbrook Photography )
Den eigenen Frieden gefunden: Esther Safran Foer, 74, beschreibt in einem Buch ihre dramatische Familiengeschichte. (Kiepenheuer & Witsch / Laura Ashbrook Photography )

Esther Safran Foer, Mutter des Schriftstellers Jonathan Safran Foer, hat viel Zeit damit verbracht, nach von den Nazis ermordeten Verwandten zu suchen. Ihre Recherche ist nun als Buch erschienen.

Als vor gut 20 Jahren der Roman "Alles ist erleuchtet" des US-Amerikaners Jonathan Safran Foer erschien, erfuhr die Welt von seiner ukrainisch-jüdischen Herkunft. Der Weltbestseller wäre aber kaum ohne seine Mutter Esther Safran Foer entstanden, die sich schon viel früher auf die Suche nach ihren fast sämtlich ermordeten Verwandten gemacht hatte. Jetzt gibt es ein Buch, das diese Recherche abbildet: "Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind". Der Verlag nennt es einen "kleinen Triumph über den Faschismus".

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Diese Suche nach ihrer Familiengeschichte sei eine lebenslange Aufgabe für sie gewesen, sagt die 74-Jährige, die in New York City lebt und nach Angaben ihres Verlags als Geschäftsführerin eines Zentrums für Kunst, Ideen und Religion tätig war. In ihrer Familie sei über vieles nicht gesprochen worden: "Und natürlich will man genau das wissen, worüber nicht gesprochen wird." Sie habe immer versucht, überall Informationen zu sammeln. 2009 habe sie dann mit einer größer angelegten Suche begonnen, die nun zu dem Buch geführt hat.

Die Mutter als Superheldin

Ihre Mutter Ethel war 21 Jahre alt, als die Nazis 1941 in ihr Heimatdorf in der Ukraine einfielen. Sie floh durch die halbe Sowjetunion. Ethel sei eine "starke und widerstandsfähige Persönlichkeit" gewesen, die immer nach vorn geblickt habe, sagt die Tochter: "Sie hat intuitiv gefühlt, was als Nächstes zu tun ist. Sie ist nach vorne gestrebt."

Für ihre Urenkel sei Ethel nun eine Art Superheldin. "In ihrem Kontext ist jemand, der so etwas überlebt und weitermacht, ein Superheld mit übernatürlichen Kräften. Das ist schon fast ein mythisches Image, das sie bekommt, vor allem nach ihrem Tod vor fast zwei Jahren."

Eine ergebnislose Suche wird zum Bestseller

Nachdem sie selbst nicht wirklich erfolgreich dabei gewesen sei, etwas über ihre Familie herauszufinden, habe sie ihre Söhne mit einbezogen, berichtet Esther Safran Foer. Ihr Ältester, Frank, interviewte seine Großmutter Ethel für eine Schularbeit – und erfuhr mehr als sie: "Es war für sie offenbar leichter, ihren Enkeln etwas zu erzählen als mir und meinem Bruder."

Später sei dann ihr zweiter Sohn, Jonathan, nach Prag gereist und sollte für seine Universität einen Text über den Aufenthalt in Europa schreiben. Sie habe ihn gebeten, in der Ukraine nach der Familie zu suchen, die ihren Vater versteckt hatte. Über ein kleines Schwarzweiß-Foto hinaus gab es aber kaum Anhaltspunkte. Jonathan habe nichts gefunden – und dann eine fiktive Geschichte daraus gemacht: den Roman "Alles ist erleuchtet", der ein internationaler Bestseller wurde und auf dessen Grundlage ein Film entstand.

Den eigenen Frieden gefunden

Von den zahlreichen Menschen, die sich daraufhin meldeten, habe sie dann endlich Informationen bekommen, erzählt Esther Safran Foer. 2012 fuhr sie in das Dorf, in dem ihr Vater versteckt worden war. Das sei ein Wendepunkt für sie gewesen, sagt sie: "Auch, weil ich meinen Frieden finden konnte mit dieser Geschichte. Diese brennende Suche nach meiner eigenen Familiengeschichte kam nun zu einem Ende."

(abr)

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur