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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.07.2020

Esther Dischereit über rechte Gewalt"Die Antisemiten und Rassisten müssen leiden"

Ester Dischereit im Gespräch mit Ute Welty

Die Autorin Esther Dischereit  (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Die Schriftstellerin Esther Dischereit befürchtet, dass rechtes Gedankengut bereits eine gewisse Normalität entwickelt hat. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Die Vorstellung rechte Gewalttäter "einfangen" zu können, sei völlig falsch, meint die Schriftstellerin Esther Dischereit. Wer Menschen aus rassistischen Gründen als "tötungswürdig" betrachte, gegen den müsse sich eine Gesellschaft abgrenzen.

Ute Welty: 93 Jahre alt ist der ehemalige SS-Wachmann, dessen Urteil heute in Hamburg erwartet wird. Gleichzeitig läuft der Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter von Halle. Stephan B. greift am höchsten jüdischen Feiertag die dortige Synagoge an. Als der Angriff misslingt, erschießt er eine Passantin und einen Gast in einem Imbiss. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft scheinen sich an dieser Stelle zu überholen. Darüber spreche ich mit der deutsch-jüdischen Schriftstellerin Esther Dischereit. Was geht an einem Tag wie heute in Ihnen vor?

Esther Dischereit: Ich bin noch immer damit beschäftigt, darüber nachzudenken, was bei der Eröffnung des Prozesses wegen des Anschlags in Halle und der rassistischen Morde in dem Kiez-Döner zu hören und zu sehen war. Was ist das für ein Täter? Am Tag davor hatte der Angeklagte in dem Prozess KZ-Wachmannschaft Stutthof die Gelegenheit, ein letztes Mal zu sprechen. Diese Überlagerung der Ereignisse war mir sehr präsent, zumal meine Tochter dem Prozess in Hamburg beigewohnt hatte und dann nach Magdeburg zu diesem Prozess gegen Stephan B. gekommen war.

Welty: Was hat Sie besonders berührt?

Dischereit: Der Täter von Halle hat ein umfangreiches Bedürfnis gezeigt, sich zu artikulieren, zu sprechen, seine Taten noch mal in die Welt zu streamen. Das war sicher ein Problem, dass das Gericht ihm diese Möglichkeit geben muss, es muss ihn auch befragen. Aber er hat das eben auch gleichzeitig als Bühne genutzt, er hat das genossen. Die Koinzidenz oder Fortdauer eines eliminatorischen Antisemitismus und Rassismus, diese ganz unverblümte und direkt in das Gesicht der Anwesenden gesagte Mission: Ich will ausrotten, was mir lebensunwert ist. Und da gibt es übrigens auch Kollateralschäden, die Tötung der zwei Menschen, Jana L. und Kevin S., das war jetzt nicht so beabsichtigt, die waren ja weiß. Das ist die Sprache eines Kombattanten, eines Kämpfers.

Justizbeamte sichern den Prozess gegen den angeklagten Stephan Balliet  (picture-alliance/dpa-Zentralbild/Pool/Hendrik Schmidt)Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen geht in Magdeburg der Prozess zum Terroranschlag von Halle weiter. (picture-alliance/dpa-Zentralbild/Pool/Hendrik Schmidt)

Welty: Wo beginnt alltäglicher Antisemitismus aus Ihrer Sicht?

Dischereit: Die Frage, die sich stellt, ist: Auf welchem Humus ist denn diese Form der Gewaltbereitschaft erwachsen? Da steht doch die Vermutung im Raum, dass er sich eben in einer, wir sagen da manchmal so etwas verdunkelnd "gesellschaftliche Mitte", dass er sich in einem Humus bewegt, in dem eben rechtes Gedankengut in einer gewissen Normalität Platz greift.

Das ist auch gerade zu erleben bei einem Prozess, der in Ulm geführt wird. Da hat es einen Brandanschlag gegeben auf eine Community, eine Mutter und ihr schlafendes Kind waren der Gefahr und der Tötung ausgesetzt. Da sagten die Angeklagten, rechtes Gedankengut habe sie nicht bewegt, das ganze Dorf würde doch so denken.

"Es gibt einen globalen Resonanzraum, das sind keine Einzeltäter"

Welty: Worin besteht die gesellschaftliche Fehlleistung, dass solche Prozesse wie in Hamburg und dann auch in Halle beziehungsweise in Magdeburg, dass solche Prozesse nach wie vor notwendig sind?

Dischereit: Ich denke, es ist falsch, Leute, die derart menschenverachtend und hasserfüllt in den öffentlichen Raum treten – das ist auch noch mal ein Unterschied, was man so am Küchentisch sagt oder im öffentlichen Raum –, als Gruppe oder politische Gruppierung zu betrachten, die es einzufangen gelte. Es gibt die Vorstellung, dass man sich mit denen an einen Tisch setzen müsse. Ich denke, das muss man nicht, sondern da muss man ganz klar Stopp sagen.

Ein Vertreter der Nebenklage, der Anwalt Alexander Hoffmann, sagte das auch ganz deutlich. Er sagte: Die Antisemiten, die Rassisten, die Menschen, die dem Islam zugehören, für tötungswürdig erklären, die müssen leiden. Da muss man nicht sagen, die muss man wieder einfangen. Nein, davon muss man sich ganz klar abgrenzen, und die Gesellschaft muss sie ausgrenzen und ausgrenzen wollen.

Da ist nichts zu diskutieren. Da ist die volle Ermittlungspraxis erwünscht, da ist die volle Strafbarkeit erwünscht. Alles andere gibt eben den Raum, den solche sich als Krieger und Kombattanten verstehende Leute auch haben wollen. Es gibt ja auch einen globalen Resonanzraum für die, das sind keine Einzeltäter. Und da ist eben gerade die Ermittlungsfrage, finde ich, ziemlich zentral.

Welty: Sowohl Rassismus wie auch Antisemitismus funktionieren über Ausgrenzung. Haben Sie eine Idee, wie man eine Gesellschaft darin bestärken kann zu integrieren anstatt auszugrenzen?

Dischereit: Es geht ja jetzt erst mal darum, welche Gruppen aufgenommen und akzeptiert wurden. Und das ist zum Beispiel die große Gruppe der Menschen, die als Geflüchtete zu uns gekommen sind, das sind Leute mit einer Hautfarbe, die nicht weiß ist. Das sind Leute, die dem Islam zugehören. Da geht es zunächst mal um ein ganz klares Bekenntnis: Wir sind froh, dass sie da sind! Auch jüdische Leute - wir sind froh, dass sie da sind! Wir möchten zusammen leben, das ist erst mal das Entscheidende.

Und was die Gegner und Täter betrifft: Ich meine, mich muss auch beispielsweise niemand mögen, das ist gar nicht notwendig. Nur das Recht, zu sein, das kann verlangt werden. Und das muss man mit allen Mitteln verteidigen und vertreten. Und da gehört eine ganz entschiedene, auch polizeiliche Ermittlungsarbeit dazu.

Auch in Hessen, NSU 2.0, kann man nicht sagen, die hessische Polizei soll mal bei sich selber suchen. Offensichtlich funktioniert das nicht, wenn über 60 Menschen Hass- und Droh-Emails erhalten, die ihr Leben auslöschen sollen. Da muss es offenbar Methoden geben, die müssen offenbar auch installiert werden, wie das verhindert wird, dass innerhalb des Korpus derer, die schützen sollen, ungestraft und unermittelt Täterinnen und Täter operieren können.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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