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Lesart | Beitrag vom 23.06.2021

Ester Naomi Perquin: "Mehrfach abwesend" Doppelbewegung aus Gedankenlust und Skepsis

Von Nico Bleutge

Cover des Buchs "Mehrfach abwesend" von Ester Naomi Perquin. (Deutschlandradio / Elif Verlag)
Macht in ihren Gedichten Möglichkeitsräume, das Fehlende und Nichtgesagte spürbar: Ester Naomi Perquin. (Deutschlandradio / Elif Verlag)

Die Niederländerin Ester Naomi Perquin findet den Stoff für ihre Gedichte im Alltag: im morgendlichen Frühstücksei, in Redewendungen oder Hundehaaren. Besonders dicht sind jene Texte, die sich dem Leben in Gefängnissen zuwenden.

In diesem Buch kann ein Gedicht mit einem gewöhnlichen Karton beginnen, den der Paketbote falsch ausgeliefert hat. Der Absender will ihn gleich wieder abholen lassen. Die Sprecherin beschreibt, wie sie wartet, Tee trinkt, den Karton betrachtet, der groß ist und schwer.

Kraniche, Gemurmel und eine anfahrende Lokomotive

Doch sie wird immer neugieriger – irgendwann muss sie ihr Ohr einfach an die Kartonwand legen. Und plötzlich öffnet sich eine andere Welt: "Man konnte, / ganz leise, Musik hören. Das Geräusch von Kranichen / hoch über uns. Gemurmel. Eine Dampflokomotive, / ganz deutlich eine anfahrende Dampflokomotive."

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Ester Naomi Perquin sucht in ihren Versen stets nach dem, "was sich in Luft auflöst, zerfällt", wie es einmal heißt. Aber auch nach Zweifeln und Rätselhaftigkeit. Dabei geht sie vom Alltäglichen aus, vom "endlosen Stoff", den das einzelne Leben bietet.

Dazu gehören das morgendliche Frühstücksei und der Kaffee genauso wie Hundehaare oder die zahllosen Redewendungen, denen man tagein, tagaus begegnet. So schafft sie szenische oder imaginative Zusammenhänge, in denen immer wieder das Fantastische aufblitzt, leuchtende Vorstellungen oder ungewöhnliche sprachliche Figuren. Hier können die Rosen auf der Tapete gewässert werden, und im Salz stäubt ein ganzer Strand auf.

Viele Möglichkeitsräume

Wobei dem Band eine Doppelbewegung aus Gedankenlust und Skepsis eingeschrieben ist. Mit ihren ironischen Schlenkern entdeckt Perquin, die 1980 in Utrecht geboren wurde, eine menschliche Neigung zu allem, das "verkürzt, begrenzt, zuspitzt".

Die vielen Möglichkeitsräume, das Fehlende, Nichtgesagte, Offene, kann das Gedicht in seinen Windungen aber immerhin spürbar machen. Die Sprecherin bricht die bekannten Formen und Namen auf. Nur bezeichnet sie ihr Unterfangen als "vergeblich", denn auch wenn jeder Buchstabe ein neues All bringt, besteht das All wieder nur aus Buchstaben.

Besonders intensiv sind jene Gedichte, die sich dem Alltag in Gefängnissen zuwenden. Perquin versammelt darin Bruchstücke von Erzählungen Inhaftierter, die sich um deren Leben, Gedanken und Verbrechen drehen, ohne je in bekannten Bildern zu enden.

Sie zeigt das Gefängnis als den Inbegriff von Verkürzung, Begrenzung und Verlust. Am Grunde vieler Gedichte schimmert gleichwohl die alte Frage nach dem Glück auf – die ebenfalls nur gebrochen formuliert werden kann. So wie man auf der Suche nach der Vernunft wieder bloß Wörter findet, ist das Glück etwas, das Glück allenfalls ähnelt, und damit Glück, "das ganz und gar kein Glück ist".  

Umgekehrte Chronologie

Ein Glück aber sind die Haken dieser Gedichte. Auch wenn die Verse manchmal etwas pointenlastig wirken und die vornehmlich verwendete Wir-Perspektive mitunter zu unbestimmt bleibt, hört man immer wieder Gemurmel und anfahrende Dampflokomotiven.

Stefan Wieczorek hat die Bewegung von Perquins klarer Sprache und das Spiel mit Konkretem und Allgemeinem schön ins Deutsche geholt. Und er hat seine Gedichtauswahl in umgekehrter Chronologie angelegt. Es beginnt mit Perquins jüngstem Buch und endet bei ihren frühesten Gedichten. So kehrt man lesend an den Anfang zurück – mit Kaffee und Frühstücksei.

Oder einem "noch unsichtbaren Etikett / im Nacken".

Ester Naomi Perquin: "Mehrfach abwesend". Ausgewählte Gedichte
Zusammengestellt und aus dem Niederländischen übersetzt von Stefan Wieczorek
Elif Verlag, Nettetal 2021
127 Seiten, 20 Euro

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