Essay über das Lesen

    Julika Griem forscht über "Leseszenen"

    13:13 Minuten
    Julika Griem lehnt sich an eine gelblich angemalte Wand und blickt in die Kamera. Sie trägt die Haare gescheitelt und hat eine Brille.
    Sie verstehe die sozialen Seiten des Lesens ganz bewusst in einem weiten Sinne, sagt die Literaturwissenschaftlerin Julika Griem. © © KWI, Foto: Muchnik, eventfotograf.in
    Moderation: Andrea Gerk · 26.10.2021
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    Julika Griem beschäftigt sich mit der sozialen Seite des Lesens. Gegen Kulturpessimismus setzt sie Differenzierung, etwa wenn eine Elite in Influencern den Untergang bürgerlicher Lesekultur sieht. Inszenierungen des Lesens gebe es seit Jahrhunderten.
    Die Literaturwissenschaftlerin Julika Griem befasst sich insbesondere mit der sozialen Seite des Lesens und hat sich in ihrem Essay "Szenen des Lesens" insbesondere mit den Schauplätzen des Lesens auseinandergesetzt.
    Das Buch ist Teil einer auf zehn Bände angelegten Reihe, in der Sozial-, Geistes- und Kunstwissenschaftler darüber nachdenken, was genau passiert, wenn wir lesen, und wie sich unser Verhältnis zu uns selbst und zur Umgebung verändert. Griem ist seit 2016 auch Vize-Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft und so hört sich manches vielleicht auch deshalb wie ein Forschungsprogramm an.

    Würdige Fragen zum Lesen

    Die Leiterin des Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen (KWI) hält es in mehrerer Hinsicht für "fragwürdig", sich über das Lesen Gedanken zu machen: Das Thema sei würdig, dass noch mal nachgefragt werde - "und natürlich hören wir ganz viele Statistiken und Zahlen dazu, warum zum Beispiel junge Menschen immer weniger lesen, warum Bücher weniger gekauft werden oder bestimmte Bücher nicht mehr gekauft werden."
    Ihr Ausgangspunkt sei eine zentrale Diskrepanz gewesen: Auf der einen Seite gehe man ganz selbstverständlich davon aus, dass Lesen im Allgemeinen und Bücher in jeder Hinsicht gut seien. "Gleichzeitig wissen wir aber immer noch sehr wenig darüber, welche Bücher, welche Texte eigentlich so positiv zu bewerten sind und was eigentlich genau geschieht, wenn wir in ganz unterschiedlichen Situationen lesen."

    Leseausstattung im weiten Sinn

    Mit der sozialen Seite des Lesens meine sie – "ganz bewusst" – sehr viel, betont die Wissenschaftlerin: "Ich interessiere mich auch für die Ausstattung von Lesesituationen." Das bezeichne sie als Leseszenen: "Also: nicht nur das Buch, der Text selbst und seine Verfasstheit, sondern auch die Möbel, auf die wir uns setzen, die Regale, die wir uns bauen, und diese ganze Ausstattung der Lesewelt."
    Diese Lesewelt werde schließlich in der heutigen Netzkultur auch immer stärker ins Licht gerückt, wenn sich zum Beispiel Influencerinnen und Influencer dabei zeigten, wie sie ihre jeweiligen Lektüren mit Wolldecke und Müslischalen und anderen Utensilien ihres Lebens gestalten.
    "Ich glaube, wir müssen etwas breiter darauf schauen, in welchen Anordnungen, in welchen Ensembles und Arrangements Bücher überhaupt zum Thema gemacht werden und welche Hoffnungen und Bedürfnisse sich damit jeweils verbinden", sagt Griem.

    Neue Formen nicht abwerten

    Sie spricht sich dagegen aus, die neuen Arten von Literaturvermittlung, vom Buchblogger bis zu Social Media-Beiträgen zu Büchern und zum Lesen, abzuwerten. Diese Herabsetzung sei eher die typische kulturkritische Diagnose ihrer Generation, insbesondere die der akademisch geschulten Beobachter und Beobachterinnen. Da heiße es dann schnell: "Dieser ganze Instagram-Quark, das ist ja alles nur ein weiterer Schritt in Richtung Untergang der guten bürgerlichen Lesekultur."
    Das greife aber viel zu kurz: "Wenn man historisch schaut, schon in früheren Jahrhunderten, haben lesende Menschen Wert daraufgelegt, wie ihre Lektüren angeordnet waren, wie sie gezeigt werden konnten, wie sie auch mit bestimmten sozialen Sinn für andere, also in einer sozialen Dimension präsentiert werden konnten."
    Die Präsentation des Lesens passiere also nicht erst heute. Allerdings, so Grimm: "Es passiert heute unter ganz anderen Bedingungen – und man muss positiv dazu sagen – unter deutlich demokratischeren Bedingungen als in früheren Jahrhunderten, wo viel größere Teile der Bevölkerung von Lektüren, von bestimmten Praktiken des Lesens auch ausgeschlossen waren."

    Festivals und Lesedienste

    Gleichzeitig gebe es viele neue Formen und Formate des Lesens, die darauf abzielen, dass man gemeinsam liest oder gemeinsam literarische Erfahrung macht, zum Beispiel auf Festivals oder bei anderen Formen, in denen Menschen zusammenkommen, um sich mit Lesen zu beschäftigen. In ihrem Buch erzählt sie auch davon, dass Lesen auch immer mehr delegiert werde, so dass es etwa Kurzfassungen von Büchern im Netz gebe, die andere Menschen und Bedingungen geschrieben hätten, die nicht transparent seien.
    Das mag einerseits nach einer typischen Erscheinung unserer auf Existenz getrimmten Zeit klingen, aber auch hier lohne die Differenzierung, sagt Griem: "Wenn ich auf ein Festival gehe und die Bücher vielleicht gar nicht mehr gelesen habe, können ja trotzdem interessante und produktive Erfahrungen mit Literatur oder mit Büchern gemacht werden, indem ich zum Beispiel mit anderen darüber spreche."
    (mfu)

    Julika Griem: "Szenen des Lesens. Schauplätze einer gesellschaftlichen Selbstverständigung"
    Transcript Verlag, Bielefeld 2021
    128 Seiten, 15 Euro

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