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Lesart | Beitrag vom 19.05.2020

Eshkol Nevo über "Die Wahrheit ist""Es ist ein sehr ehrliches und sehr offenes Buch"

Moderation: Frank Meyer

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Porträt des israelischen Autoren Eshkol Nevo. (Getty/Archive Photos/Dan Porges)
Lässt sich von seinen Lesern befragen und strickt daraus einen Roman: Eshkol Nevo. (Getty/Archive Photos/Dan Porges)

Schreiblockade, was nun? - Statt sich etwas auszudenken, hat Eshkol Nevo sich daran gemacht, Fragen seiner Leser an ihn zu beantworten. Daraus ist dann ein Buch geworden. Der israelische Schriftsteller nennt dieses Projekt eine "sehr ehrliche Fiktion".

Ein Schriftsteller mit Schreibblockade überlegt sich, was er dagegen tun kann. Er setzt sich hin und beantwortet Fragen von Leserinnen und Lesern. Es sind die typischen Fragen, die immer kommen: Haben Sie schon immer gewusst, dass Sie Schriftsteller werden wollen? Was ist Ihr Antrieb beim Schreiben? Wie sieht denn ein Arbeitstag bei Ihnen aus?

Manche sind allerdings auch intimer: Was für ein Kind waren Sie? Wie gehen Sie mit Kritik um? Warum schreiben Sie nicht über den Holocaust?

Spiel aus Frage und Antwort

Aus dieser Idee ist ein Roman geworden. In Israel ist er unter dem Titel "Das letzte Interview" erschienen und bereits ein Bestseller. In Deutschland trägt es den Titel "Die Wahrheit ist".

"Es handelt sich um ein sehr ehrliches, sehr offenes Buch", sagt der Schriftsteller Eshkol Nevo. Er habe diese Fragen einfach mal ohne Rücksicht auf die Reaktionen beantworten wollen - ohne Angst, jemanden zu verletzen.

Nach und nach habe ihn dann das Problem beschäftigt, was seine Aufrichtigkeit in den Leserinnen und Lesern auslösen könnte. So wurde ein Text daraus, der zwischen "Wahrheit" und "Fiktion" changiert.

Wahrheit und "reine" Wahrheit

Was Wahrheit sei, beschäftige ihn sehr, sagt Nevo. "Diese ganze Unsicherheit, die wir zur Zeit erleben, wenn es um Fragen der Wahrheit geht und um Fragen der 'reinen Wahrheit' - das habe ich natürlich in das Buch hineingenommen."

Der Leser weiß dabei letztlich nie genau, ob er dem Geschichtenerzähler vertrauen kann. "Natürlich bin das einerseits ich, und es ist meine Biografie", sagt Nevo über die Stimme des Erzählers in seinem Roman. "Aber es geht hier natürlich nicht nur um mich selber, sondern auch um ein fiktionales Ich."

Das Buch sei aus seiner Sicht eine "sehr ehrliche Fiktion". Er habe dafür tief in sich selbst gesucht - in seinen Träumen, Albträumen, Wünschen und Fantasien. Als Schriftsteller sei er aber dennoch ein Geschichtenerzähler. "Und ein Geschichtenerzähler ist niemand, der einfach nur mit Copy und Paste versucht, die Wahrheit in sein Werk einzubringen."

(huc)

Literaturhinweis

Eshkol Nevo: "Die Wahrheit ist"
Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
dtv, München 2020
429 Seiten, 22,00 Euro

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