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Thema / Archiv | Beitrag vom 03.07.2012

"Es gibt ja durchaus so einen Sensationshunger"

Soziologe sieht negative Einflüsse von Medien auf Hirnforschung

Torsten Heinemann im Gespräch mit Ulrike Timm

Die Gitterstruktur der linken Gehirnhälfte. (Science/MGH-UCLA Human Connectome Project])
Die Gitterstruktur der linken Gehirnhälfte. (Science/MGH-UCLA Human Connectome Project])

Kindererziehung, Raucherentwöhnung und der freie Wille - Neurowissenschaftler forschen zu vielen Themen und sind beliebte Gäste in Talkshows. Der Soziologe Torsten Heinemann hat festgestellt, dass die in den Medien diskutierten Forschungsergebnisse oft zu vereinfacht sind. Das Publikum sei daran nicht unschuldig.

Ulrike Timm: Die Neurowissenschaften haben in den letzten Jahren einen beispiellosen Boom erlebt, was ihre öffentliche Wahrnehmung angeht. Wie wir empfinden, wie wir lernen, wahrnehmen, wie sich menschliches Bewusstsein bildet, und auch menschliche Moral - all das interessiert Wissenschaftler, und klar: Auch für den Laien ist es faszinierend zu hören, dass man dem Hirn beim Denken zuschauen kann. Aber was wissen wir eigentlich wirklich, wenn wir auf all die schönen Bilder schauen, die die Hirnströme für uns entwerfen? Torsten Heinemann ist solchen Fragen nachgegangen: In einem umfangreichen Buch - "Populäre Wissenschaft - Hirnforschung zwischen Labor und Talkshow" - hat er sich als Soziologe vor allem damit befasst, wie die Erkenntnis zu uns gerät und was der Weg vom Labor in die Darstellungen von Talkshow bis Symposium mit den ursprünglichen Erkenntnissen eigentlich macht. Schönen guten Tag, Herr Heinemann!

Torsten Heinemann: Guten Tag, Frau Timm!

Timm: Was reizt denn überhaupt einen Soziologen daran, sich damit zu befassen?

Heinemann: Also zunächst ging es mir mal so, wie wahrscheinlich vielen Hörerinnen und Hörern, dass ich mich allgemein für Naturwissenschaften und auch für biotechnologische Innovation interessiert habe. Und ich habe einfach aufmerksam Zeitung gelesen, genau so Sendungen gehört, bei Ihnen im Radio, und es gab ja eine ganze Reihe auch von Talkshows. Und dann gab es zwei Gründe, die im Besonderen mein soziologisches Interesse geweckt haben: Zum einen ist es, dass die Neurowissenschaften sich ja zu einer unglaublichen Bandbreite von Themen äußern, also es ist nicht nur so, dass sie zu ganz spezifischen Themen sprechen, die man erwarten würde, beispielsweise Lernen oder so was wie Gehirntraining - nein, sie reden auch über Kindererziehung, über Raucherentwöhnung, und dann eben sogar über Phänomene menschlichen Zusammenlebens oder über den viel beschworenen freien Willen.

Und das war erst mal verwunderlich für mich, und ich wollte wissen, wie lässt sich das erklären. Und ein zweiter Punkt, der bemerkenswert ist, ist die Diskrepanz, die mir aufgefallen ist, zwischen der Laborarbeit und der Medienpräsenz. Wie es der Zufall so will, bin ich mit einer Neurowissenschaftlerin verheiratet, und wir haben auch eine ganze Menge Freunde, die Neurowissenschaftler sind, und wenn die mir von ihrer Arbeit berichtet haben, dann war das was ganz anderes als das, was ich in den Medien gelesen habe. Und daraus entstand dann eben der Wunsch, zu verstehen, wie ist eigentlich das Verhältnis zwischen Labor und Talkshow.

Timm: Lassen Sie uns das mal an einem Beispiel abklopfen: Die Neurowissenschaften reden ja oft manchmal sehr überzeugt von sich - oder zumindest einige der Neurowissenschaftler -, da gab es eine groß dimensionierte Diskussion um den freien Willen des Menschen. Und es gab die Extremmeinungen, diesen freien Willen gibt es gar nicht, alles eine Sache der Biologie, der Hirnströme ... auf welchen tatsächlichen Erkenntnissen beruht das eigentlich?

Heinemann: Genau bei dieser Diskussion um den freien Willen, da ging es um Experimente, die eigentlich schon in den 1980er-Jahren gemacht wurden, also Mitte der 1980er-Jahre, und das waren eigentlich relativ einfache Experimente: Man muss sich vorstellen, eine Versuchsperson sitzt auf einem Stuhl und schaut mit den Augen auf eine Uhr, die einen Sekundenzeiger hat. Und dann hat man eine EEG-Haube auf, mit der dann gemessen wird, was für Hirnströme man hat.

Und dann war es so, dass ein Versuchsleiter zu einem beliebigen Zeitpunkt den Probanden, die Versuchsperson gebeten hat, beispielsweise den Arm zu heben. Und die Versuchsperson sollte sich genau merken, wenn sie die bewusste Entscheidung zum Armheben tatsächlich trifft, genau schauen, wo der Zeiger stand. Und man kam dann darauf, dass es eine Gehirnaktivität gibt, also dass das Gehirn schon arbeitet, es da ein elektrisches Potential gibt, bevor man die bewusste Entscheidung trifft. Und das war also erst mal das Ergebnis. Und daraus wurde dann geschlossen, es gäbe keinen freien Willen.

Timm: Das ist eine ein bisschen einfache Konstellation, um dem Menschen gleich komplett den Willen abzusprechen.

Heinemann: Absolut, genau. Wenn man sich das noch mal klar macht - man kann ja erst mal sagen, wo, wenn nicht im Gehirn soll denn eine Aktivität sein, wenn ich Bewusstsein habe. Und dass die zeitlich unter Umständen - und wir reden da von Millisekunden, in denen sich das abspielt -, dass zeitlich die Aktivität da ist, bevor ich die bewusste Entscheidung treffe, sagt noch nichts über freien Willen aus. Und, das ist ein zweiter Punkt, die Neurowissenschaften haben ja damit eine Diskussion praktisch aufgegriffen, die seit 2.000 Jahren und länger in der Philosophie geführt wird, und haben so getan, sie erklären das jetzt abschließend mit diesem simplen Experiment. Und dass da die Psychologen und Philosophen ärgerlich wurden, ist leicht nachzuvollziehen.

Timm: Nun würde ich jedem Wissenschaftler erst mal unterstellen, dass er sich bemüht um ehrliche Erkenntnisse. Aber was passiert denn mit diesen Erkenntnissen auf dem Weg in zum Beispiel einen Ratgeber, wo man dann sein Lernen, seine Persönlichkeit oder sonst was alles optimieren kann? Sind es die Medien, sind es einzelne Wissenschaftler, Extremrichtungen? Was passiert da?

Heinemann: Zunächst - genau, Sie haben es angesprochen - muss man sagen, die Neurowissenschaften sind natürlich eine seriöse Wissenschaft und haben auch einen nennenswerten Erkenntnisfortschritt in den letzten Jahren vorzuweisen, also das ist auch noch mal ganz wichtig zu betonen. Aber es ist dann eben so, dass in diesem Prozess der Medialisierung, also des Schritts vom Labor in die Medien, verschiedene Übersetzungsprozesse stattfinden, die dazu führen, dass eben sehr vereinfacht gesprochen wird. Und da müssen wir zum einen sagen, dass wir auch als Publikum sind da ein Stück weit mitverantwortlich, denn es gibt ja durchaus so einen Sensationshunger. Und natürlich ist es schön, wenn uns ganz einfache Ergebnisse präsentiert werden, die nicht so kompliziert sind, die wir alle nachvollziehen können. Und damit ermuntert man Neurowissenschaftler natürlich auch, genau solche Ergebnisse zu produzieren. Und dann war es aber auch so, dass die Neurowissenschaften selbst gemerkt haben, dass sie mit ihren Medienprodukten sehr erfolgreich sind, und setzen diese Medienpräsenz jetzt ganz gezielt ein und produzieren eben auch genau diese einfachen Ergebnisse mit.

Timm: Deutschlandradio Kultur, das "Radiofeuilleton" im Gespräch mit Torsten Heinemann, der sich als Soziologe angeschaut hat, wie die Hirnforschung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, wie die wahrgenommen wird. Sie zitieren zum Beispiel einen Forscher, der neurowissenschaftlich über unser Bewusstsein, über unseren freien Willen gearbeitet hat, und der sagt, das sind alles Spekulationen, das ist nicht meine Forschung, aber für unsere Disziplin ist ein bisschen Publicity ganz gut. Ist das schlicht typisch?

Heinemann: Das kann man schon ein Stück weit so verallgemeinern, genau so. Man kann sagen, dass diese Meinung in die Neurowissenschaften doch sehr verbreitet ist, denn man muss ja sagen, diese Medienpräsenz sorgt ja dafür, dass es in der Gesellschaft auch eine große Akzeptanz gibt für neurowissenschaftliche Forschung, dass die Neurowissenschaft wahrgenommen wird. Und gerade in einer Gesellschaft wie der deutschen, wo Forschung ganz stark über Steuermittel und Steuergelder finanziert wird, ist es ja so, dass es hilfreich ist auch, wenn die Öffentlichkeit versteht, was an Forschung passiert. Und durch diese Medienpräsenz ist es eben den Neurowissenschaften gelungen, tatsächlich auch einen besonderen Stellenwert innerhalb der wissenschaftlichen Disziplin einzunehmen und auch besonders erfolgreich Gelder einzutreiben.

Timm: Nun haben Sie mit Ihrer Arbeit auch Skepsis schüren wollen - ich frage mich natürlich: Ist ein Soziologe für einen Naturwissenschaftler überhaupt satisfaktionsfähig?

Heinemann: Die Reaktionen, die ich bekommen habe, waren eigentlich durchweg positiv von den Neurowissenschaftlern. Natürlich ist es so, dass es in gewisser Weise auch ein Angriff ist, aber es ging mir ja nicht darum, die Erfolge der Neurowissenschaften in Zweifel zu ziehen, vielmehr mal herauszuarbeiten, was eigentlich an überzogenen Erwartungen auch vonseiten der Neurowissenschaften geweckt wird, und das ist vielen Neurowissenschaftlern auch durchaus bewusst, und hier, denke ich, ist es an der Zeit, dass man zu einem neuen Realismus und auch zu einer Selbstkritik innerhalb der Disziplin kommt. Und diese Selbstkritik fängt auch langsam an, sich ja durchzusetzen. Es gibt jetzt beispielsweise auch so was wie die kritische Neurowissenschaft, die eben versucht, genau solche kritischen Impulse in der Laborwissenschaft umzusetzen.

Timm: Aber was heißt das, wie skeptisch soll man denn sein, wenn es mal wieder in irgendeiner Petrischale blubbert oder irgendwelche spannenden Hirnbilder durch eine Wissenschaftssendung im Fernsehen oder auch im Radio laufen, und man wieder glaubt, man hat der Weisheit letzten Schluss gefunden? Wenn ich Ihnen zuhöre, habe ich das Gefühl, die Wissenschaft produziert derzeit noch mehr Fragen als Antworten.

Heinemann: In der Tat, und es wäre genau an der Wissenschaft, das deutlich zu machen, und herauszuarbeiten, wie spannend es eigentlich auch sein kann, Fragen zu produzieren, und uns nicht immer darauf zu trimmen, dass wir schon die Antwort hören wollen. Ich denke, dass wir als Öffentlichkeit - und da schließe ich mich mit ein - eben auch bereit sein sollten, damit zu leben, dass nicht alles abschließend geklärt werden kann und dass wir noch ganz am Anfang stehen. Und dafür eine größere Bereitschaft zu entwickeln, wäre ein ganz wichtiger Schritt, und wir sollten eben auch nicht zu viel erwarten von den Neurowissenschaften. Es muss auch mal möglich sein, dass ein Experiment scheitert, dass auch mal größere Forschung nicht zu dem gewünschten Ergebnis führt. Und das ist leider noch so, dass diese Negativergebnisse sehr gering geschätzt werden, obwohl sie ja auch eine Form des Fortschritts sind.

Timm: Was heißt das, Negativergebnis?

Heinemann: Nehmen Sie beispielsweise so Sachen wie das Gedankenlesen, was ja ein großer Hype in der letzten Zeit war, und dazu gab es viele Artikel, und es ist so, dass man zwar da große Fortschritte gemacht hat. Das ist mittlerweile möglich, dass Neurowissenschaftler mittels eines Hirnscans sehen können, was ein Proband sieht, zumindest auf einer sehr grundlegenden Ebene, aber da scheitert auch noch viel. Es klappt noch lange nicht so, dass sich jeder Mensch einfach hinsetzen kann, und die Neurowissenschaftler machen den Scan und wissen, was im Gehirn funktioniert und was wir gerade denken, sondern das ist auf einer sehr viel basaleren Ebene. Also es sind ganz einfache Experimente, die erkennen einen Buchstaben, der ihnen vorher gezeigt wird. Und hier wäre es also wichtig, dass man mehr Realismus einkehren lässt.

Timm: Der Soziologe Torsten Heinemann über populäre Wissenschaft. "Hirnforschung - zwischen Labor und Talkshow", so heißt sein Buch, das bei Wallstein erschienen ist. Vielen herzlichen Dank fürs Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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