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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.05.2015

Erziehungslügen unter der LupeVerteidigung der liberalen Pädagogik

Von Susanne Billig

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Ein Junge wirft in einem Klassenzimmer mit einem Gegenstand. Im Hintergrund ist ein Tafelbild mit einer Hexe. (dpa / picture alliance / Felix Kästle)
Fehlt es heute an strengen Grenzziehungen für Kinder? (dpa / picture alliance / Felix Kästle)

Zu viel Fürsorge mache Kinder unselbstständig, so einer der zahlreichen Vorwürfe an liberale Eltern und Pädagogen. Alfie Kohn enttarnt diese Vorurteile in seinem Buch "Der Mythos des verwöhnten Kindes" als heiße Luft.

"Der Mythos des verwöhnten Kindes – Erziehungslügen unter die Lupe genommen" heißt das neue Buch von Alfie Kohn programmatisch. Und nur zu Beginn der Lektüre stellen sich kleine Irritationen ein, wenn der Autor auftritt, als besäße er einen Alleinvertretungsanspruch für seine liberalen Ideen und ähnlich gestimmte Kollegen und deren große öffentliche Beliebtheit kaum zur Kenntnis nimmt, man denke nur an den gefeierten Jesper Juul.

Doch dann gewinnt das Buch rasch an Fahrt – und spätestens ab Kapitel zwei möchte man jeden, aber auch jeden Satz dick unterstreichen.

Vor allem die kühle Logik begeistert, mit der Alfie Kohn im Laufe seines Buches das gesamte Arsenal traditionalistischer Vorwürfe an Eltern und eine liberale Pädagogik auseinandernimmt. Wenn es heißt, Kinder und Jugendliche seien fauler und selbstbezogener als früher, ihre Aufmerksamkeitsspanne sinke, es fehle an strengeren Grenzziehungen und das ruiniere ihre Zukunftschancen, hält Alfie Kohn immer wieder mit einer simplen Frage dagegen: Tatsächlich? Dann setzt er das scharfe Messer seiner Analysen an und sticht in jede Menge heißer Luft.

Teils lassen sich die behaupteten Phänomene nirgends belegen, teils stecken grobe Verwechselungen dahinter – so sind Jugendliche heute nicht selbstbezogener, sondern die Selbstbezogenheit ist schlicht Teil ihrer Entwicklungsphase, darum klagten ältere Semester schon in der Antike über das ungezogene junge Volk –, teils stimmen die Beziehungen zwischen Ursache und Wirkung nicht.

Konkurrenz macht nicht selbstbewusster

So erweist sich der Vorwurf, viel Aufmerksamkeit und Fürsorge mache Kinder unselbstständig, als glatte Lüge – das Gegenteil ist der Fall, wie belastbare Studien zeigen. Nicht belegen lässt sich auch der behauptete Zusammenhang zwischen einer künstlichen geschürten Konkurrenz in der Schule, beispielsweise über Notengebung oder Sportveranstaltungen, und der bestmöglichen Vorbereitung auf die Härten des Erwachsenenlebens.

Wenn Kinder sich schmerzhaft als Scheiternde erleben, lernen sie nur eines, wie der Autor zeigt: dass sie Versager sind und nichts taugen.

Wer seine Kinder auf unfreundlichere Zeiten vorbereiten möchte, sollte sie dabei unterstützen, ihr Selbstwertgefühl möglichst unabhängig von Lob, Tadel, Erfolg und Misserfolg auszubilden. Denn die Freude, genauso zu sein, wie man ist, lässt sich auch ganz woanders verwurzeln, zum Beispiel im lebendigen Erfahren der Welt, in der Fantasie des Spielens, in menschlichen Beziehungen und Freundschaften, die auf Kooperation und nicht primär auf Konkurrenz begründet sind.

Das ist keine pädagogische Traumtänzerei, unterstreicht Kohn im Buch immer wieder, sondern die Forschung belegt es seit Jahrzehnten.

Warum aber kommt es dann nicht zu einem Umbau der Schulsysteme? Warum können sich die neuen, alten Pädagogik-Hardliner öffentlich immer wieder Gehör verschaffen? Alfie Kohns Antwort fällt wahr und traurig zugleich aus: Lieblosigkeit und permanente Kontrolle, ob säuselnd oder harsch, machen Kinder weder stärker noch glücklicher noch auch nur leistungsfähiger. Aber: Das System schreibt sich erfolgreich fort in die nächste Generation.

Alfie Kohn: Der Mythos des verwöhnten Kindes - Erziehungslügen unter die Lupe genommen
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Andreas Nohl
Beltz Verlag, Weinheim 2015
340 Seiten, 22,95 Euro

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