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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.06.2014

Erster WeltkriegKümmelschnaps im Schützengraben

Wie Archäologen das Alltagsleben der Soldaten des Ersten Weltkrieges rekonstruieren

Bernadette Schnitzler im Gespräch mit Dieter Kassel

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 Französische Soldaten klettern während der Schlacht um die ostfranzösische Stadt Verdun zu einem Angriff aus ihren Schützengräben (Archivfoto von 1916). Bei der Schlacht um Verdun sind von Februar bis Dezember 1916 rund 700.000 Menschen umgekommen. Ausgelöst durch die tödlichen Schüsse auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand durch serbische Nationalisten am 28. Juni 1914 in Sarajevo brach im August 1914 der große Krieg (später als 1. Weltkrieg bezeichnet) aus. Es kämpften die Mittelmächte, bestehend aus Deutschland, Österreich-Ungarn sowie später auch das Osmanische Reich (Türkei) und Bulgarien gegen die Tripelentente, bestehend aus Großbritannien, Frankreich und Russland sowie zahlreichen Bündnispartnern. Die traurige Bilanz des mit der Niederlage der Mittelmächte 1918 beendeten Weltkriegs: rund 8,5 Millionen Gefallene, über 21 Millionen Verwundete und fast 8 Millionen Kriegsgefangene und Vermisste. (picture alliance / AFP)
Schlacht um Verdun: Französische Soldaten klettern während der Schlacht um die ostfranzösische Stadt Verdun zu einem Angriff aus ihren Schützengräben (Archivfoto von 1916). (picture alliance / AFP)

Spiele, Rosenkränze, Kümmelschnaps: Fundstücke wie diese geben Archäologen Aufschluss über das Alltagsleben auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Die Archäologin Bernadette Schnitzler sagt, besonders aufschlussreich seien die Abfallgruben.

Dieter Kassel: Jahre-, ja jahrzehntelang war es vor allem die Kriegsgräberfürsorge, die in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs nach menschlichen Überresten suchte, um gefallene Soldaten identifizieren und angemessen bestatten zu können. Erst seit ziemlich kurzer Zeit sind auch Archäologen in diesen Schützengräben unterwegs, auch sie finden Leichen, dazu aber finden sie auch Gegenstände, die dazu beitragen, das Bild, das Historiker bisher vom Leben der Soldaten an der Front gezeichnet haben, dieses Bild zu vervollständigen. Im Archäologischen Museum der Stadt Straßburg ist zurzeit sogar schon eine Ausstellung zu sehen, die einiges von dem zeigt, was Wissenschaftler in den Schützengräben, in diesem Fall vor allen Dingen in Elsass-Lothringen, gefunden haben. Und am Telefon begrüße ich jetzt Bernadette Schnitzler, sie ist die Leiterin des Museums. Schönen guten Morgen, Frau Schnitzler!

Bernadette Schnitzler: Guten Morgen!

 

Kassel: Was findet man denn in der Regel, wenn man als Archäologe oder Archäologin in einen Schützengraben aus dem Ersten Weltkrieg sich begibt?

 

Schnitzler: Da findet man viele, viele Sachen. Hauptsächlich, was interessant ist, ist die Untersuchung der Abfallgruben. Denn die geben viele Erkenntnisse über die Versorgung der Fronteinheiten und auch Herkunft der Produkte, die die Leute gegessen haben, oder was sie getrunken haben. Das gibt viele Sachen über das Alltagsleben der Soldaten an der Front.

 

Kassel: Was denn zum Beispiel konkret?

 

Heidelbeerwein und Danziger Goldwasser

 

Schnitzler: Konkret findet man natürlich viele Flaschen, das ist kein Wunder, viele Flaschen Wein, Bier natürlich auch. Die Marken zeigen, dass viel Bier aus der Gegend von Straßburg, von den Brauereien von Straßburg kamen. Und auch natürlich Getränke wie … Etwas Spezielles ist hauptsächlich in Carspach, in Haut-Rhin, sind Heidelbeerweinflaschen gefunden worden. Oder auch Kümmelschnaps. Und noch etwas ganz Komisches: Eine kleine Flasche von Danziger Goldwasser, das ist so ein Gewürzlikör mit Blattgoldflocken. Und das zeigt, dass die Soldaten Alkohol oder Produkte von ihrer Region auch mitnehmen.

 

Kassel: Ich habe gelesen über … Ich weiß nicht, ob es tatsächlich auch in Elsass-Lothringen war, aber Ausgrabungen in Frankreich in solchen Schützengräben, dass man da zum großen Erstaunen auch Flaschen gefunden hat, von denen es erst mal so aussah vom Etikett, als kämen die aus Peru, Kolumbien oder anderen Überseegebieten.

 

Schnitzler: Ja wirklich, das war am ersten Moment wirklich ein Problem für die Archäologen. Man hat zuerst gedacht, dass das importierte Flaschen gewesen sind. Aber das ist ganz falsch, denn mit dem [unverständlich], die Produktion nach Amerika, deutsche Kolonien in Amerika oder so normalerweise geschickt wurden, haben nicht mehr in die Kolonien geschickt werden können. Und dann sind die Flaschen an der Westfront benutzt worden. Und es stehen Sachen darauf, die sind spanisch oder portugiesisch und das ist sehr komisch, dass es nur für Bier ist. Und die Flaschen haben am Anfang den Archäologen wirklich Probleme gemacht, denn man hat nicht verstanden, warum die Flaschen an der Westfront sind!

 

Kassel: Sie haben gerade ja überhaupt geredet über die Abfallgruben, die besonders interessant sind. Was haben Sie erfahren und Ihre Kollegen natürlich auch aus diesen Ausgrabungen über die Ernährung der Soldaten?

 

Schnitzler: In Carspach hat es viele Knochen auch gegeben. Und die Archäologen haben feststellen können, dass der Anteil an Rindfleisch sehr hoch war in dieser Gegend. Aber man findet auch Schwein oder Ziege. Und manchmal auch Hühner oder Kaninchen. Und das zeigt, dass die Soldaten sicher im Hinterland auch Sachen gekauft haben und nicht nur die Ernährung, die das Heer …

 

Kassel: … zur Verfügung gestellt hat. – Archäologen ist übrigens auch für Deutsche ein ziemlich schwieriges Wort, aber wir müssen es benutzen in diesem Gespräch ständig! … Die Frage, die ich mir stelle: Warum haben denn die Archäologen jetzt doch erst so ziemlich spät, fast 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs, angefangen, sich für diese Schützengräben zu interessieren?

 

Schützengräben waren den Archäologen nicht alt genug

 

Schnitzler: Lange war das nicht in dem Bereich von der Archäologie. Das war nicht zu alt. Und die Archäologen haben auch immer die [unverständlich] historischen oder römischen Sachen auf einer Ausgrabung gesucht, auch wenn Schützengräben nicht weit gewesen sind. Das war nur die alte Periode, die studiert wurde. Aber jetzt mit der hundertjährigen Kommemoration und auch weil die Ausgrabung von Carspach und auch manchmal in Nordfrankreich, da sind sehr interessante Sachen herausgekommen. Und die Archäologen haben jetzt festgestellt, dass man auch mit der Archäologie die Geschichte erneuern kann und dass viele neue Perspektiven jetzt, die Schützengräben zu studieren, herauskommen mit der Archäologie. Aber das ist auch gefährlich, deswegen ist es vielleicht so lange auf der Seite geblieben, weil manchmal Munition oder Minen noch aktiv sind. Und da müssen natürlich Spezialisten mit den Archäologen arbeiten, diese Sachen wegzubringen.

 

Kassel: Ist es denn zumindest in einem Punkt für Archäologen einfacher: In diesem Fall weiß man in der Regel, wo man suchen muss? Oder ist es auch wie bei älteren Fundorten manchmal Zufall und manchmal einfach nur eine halbwegs kluge Vermutung?

 

Schnitzler: Manchmal weiß man, dass da eine Frontlinie gewesen ist, natürlich, da gibt es Karten. Das ist nicht immer so klar, denn manchmal sind die Karte und das Terrain nicht ganz dasselbe. Und es gibt auch natürlich manchmal Überraschungen, hauptsächlich für Gräber, denn natürlich kann man auch verlorene Gräber finden. Und das ist natürlich dann schon was anderes, etwas Unerwartetes.

 

Kassel: Ist es ein anderes Gefühl für eine Archäologin, wenn man zum Beispiel menschliche Überreste findet, von denen man weiß, dieser Mensch hat vor weniger als 100 Jahren noch gelebt? Ein anderes Gefühl, als wenn man Überreste von Menschen findet, die vielleicht vor Jahrhunderten gelebt haben?

 

Schnitzler: Ja, natürlich, das ist eindrucksvoll, wenn man so eine Ausgrabung macht, wo noch Textilien manchmal oder Leder und solche Sachen da sind. In Carspach, die 21 Soldaten, die in der Galerie blockiert gewesen sind, alles war noch da, alles war fossilisiert. Und das ist natürlich, man denkt immer daran, das kann jemand von der eigenen Familie sein.

 

Kassel: Da gibt es auch Grenzen sicherlich dessen, was Sie dann anschließend in Ihrem Museum zeigen können. Was sieht man denn nun in der Ausstellung? "A l'Est, du nouveau!" heißt sie ja.

 

Ausstellung zeigt Dinge aus dem Alltagsleben

 

Schnitzler: Ja, da sieht man Sachen, die aus 30 Grabstätten kommen, von Lothringen und von Elsass. Und natürlich viele Sachen aus dem Alltagsleben. Das sind Sachen wie Ernährung, über den Zeitvertreib der Soldaten, da waren so kleine Spiele, oder Sachen zum Schreiben und so. Auch natürlich Sachen, die die Glaubensvorstellungen zeigen, viele Kreuze, Rosenkränze, persönliche Sachen von den Leuten. Und natürlich auch alles, was über die Bestattungen gefunden worden ist im Elsass.

 

Kassel: Geht es eigentlich nur darum, sozusagen die Schätze, wenn ich das so nennen darf – in diesem Fall ist es ein bisschen grenzwertig, es so zu nennen bei einem Krieg … –, das zu bergen aus den Schützengräben? Oder haben Sie als Archäologen auch Interesse daran, zumindest einen Teil der Schützengräben zu erhalten, vielleicht sogar zugänglich zu machen?

 

Schnitzler: Zugänglich ist nicht so … Für diese Sachen wie die Ausgrabungen in Carspach, das ist jetzt fertig, da ist eine Straße, die darüber läuft. Aber in den Vogesen gibt es natürlich viele Linien, die man noch besichtigen kann. Und dann natürlich, für die hundertjährige Feier, werden sehr viele Sachen für das Publikum jetzt dokumentiert und auch zugänglich gemacht.

 

Kassel: Und wer das Ganze lieber im Museum haben möchte: Die von uns erwähnte Ausstellung "A l'Est, du nouveau!" ist im Archäologischen Museum der Stadt Straßburg noch bis zum 31. Dezember, also bis zum Ende des Jahres zu sehen. Wir haben mit der Leiterin dieses Museums, Bernadette Schnitzler, gesprochen. Frau Schnitzler, vielen Dank!

 

Schnitzler: Für das nicht, vielen Dank!

  

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

 

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