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Lesart / Archiv | Beitrag vom 30.08.2014

Erster WeltkriegBerichte, Zeugenaussagen, Briefe

Richard van Emden: "Mit dem Feind leben. Alltag im Ersten Weltkrieg"

Von Friedhelm Lövenich

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Deutsche Soldaten schreiben um 1914 vor einem Feldpostamt in Kolno Feldpostkarten. Die Karte wurde als Ostpreußenhilfe mit dem Titel "Feldpost-Sammelstelle in Kolno" verlegt und im August 1918 beschriftet. (picture alliance / ZB / Stefan Sauer)
Deutsche Soldaten um 1914 vor einem Feldpostamt (picture alliance / ZB / Stefan Sauer)

Die Erinnerungen von Zeitzeugen an den Ersten Weltkrieg machen die Stärke dieses Buches aus, weil sie viele unbekannte, "kleine" Ereignisse wiedergeben. Allerdings hat Richard van Emden versäumt, den Einzelbildern eine Ordnung zu geben.

Den Ersten Weltkrieg von unten zu beschreiben, aus der Perspektive der unmittelbar Betroffenen, Soldaten wie Zivilisten, ist eigentlich eine reizvolle Idee. Und doch habe ich mich selten so sehr durch ein interessantes Buch hindurchquälen müssen, weil es sich verzettelt und verfranst.

Kriege sind Zeiten der Grausamkeit und Unmenschlichkeit, selbst die "normale Verrücktheit" feiert Triumphe:

"Man munkelte, deutsche Offiziere würden in Belgien die Maggi-Schilder aus emailliertem Blech, die dort an Reklamewänden hingen, abschrauben, um die auf der Rückseite von Spionen heimlich hinterlassenen Botschaften zu lesen.

Ob das stimmte oder nicht, viele Leute glaubten es, und in den Londoner Vororten zogen Grüppchen mit Schraubenziehern umher, um die Rückseiten von Emailleschildern zu untersuchen."

Buchcover: "Mit dem Feind leben" von Richard van Emden (Hoffmann und Campe Verlag)Buchcover: "Mit dem Feind leben" von Richard van Emden (Hoffmann und Campe Verlag)Erinnerungen von Zeitzeugen

Solche Erinnerungen von Zeitzeugen machen die Stärke des Buches aus, geben sie doch viele, eher "kleine" Ereignisse wieder, die zumeist nicht bekannt sind, es aber verdienen erwähnt zu werden. Eben dies hat sich Richard van Emden vorgenommen, nicht die politische oder die militärisch-strategische, sondern die private Seite des Ersten Weltkriegs zu zeigen und, wie er doch ein wenig unbescheiden behauptet …

"… die Geschichte des Ersten Weltkriegs neu zu erzählen."

Aber die Stärke seines Buches, die Einzelfallschilderung, ist zugleich seine Schwäche. Bericht reiht sich an Bericht, Zeugenaussage an Zeugenaussage, Brief an Brief. Diesem stößt jenes zu, jenem dieses. Jedes Erlebnis ist verschieden, aber das etwas dünne Ergebnis all der geschilderten Einzelheiten ist: Es gab solche und solche.

Es gab deutsche Offiziere, die englische Kriegsgefangene schlecht behandelten und solche, die sie gut behandelten, bei den Engländern vice versa. Ebenso verhielt es sich im Feld, wenn zwei feindliche Soldaten aufeinandertrafen: Manche schossen auf den anderen, manche trennten sich freundlich, einige waren unbarmherzig, andere menschlich zu ihren Gegnern.

Egoismus und Solidarität auf beiden Seiten

Und auf beiden Seiten regierte Egoismus neben Solidarität, Loyalität neben Verrat, Tapferkeit neben Feigheit – auch das ist nicht unbekannt und war schon zu allen Zeiten der Fall. Wie auch, dass sich wie überall und jederzeit Bürokraten in Ministerien oder Organisationen dienstfleißig und eilfertig beeilten, normalen Menschen das Leben schwer zu machen.

Zu all dem finden sich vielfältig Belege bei van Emden; aber lehrreich ist sein Buch, weil es nicht funktioniert. Es zeigt die Schwäche, die auch die rein dokumentarisch vorgehende "Oral History" häufig ereilt: den Mangel an Zusammenhang, an Überblick und an Strukturierung – wenn es denn allein beim Wiedergeben, beim Referieren der Zeugnisse bleibt.

Das Ganze erweckt den Eindruck eines Flickenteppichs, der zwar wie ein Wimmelbild eine Menge Einzelheiten zeigt, aber keine ordnende Gestaltung aufweist, die der Autor zu Erkenntnissen verarbeitet hätte.

Richard van Emden kommt von der historischen Dokumentation her, die er für die BBC betrieben hat und die auf Bebilderung von Texten bzw. auf die Vertextung von Bildern angewiesen ist. Und als Film oder Roman mag eine solche Vorgehensweise hingehen, denn so ist nun einmal die Realität: Disparat, fragmentarisch, unkoordiniert, ja oft chaotisch, widersprüchlich und in ihren Widersprüchen oft genug eng beieinander, erst recht in Krisensituationen.

Unordnung statt Analyse

Aber eine ungeordnete, nicht analysierte, nur abgeschilderte Abfolge von Einzelbildern macht keine Geschichte, auch keine Geschichtsschreibung. Eine große, welthistorisch bedeutsame Geschichte wie der Erste Weltkrieg wird nicht erkannt dadurch, dass man die einzelnen Geschichten der an ihm Beteiligten lediglich aufeinanderstapelt.

Auch Remarques "Im Westen nichts Neues" oder Hašeks "Schwejk" schildern den Ersten Weltkrieg aus der Perspektive der Einzelnen, der seiner Gewalt Unterworfenen; aber nach der Lektüre ihrer Romane hat man mehr vom Krieg und seinen Gründen in der damaligen Kultur begriffen als nach dem dokumentarischen Buch des Journalisten van Emden.

Richard van Emden: Mit dem Feind leben. Alltag im Ersten Weltkrieg
Aus dem Englischen von Gabriele Gockel und Barbara Steckhan
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg April 2014
432 Seiten, 22,99 Euro

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100 Jahre Erster Weltkrieg - Kriegssplitter - der Weg in die Katastrophe (Deutschlandradio Kultur, Aktuell, 01.07.2014)

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