Donnerstag, 02.07.2020
 

Fazit | Beitrag vom 30.05.2020

Ersan Mondtag zum 75. Geburtstag von Fassbinder"Der, der sich alles erlaubte"

Moderation: Marietta Schwarz

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Rainer Werner Fassbinder. (Istvan Bajzat / dpa)
Rainer Werner Fassbinder wurde am 31. Mai 1945 in Bad Wörishofen geboren und starb am 10. Juni 1982 in München. (Istvan Bajzat / dpa)

Für den Theaterregisseur Ersan Mondtag war Rainer Werner Fassbinder ein „Tausendsassa“, der nichts zu verlieren hatte. Die Verknüpfung von Gesellschaftskritik und Ästhetik in seinem Werk habe ihn inspiriert. „Für mich war Fassbinder stilprägend.“

75 Jahre alt wäre Rainer Werner Fassbinder am Sonntag geworden, doch er wurde nur 37. Fassbinder lebte ein kurzes und ultraproduktives Leben, was sich allein an der Zahl seiner Filme, Fernsehserien und Bühnenstücke zeigt.

Vor allem seine Filme gingen in die Geschichte ein - "Angst essen Seele auf", "Die Ehe der Maria Braun" oder "Die Sehnsucht der Veronika Voss" -, ebenso sein exzessives Leben, sein Schwulsein und die Frauen, die für immer mit Fassbinders Filmen verbunden sein werden: Irm Hermann, Hannah Schygulla und Ingrid Caven.

Bis heute hinterlässt Fassbinder Spuren, auch bei der jüngeren Generation von Theatermachern.

Der Regisseur Ersan Mondtag zum Beispiel hat am Schauspiel Frankfurt vor sechs Jahren eine "Messe für Rainer Werner Fassbinder" entwickelt.

Fassbinder - ein Autodidakt und Tausendsassa

Für Mondtag war Fassbinder ein "Tausendsassa" - jemand, der Hörbücher und Theaterstücke geschrieben, aber auch selber vor der Kamera und auf der Bühne gestanden hat, - jemand, der, wenn er weiter gelebt hätte, sicher irgendwann Architektur, Kunstwerke, Installationen oder Dauerperformances geschaffen hätte.

Der Regisseur Ersan Mondtag. (Frank Rumpenhorst/dpa)Während seiner Zeit in München begab sich Ersan Mondtag auf die Spuren von Rainer Werner Fassbinder. (Frank Rumpenhorst/dpa)

"Für mich ist Fassbinder stilprägend", sagt Mondtag. Dessen Verknüpfung von Gesellschaftskritik und ästhetischem Ansatz habe ihn inspiriert. Der junge Fassbinder sei begeistert gewesen von dem französischen Regisseur Jean-Luc Godard, den er "fast infantil" imitiert habe, bis er schließlich jemand wurde, der einen eigenen ästhetischen Kosmos schuf.

Heute würde Fassbinder sicher anders Gesellschaftskritik üben oder Vorgänge auf der Welt kommentieren, meint Mondtag. Wie Fassbinder heute "anecken" würde, das würde ihn sehr interessieren. Vor allem im Vergleich zu Fassbinders großer Zeit in den 70ern, "zu einer Zeit, in der sowieso Umbruch herrschte", er als Autodidakt* nichts zu verlieren hatte und sich deswegen alles erlauben konnte, meint der Regisseur.

Eines wäre sicher, meint Mondtag. Fassbinders Kritik wäre nach wie vor radikal, wahrscheinlich sogar so radikal, dass wir uns davon keine Vorstellung machen könnten.

(ckr)

* an dieser Stelle und in der Überschrift haben wir eine nicht zutreffende biografische Angabe zum Leben Fassbinders entfernt. 

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