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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 22.04.2016

ErnährungNeue Sinnstiftung durch Askese

Von Ulrike Ackermann

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Eine Packung weißer Zucker (M), Würfelzucker (l) und brauner Rohzucker werden von einer Eisenkette samt Schloss zusammen gehalten. (imago/Thomas Eisenhuth)
Tabak, Alkohol und obendrein noch verwerflicher Zucker - werden wir dafür zukünftig verhaftet? (imago/Thomas Eisenhuth)

Die Askese löse den Hedonismus ab, beobachtet die Heidelberger Freiheitsforscherin Ulrike Ackermann. Veganismus, Vegetarismus oder Steinzeitküche dienten zu hochpolitischer, ja religionsähnlicher Sinnstiftung - und das bei konservativen wie linken Gesellschaftskritikern.

Stellen wir uns eine Szene im Jahr 2020 vor: Sie gehen an einen Bahnhof, um Ihre Liebste oder Ihren Liebsten vom Zug abzuholen. Sie führen einen kleinen Korb mit sich, bestückt mit einer Flasche Champagner, die Sie gleich öffnen werden, sobald die ersehnte Person in ihren Armen liegt. Im Korb außerdem eine Schachtel Pralinées.

Bis der Zug einfährt, erlauben Sie sich, noch ein Zigarillo zu entzünden. Glauben Sie mir, innerhalb von Sekunden rufen umstehende Reisende die Bahnpolizei und Sie werden umgehend wegen Drogenkonsums in der Öffentlichkeit verhaftet: Tabak, Alkohol und obendrein noch verwerflicher Zucker! Dass muss natürlich bestraft werden!

Moralpolitik mit Verboten von Genussmitteln

Denn "Zucker ist der neue Tabak" verkündete jüngst die ehemalige grüne Gesundheitsministerin Renate Künast. Mit immer neuen Verordnungen, Richtlinien und Verboten wird aus Berlin und Brüssel eine Moralpolitik betrieben, die die Bürger erziehen und auf den richtigen Weg bringen will.

Seit der Antike streiten die Menschen über das "gute Leben". Jeder ist seines Glückes Schmied. Aber kann er sich frei machen von gesellschaftlichem Druck, von sozialer Tyrannei – wie John Stuart Mill es nannte?

Der amerikanische Arzt Steven Bratman spricht inzwischen von der "Orthorexie", nämlich die manische Beschäftigung mit gesundem Essen, die sich inzwischen allenthalben Bahn bricht. Nach Überfluss und Völlerei folgt nun eine neue Kargheit: Mäßigung, Selbstbeschränkung, Verzicht, Reinigung und Askese sind die neuen Werte, die die leiblichen und seelischen Genüsse kanalisieren sollen.

Bildungsbürgerlicher Wandel von Völlerei zu Verzicht

Die Avantgarde einer bildungsbürgerlichen, liberal bis grünen, urbanen Mittelschicht propagiert diesen Wandel. Veganismus und Vegetarismus sind die neuen Heilslehren – aber auch die Steinzeitküche, also zurück zu den Ursprüngen.

Die Anhängerschaft der einen Richtung gerät dabei flugs in Streit mit den Jüngern anderer Fraktionen. Geht es um Körper-, aber auch um Seelenheil, versammelt man sich offensichtlich wieder gerne im Kollektiv. Die Begeisterung für die Askese erinnert an die Bewegung der Lebensreformer, die seit Mitte des 19. Jahrhundert das Heil in der Natur sahen.

Und sie weckt und verbindet auch allerhand andere alte Geister. Skeptisch gegenüber moderner Urbanität, gegenüber Fortschritt, Wachstum und Kapitalismus, gegenüber Konsumismus und Hedonismus berühren sich konservative Kulturkritik, bürgerlicher Kulturpessimismus und linke Gesellschaftskritik, die an die marxistischen Postulate der Entfremdung und Ausbeutung anknüpft.

Man teilt offensichtlich die Zweifel an der bisher erfolgreichen westlichen Zivilisationsgeschichte – erst recht, wenn deren Werte und Errungenschaften von außen massiv unter Druck geraten. Da soll womöglich eine Katharsis dem genussfreudigen Westen helfen, für seinen üppigen Lebensstil Buße tun.

Wider die Tugendwächter des guten Lebens

Man möchte fast von privater Religion sprechen. In jedem Fall aber ist der Kampf um das richtige Essen und die richtige Lebensweise hochpolitisch geworden. Es geht darin nicht nur um Gesundheit, Selbstoptimierung und Selbstvergewisserung, sondern oft um nichts weniger als die Rettung der ganzen Welt.

Das Motto des französischen Aufklärers Diderot "Freiheit ist die Gesundheit der Seele" ist mir da viel lieber. Denn wir sind so erwachsen geworden, dass wir keine Tugendwächter brauchen, weder den Staat noch eine Ideologie, die uns moralisch oder politisch vorschreiben, wie wir zu leben haben und wie unser Glück auszusehen hat.

Es gibt keine bestimmte Konzeption des guten Lebens, die für alle gültig wäre, aber das Recht eines jeden, frei und gleich geboren, sein jeweiliges Glück zu verfolgen.

Die Politikwissenschaftlerin und Publizistin Ulrike Ackermann (Imago/Horst Galuschka)Die Politikwissenschaftlerin und Publizistin Ulrike Ackermann (Imago/Horst Galuschka)Dr. Ulrike Ackermann, geb. 1957, Studium der Politik, Soziologie und Neueren Deutschen Philologie in Frankfurt/Main., ab 1977 Zusammenarbeit mit der Charta 77, dem polnischen KOR, der Solidarnosc und anderen Bürgerrechtsbewegungen in Ostmitteleuropa.
Sie war verantwortliche Redakteurin der "Frankfurter Hefte/Neue Gesellschaft", wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hamburger Institut für Sozialforschung, Gründerin und Leiterin des Europäischen Forums an der Berlin-Brandenburgischen Akademie für Wissenschaften.
Ulrike Ackermann ist Professorin für Politikwissenschaften und Direktorin des John Stuart Mill Instituts für Freiheitsforschung in Heidelberg.
Buchveröffentlichungen: "Sündenfall der Intellektuellen", "Versuchung Europa", "Welche Freiheit. Plädoyer für eine offene Gesellschaft", "Eros der Freiheit. Plädoyer für eine radikale Aufklärung", "Im Sog des Internets" (Hg.), "Freiheitsindex Deutschland" 2011-2015 (Hg.), "John Stuart Mill. Ausgewählte Werke" (Hg.), "Genuss-Askese-Moral. Über die Paternalisierung des guten Lebens" (Frankfurt 2016)

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