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Zeitfragen | Beitrag vom 05.10.2020

Erinnerungen von DDR-OppositionellenAls ein dritter Weg möglich schien

Von Constantin Hühn

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Die ehemalige DDR-Staatsflagge dient einem Erfurter Einwohner beim Streichen seines Gartenzauns als saugfähige Unterlage (dpa / Ralf Hirschberger)
Staatstragende Malunterlage: Sobald die deutsche Einheit besiegelt war, hatte die DDR-Staatsflagge ausgedient. (dpa / Ralf Hirschberger)

Am 3. Oktober 1990 wird die deutsche Einheit besiegelt. Dass viele DDR-Oppositionelle zuvor eine neue Demokratie 2.0 anstrebten, war schnell vergessen. Nachwendekinder sprechen mit ihren Eltern über die damalige Zeit der Utopien und des Aufbruchs.

Als am 3. Oktober 1990 die schnelle "deutsche Einheit" besiegelt wird, empfinden das wohl viele Ostdeutsche als Glücksfall. Auch meine Eltern hatten ein Jahr zuvor in Erfurt und Leipzig gegen das SED-Regime protestiert. Aber wollten sie auch eine Wiedervereinigung?

"Ich konnte mir überhaupt gar nicht vorstellen, wie das gehen soll, wie zwei so unterschiedliche Staaten plötzlich Eins werden sollten", erzählt meine Mutter Cathrin. Auch mein Vater Steffen war von der Wiedervereinigung nicht überzeugt. Welche Wünsche, welche Träume hatten sie, was waren ihre Ängste? Wie haben sie die Vereinigung und ihre Folgen erlebt? Und wie blicken sie heute auf ihre Hoffnungen und Enttäuschungen von damals?

Obwohl beide hin und wieder von der Wendezeit erzählt haben, ausführlich mit ihnen darüber gesprochen habe ich bisher nie. 30 Jahre danach ist es Zeit, das nachzuholen. Zumal diese 30 Jahre der "Einheit" auch die 30 Jahre meines bisherigen Lebens sind: Zwischen Währungsunion und Beitrittsvertrag geboren, kam ich gerade noch als DDR-Bürger zu Welt.

Sehnsucht nach Veränderung

Der Rennsteig im Thüringer Süden, Mitte Juli 2020: Kurz vor meinem 30. Geburtstag mache ich hier mit meinen Eltern, Cathrin und Steffen, heute beide Mitte Fünfzig, eine Wanderung – seit ein paar Jahren fast eine kleine Tradition. Von Erfurt aus, wo ich aufgewachsen bin und meine Eltern immer noch leben, ist man in anderthalb Stunden an dem alten Wanderweg. Dass man heute den ganzen Rennsteig erlaufen kann, ist der deutschen Einheit zu verdanken. Denn ein Teil des Weges überschreitet die ehemalige Grenze hinüber nach Bayern. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum ich das Gespräch über die Wende-Erfahrungen meiner Eltern hier beginne.

Wanderwegweiser am Baum am Rennsteig im Thüringer Wald (picture alliance / imageBroker / Sabine Lubenow)Wandern - auch über die ehemalige innerdeutsche Grenze hinweg: Rennsteig im Thüringer Wald. (picture alliance / imageBroker / Sabine Lubenow)
Obwohl meine Eltern beide nicht religiös sind, werden die evangelischen Kirchgemeinden im Herbst 1989 zu einem Resonanzraum für ihre Sehnsucht nach Veränderung: Wie auch in vielen anderen Städten organisieren sich hier die oppositionellen Bewegungen. Auch als am 26. September im Erfurter Augustinerkloster die hiesige Teilgruppe des Neuen Forums gegründet wird, sind meine Eltern dabei. "Es ging um die Demokratisierung der Gesellschaft", erzählt meine Mutter – um öffentliche Diskussionen darüber, was schiefläuft, um öffentliche Ideensammlungen und darum, wie man Dinge verändern kann. "Um Reformen ging es im Prinzip."

Von einem dritten Weg, der Möglichkeit einer anderen DDR – oder wenigstens einer anderen Einheit – habe ich weder zu Schulzeiten, noch später in den Medien viel gehört: Meist wurde dort die triumphale Geschichte eines geradlinigen Wegs in den Westen erzählt. Erst seit einigen Jahren mehren sich Stimmen und Bewegungen, die andere Geschichten der "Wende" erzählen – und die an die vielfältigen Vorstellungen erinnern, die damals in der Luft lagen.

Eine neue, bessere DDR

Bei der Recherche stoße ich auf Forderungen und Ideen aus den Bürgerbewegungen, bei denen mir heute die Ohren klingeln, so aktuell und unerfüllt erscheinen sie mir: Da soll direkte Demokratie gestärkt und wirtschaftliche Machtkonzentration verhindert werden. Die Schaffung sicherer Wohnverhältnisse soll Priorität erhalten, ebenso wie ein Gemeineigentum an Produktionsmitteln. Viele Bürgerbewegungen fordern außerdem eine "Abkehr von ungehemmtem Wachstum" und eine Verringerung des Energie- und Ressourcenverbrauchs. Und über allem steht das gemeinsame Streben nach einem wahrhaft "solidarischen Gemeinwesen".

Sie wollten eine neue DDR. Da sind sich meine Eltern einig. Eine bessere DDR, aber keinesfalls ein wiedervereinigtes Deutschland. Dabei haben meine Eltern vom SED-Staat die Nase gestrichen voll: Meine Mutter, die als Kind eines selbständigen Goldschmieds nur gegen große Widerstände einen Studienplatz bekommen hatte, ist gerade von einem Austauschjahr in der Sowjetunion zurück, wo unter Gorbatschow Aufbruchstimmung herrscht. Die Verhältnisse in der DDR kommen ihr dagegen umso versteinerter vor.

Cathrin Nüsslein-Hühn und Steffen Richter (Deutschlandradio / Constantin Hühn)“Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie zwei so unterschiedliche Staaten Eins werden sollten." – Cathrin Nüsslein-Hühn und Steffen Richter während der Wanderung. (Deutschlandradio / Constantin Hühn)
Mein Vater, Arbeiterkind und linientreu erzogen, hatte nach dem Abi die vorgesehene Offizierskarriere ausgeschlagen und durfte infolgedessen nicht studieren. Während seiner Schneiderlehre wird er zu einer Art Linksabweichler: Zwar träumt er weiter vom Sozialismus, aber den Glauben an seine Verwirklichung in der DDR verliert er zunehmend. Im Herbst 1989 – inzwischen arbeitet er als Schneider am Erfurter Theater – schöpft auch mein Vater neue Hoffnung.

Desillusionierung und Enttäuschung

Als am 9. November überraschend die Grenze geöffnet wird, verändert das auch die Dynamik der Proteste. "Die Demo, wo es kippte für mich", erzählt mein Vater Steffen. "Ich weiß nämlich noch, dass ich da mit einer Kollegin dort war, und wir beide dachten, wir sind plötzlich im falschen Film, weil wir da das erste Mal bewusst gehört haben – nicht: Wir sind das Volk! Sondern: Wir sind ein Volk! Und wir dachten, jetzt kommen Leute dazu, die wir vorher so nicht auf dem Schirm hatten – und das war der 30. November." Eine große Desillusionierung, Enttäuschung für meine Vater: "Für mich ist es ja so, dass ich seit 1986 die DDR verlassen wollte, aber nicht, weil ich Westdeutschland so toll fand, sondern weil ich einfach das Land nicht mehr ertragen habe: Das Hauptkriterium war für mich Reisefreiheit und Gedankenfreiheit, und in dem Moment war das halt erfüllt, mit dem Mauerfall."

"Ein System, das auf derart überbordendem Konsum beruht, war für mich das Gegenteil dessen, was ich mir gewünscht hätte", sagt meine Mutter. "Ich hab ganz viele Gespräche mit dir in meinem Bauch geführt – und war traurig über diese kurze, lodernde Begeisterung, die so schnell für mich ins Nichts führte."

"Masochistisch kann ich mir heute ausmalen, wie wir in absehbarer Zeit leben werden. Gut sieht es nicht aus", notiert meine Mutter am 5. Februar 1990 in ihr Tagebuch. "Die Sehnsucht nach fernen Ländern macht sich breit in mir, bloß nicht ‚eingeteutscht’ werden. Aber wohin? Mein Murkelchen, was sollen wir tun? In was für eine Zeit wirst du nur hineingeboren? Welche Chancen bleiben mir, dir eine glückliche Zukunft zu sichern? Ach, du, leicht scheint das Leben nicht in diesen Tagen."

Die Mauer als Lebenswirklichkeit

Wenn ich meinen Eltern so zuhöre, merke ich, wie nahe mir ihre Erinnerungen gehen: Obwohl ich damals nicht dabei war, springt doch die Begeisterung, die aus ihren hochfliegenden Hoffnungen spricht, auf mich über, ebenso wie die Enttäuschung ob deren Vergeblichkeit. Ich frage mich, wie das bei meinen ostdeutschen Freunden sein mag, die ebenso wie ich in die Wendezeit hineingeboren wurden. Auch deren Eltern waren damals auf der Straße, gegen das SED-Regime. Wie haben sie die Vereinigung erlebt?
 
Ehrhart und Hildigund Neubert waren jahrelang in der kirchlichen Opposition aktiv, haben 1989 den Demokratischen Aufbruch mitbegründet und die "friedliche Revolution" maßgeblich mitgestaltet. Sie sind die Eltern meines Freundes Dietrich, der kurz nach der Wende geboren wurde.

Ehrhart, Theologe und evangelischer Pfarrer, hat nach der Wende für die Gauck-Behörde gearbeitet und zahlreiche Bücher über die DDR-Opposition geschrieben. Seine inzwischen 80 Jahre sieht man ihm nicht an. Hildigund, eine energische, fröhliche Frau, war Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen in Thüringen. Mitte der Neunziger sind beide in die CDU eingetreten.

Ehrhart und Hildigund Neubert (Deutschlandradio / Constantin Hühn)Ehrhart und Hildigund Neubert waren jahrelang in der kirchlichen DDR-Opposition aktiv. (Deutschlandradio / Constantin Hühn)
Ich besuche sie auf einem alten Bauernhof im Norden Thüringens, den sie kurz nach der Wende gekauft und Stück für Stück restauriert haben. Sie sei 1960 geboren, erzählt Hildigund. Ein Jahr später stand die Mauer. Die Teilung sei für sie deswegen immer schon "Lebenswirklichkeit" gewesen. "Deswegen war eigentlich eher das Bestreben, innerhalb dieser Mauern die Freiheit zu erweitern und mehr Handlungsmöglichkeiten zu kriegen. Und als dann alles zusammenbrach, war das für mich eher eine große Überraschung, dass sich dann die Frage nach Einheit stellte. Das war für mich nicht das drängendste Problem."

Kaum eine Alternative zur schnellen Einheit

Ehrhart erzählt, er habe sich kurz vor und nach dem Fall der Mauer auch viel mit Leuten innerhalb der Opposition gestritten. "Wenn es da immer noch Leute gab, die wollten die DDR irgendwie verbessern. Da hab ich gesagt: Das ist jetzt vorbei." Zwar stellten sich Ehrhart und Hildigund Neubert zunächst eher eine schrittweise Vereinigung über einen längeren Zeitraum vor, mit einem Entgegenkommen auf beiden Seiten. Rückblickend halten sie diese Möglichkeit aber für unrealistisch: Die Leute hätten nun mal – anders als viele in den Bürgerbewegungen – die schnelle Einheit gewollt.

"Das war bei uns, den langjährigen Oppositionellen, so ein ethischer Überschuss, es jetzt noch besser machen zu wollen als die da im Westen", meint Hildigund. "Da haben wir uns von den Leuten praktisch wieder entfernt und haben nicht mehr wirklich verstanden, was deren Sorgen wirklich waren, was die wirklich wollten, warum es die so drängte."

"Wir waren Idealisten"

Es besser zu machen als im Westen. Dass auch Dietrichs Eltern diesen Wunsch damals teilten, legt ein kleines Büchlein nahe, dass sein Vater Ehrhart 1990, kurz nach der Vereinigung, im Kontext-Verlag veröffentlicht hat: "Eine protestantische Revolution" heißt es. Zwar betrachtet er den Beitritt zum kapitalistischen Westen schon damals als alternativlos. Zugleich aber betont er immer wieder, dass die Intentionen der Revolutionäre über eine bloße Anpassung hinausgingen: "Die Akteure der ersten Stunde in der DDR-Umwälzung haben sich nicht aufgemacht, um mit und für den Westen gegen den Osten zu marschieren", heißt es darin. "Ihr Paradigma politischen Handelns war die Überlebensfrage der Menschheit. Die DDR-Revolution war insofern nur ein Auftakt anstehender politisch-sozialer und ökonomisch-ökologischer Veränderungen."

Mich berühren diese Zeilen: Aus heutiger Sicht, da wir froh wären, unseren CO2-Ausstoß wieder auf das Niveau von 1990 drücken zu können, erscheinen sie mir geradezu visionär. Dietrichs Eltern distanzieren sich eher von ihren damaligen Visionen, als wir unser Gespräch im Hof fortführen. "Manche Dinge, die wir uns damals vorgestellt hätten, das wäre eine schöne Ökodiktatur geworden", meint Hildigund. Ja, sagt Ehrhart: "Wir waren eben wirklich gute Idealisten."

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Trotz allem Idealismus: Helmut Kohls Politik hätten sie damals schon für grundsätzlich richtig gehalten, erzählen beide. Bei meinem Vater Steffen war das anders: Als Kohl nach Erfurt gekommen sei, war er mit einigen Freunden unter den Gegendemonstranten. "Wir hatten uns ausgeschnittene Plastik-Werbetüten übergezogen und wollten damit gegen die zu erwartende Konsumwende demonstrieren – was natürlich überhaupt nicht gut ankam. Damals sind wir Spießruten gelaufen durch einen schmalen Korridor wütender Menschen, die uns als rote Socken angeschrieen haben. Und ich war wiederum in dem Zwiespalt, dass in dem kleinen Häufchen Aufrechter dann natürlich auch Leute waren, die dann plötzlich anfingen, DDR-Fahnen auszurollen, was ich ja so auch nicht wollte."

"Sozialismus - den gab es nie"

Ronald Mernitz stand damals auch auf der anderen Seite, als Helmut Kohl in Erfurt war. Ronald ist Puppenspieler und Vater meiner langjährigen Freundin Mascha. Einige Tage nach unserer Rennsteig-Wanderung besuche ich die beiden in Ronnys Wohnung auf dem Erfurter Petersberg, am Rande des Domplatzes, auf dem vor über 30 Jahren Kohl bejubelt wurde. Mascha ist, wie ich, 1990 in Erfurt geboren, wie ich also auch ein Nachwendekind.

Bundeskanzler Helmut Kohl vor einer Menschenmenge mit Deutschland-Flaggen und deinem Spruchband: "Gott schütze unseren Kanzler, den Wegbereiter der deutschen Einheit" (dpa / Heinz Wieseler)Bundeskanzler Helmut Kohl in Erfurt 1990 bei der Wahlkampfveranstaltung der konservativen "Allianz für Deutschland" auf dem Domplatz. (dpa / Heinz Wieseler)
Auch Ronald wollte, ähnlich wie meine Eltern, die DDR, wie sie war, nicht beibehalten. Aber den Kapitalismus wollte er schon gar nicht. "Sozialismus!", sagt er heute. "Ich glaube, den gab es nie, es gab Stalinismus, Ulbrichtismus, Leninismus – viele Ismen. Aber es gab keinen Sozialismus, im Sinne von, dass sich das Leben eigentlich an den Menschen ausrichtet, dass man also produziert, um besser zu leben, und nicht zu produzieren, um Gewinn zu machen, soviel wie möglich." Als die Runden Tische aufkamen, habe er gedacht, es geschehe etwas Neues: "Es sah aus wie eine Basisdemokratie, die entsteht. Aber in dem Moment, als das Geld ins Spiel kam, war ziemlich klar, dass das schiefgehen muss. Es war ja klar, wenn das Westgeld kommt, dann wird die DDR-Industrie untergehen."

Nach dem Mauerfall engagiert sich Ronald Mernitz kurz bei der Vereinigten Linken, einem Zusammenschluss von Oppositionellen mit kritischen SED-Mitgliedern, der sich für einen erneuerten Sozialismus und eine reformierte, aber eigenständige DDR einsetzt. Dann sei er dort aber schnell nicht mehr hingegangen. "Weil ich gemerkt hab, das ging ganz woanders hin, die SED wollte das für sich vereinnahmen. Und ziemlich schnell hat man gemerkt, das wird nichts werden. Wir merkten sehr schnell, es wird ein Anschluss. Die Bundesrepublik übernimmt uns einfach. Und da gibt es keine neue Demokratie, keine neuen Versuche, es gibt keine neue Verfassung. Und eigentlich wurden wir gekauft. Durch die D-Mark haben alle mitgemacht."

Ronald Mernitz und Marie-Luise Stahl (Deutschlandradio / Constantin Hühn)Besuch bei Ronald Mernitz und Marie-Luise Stahl in Erfurt. (Deutschlandradio / Constantin Hühn)

Bei der Volkskammerwahl im März 1990 gewinnt die von der Kohl-Regierung unterstützte "Allianz für Deutschland" aus Ost-CDU, DSU und den Resten des Demokratischen Aufbruchs überraschend eine Mehrheit von 48 Prozent der Stimmen. Eine Alternative zu einem schnellen Beitritt der DDR zur BRD ist damit vom Tisch. Makulatur ist damit auch der Entwurf einer neuen DDR-Verfassung, an dem eine Arbeitsgruppe des Runden Tischs seit Dezember 1990 gearbeitet hatte: für die Übergangszeit bis zu einer langfristig angestrebten Vereinigung und als Ausgangspunkt für eine neue gesamtdeutsche Verfassung.

Sie habe sich diese Verfassung gekauft, erzählt meine Mutter. "Und hab sie gelesen und vielleicht so ein letztes Mal meinen Träumen nachgeweint. Die ist wunderschön, schon das Vorwort lässt einen träumen von einer Welt, in der es irgendwie Gerechtigkeit gibt, jeder die Möglichkeit hat, sich zu entfalten. Aber das war ja eigentlich schon, als sie abgeschlossen war, klar, dass es das nicht geben würde."

Die Melancholie, wenn nicht Trauer, die meine Mutter beschreibt, wenn sie über den "Anschluss" und die verpassten Chancen spricht, finde ich nach unserer Wanderung ausgerechnet in dem Büchlein wieder, das Ehrhart Neubert 1990 über seine Sicht auf die Wendezeit geschrieben hat. Gleich zu Anfang zitiert er darin aus einem Essay von Konrad Weiß, Oppositioneller und Abgeordneter für "Bündnis 90": "Ich habe meine Heimat verloren: dieses graue, enge, hässliche Land. Dieses schöne Land. Das Land meiner Träume, das Land meines Zorns. Ich wollte ein Mutterland machen aus meinem Land: In einem Mutterland braucht niemand Waffen. In einem Mutterland ist Raum für Tapferkeit und Freundlichkeit und Wärme. In einem Mutterland ist Platz für die Schwachen und Kleinen. Ein Mutterland steht allen offen, auch den fernen Menschenkindern. Doch nun stürmt ein raues, grelles, hemdsärmeliges Vaterland auf uns ein. Es lässt uns keinen Ausweg, wir können uns seiner nicht erwehren."

Wäre es anders gegangen?

Ich frage mich, da ich das lese: Wäre es anders gegangen? Meine Eltern sagen: vielleicht, wenn die Kohl-Regierung nicht die schnelle Einheit forciert hätte. Dietrichs Eltern sind anderer Ansicht. "Dann wären die Leute massenhaft abgehauen", sagt Hildigund. "Und diese Flucht hätte die sozialen Probleme im Osten verschärft und die Bereitschaft im Westen zu helfen gesenkt. Und das hat Kohl gespürt. Da war er ein politischer Instinktmensch und hat gesagt: Jetzt müssen wir hier entschlossen handeln und hat gegen den Rat von ganz vielen Wirtschaftsleuten diese Wirtschafts- und Währungsunion mit einem hohen Prozentsatz, Umtausch eins zu eins, gemacht und dadurch die Sache tatsächlich erst mal kalmiert und den Leuten Hoffnung gegeben."

Gerhart Neubert und Bärbel Bohley überreichen Bundespräsident Roman Herzog (r) ihr Buch "Wir mischen uns ein". (dpa / Waltraud Grubitzsch)Gerhart Neubert und Bärbel Bohley überreichen Bundespräsident Roman Herzog (r) ihr Buch "Wir mischen uns ein". (dpa / Waltraud Grubitzsch)

Auch Hildigund und Ehrhart Neubert räumen allerdings ein, dass im Zuge der Vereinigung einiges schiefgelaufen sei: der Zusammenbruch der Wirtschaft, die Eile der Transformation. "An manchen Stellen sind da vielleicht auch falsche Entscheidungen getroffen worden. Also, wo etwa Belegschaften bereit waren, ihren Betrieb zu übernehmen und zu entwickeln, und der dann aber doch an einen Westinvestor gegeben wurde, der dann nichts tat und es pleiteging", sagt Hildigund. Dazu kamen Arbeitslosigkeit, Umschulungen, Kurzarbeit. Insgesamt aber sei es "ein Riesenerfolg" gewesen, meint Ehrhart. "Eine super Erfolgsgeschichte, was aus diesem Gebilde DDR geworden ist. Insofern: Selbst Leute, die so genannten Ostfrust hatten, ganz wenige haben ihn noch, selbst die möchten natürlich alle die DDR nicht zurückhaben."

Wendegewinner und Wendeverlierer

Noch einmal auf dem Rennsteig: Ich möchte von meinen Eltern wissen, wie sie die Zeit nach dem Beitritt zur BRD erlebt haben.  "Viel von dieser ersten Freiheit, die dann so kam, also Reisefreiheit, Dinge zu kaufen, die es vorher nicht gab, spielten für mich überhaupt keine Rolle, weil ich ja kein Geld hatte für so etwas – und überhaupt total gebunden war mit dir", meint meine Mutter Cathrin.

Mein Vater ist da zwiegespaltener. Bei allem Protest gegen die "Konsumwende", die neuen Freiheiten habe er schon auch genießen können, wie er bei einer Pause im Biergarten erzählt: "Ich hatte ja auch meine Wünsche. Ich habe Bücher und Platten gekauft. Das waren ja so kulthafte, völlig überteuerte Traumwünsche." Platten und Jeans, ja, das habe er schon "doll" gefunden, erinnert sich auch Maschas Vater Ronald. "Aber der Lack war schnell runter, weil das nicht wesentlich ist. Und dafür hat man halt viel Ungerechtigkeit erlebt."

"Für mich hat sich die Situation dann auch insofern paradox gestaltet, dass ich in meiner persönlichen Situation ein absoluter Wendegewinner bin", sagt mein Vater. Er behielt seinen Arbeitsplatz, wurde drei Mal so gut bezahlt wie zuvor. Noch heute arbeitet mein Vater in Erfurt als Theaterschneider. Und meine Mutter, die nach der Wende Lehrerin wurde? Natürlich habe sie profitiert von der Wende, sagt auch sie. "Bezogen auf Unterwegssein-Können, dass ich einen Beruf habe, mit dem ich mir das auch ein Stück weit leisten kann."

DDR-Bürger reisen aus und lassen sich das Begrüßungsgeld auszahlen. (picture alliance / imageBroker / Rolf Schulten)Tag der Grenzöffnung in Erfurt: DDR-Bürger reisen aus und lassen sich das Begrüßungsgeld auszahlen. (picture alliance / imageBroker / Rolf Schulten)

"Und auch, dass man wirklich wählen darf, dass man wirklich Meinungsfreiheit hat. Das haben wir ja, wir können ja unsere Meinung sagen", meint Maschas Vater Ronald.

"Ich empfinde keine Feindschaft oder so gegenüber diesem Staat", sagt meine Mutter. Das Grundgesetz sei voller wunderbarer Artikel, mit denen sie sich gemein fühle. "Ich hadere eher so mit diesem Pseudosozialstaat, dem kapitalistischen System, in dem die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht." Was sie vermisst – ein Gemeinschaftsgefühl.

Die Hoffnung auf einen neuen Aufbruch

Was bleibt heute vom Traum von einer anderen Gesellschaft? Von der Vision eines dritten Weges? Sind die Ideen von damals heute längst überholt oder lässt sich noch daran anknüpfen?

Wachstum und Kapitalismus – so könne es nicht weitergehen, meint mein Vater.  Denn "das ist der Grund für die Umweltkrise, für alles Mögliche". – "Aber das ist die Chance der freiheitlichen Gesellschaft: Du hast einen Haufen Probleme, aber du hast immer die Möglichkeit, sie anzufassen, und drüber zu sprechen und was zu verändern", sagt Hildigund Neubert. Und meine Mutter meint: "Ich merke zum Beispiel, bezogen auf die aktuellen Entwicklungen und Ideen, auch gesellschaftsverändernder Art, die jetzt nach dem Lockdown überall aufkeimen, dass ich auf der einen Seite manchmal so ein Frohlocken spüre, so eine neue Hoffnung, für so eine Utopie, dass die verwirklichbar wäre."

Autor: Constantin Hühn
Regie: Klaus-Michael Klingsporn
Technik: Alexander Brennecke
Redaktion: Carsten Burtke

Der Artikel bildet das Zeitfragenfeature in leicht gekürzter Fassung ab.

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