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Lesart | Beitrag vom 14.11.2018

Erich Hackl: "Am Seil"Festhalten und niemals loslassen

Von Michael Opitz

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Buchcover vor Hintergrund mit Händen, die ein Seil greifen. (Diogenes / Unsplash / Daniel Curran)
Erich Hackl: Am Seil. (Diogenes / Unsplash / Daniel Curran)

Der österreichische Schriftsteller Erich Hackl erzählt in seinem neuen Buch "Am Seil" ein wahre Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg - vom Bergsteiger Reinhold Duschka, der zwei jüdische Frauen vor den Nationalsozialisten rettete.

"Am Seil" heißt die neue Erzählung des österreichischen Autors Erich Hackl. Sie handelt von Regina Steinig und ihrer Tochter, deren Leben während der NS-Zeit am "seidenen Faden" hing. "Ihr Tod in der Gaskammer, das wäre auch Lucias und Reginas Schicksal gewesen. Hätte es ihn nicht gegeben, Reinhold Duschka", heißt es am Schluss der Erzählung.

Die "Seilschaft" verhinderte den Absturz

Der passionierte Bergsteiger Reinhold Duschka ist der eigentliche Held der Erzählung. Er hat das Seil festgehalten, das in Hackls Erzählung symbolisch Leben und Tod miteinander verbindet.

Denn unweigerlich wären die beiden Frauen abgestürzt, hätte Duschka – der Gefahr trotzend – mit ihnen nicht eine Seilschaft gebildet. Vier Jahre lang versteckte er die jüdische Mutter und ihre Tochter in seiner Werkstatt und bewahrte sie so vor der Deportation und dem sicheren Tod in einem der deutschen Lager.

Der 1954 in Steyr geborene Hackl wendet sich mit seiner Erzählung einer Zeit zu, als die Massen auf dem Heldenplatz in Wien den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich feierten. Damals arbeiteten die wahren Helden – einer von ihnen war Reinhold Duschka (1900-1993) – im Untergrund, um jene zu retten, die aus rassischen Gründen verfolgt wurden.

Er wollte lange kein Gerechter sein

Aus Dankbarkeit wollte Lucia Heilmann Mitte der 1960er-Jahre veranlassen, dass die Gedenkstätte Yad Vashem Reinhold Duschka als einen Gerechten unter den Völkern würdigt, doch damals bat er sie, davon abzusehen. Er fürchtete, würde die Ehrung öffentlich werden, einen Rückgang seiner Aufträge. Und er vermutete, dass man ihn für das, was er getan hat, eventuell im Bergverein meiden könnte.

Erst als Neunzigjähriger, als der Kunsthandwerker seine Werkstatt längst aufgegeben hatte, war er mit der Ehrung einverstanden.

Hackl erzählt die Geschichte eines stillen Helden, der tat, was getan werden musste. Helfen war für ihn eine Frage der Menschlichkeit. Duschka sprach nicht viel, auch nicht während der gemeinsamen Arbeit im Versteck, wenn ihm Mutter und Tochter bei Metallarbeiten zur Hand gingen.

Ausflug ins Freie

Bei allem, was sie in jenen Jahren taten, war Vorsicht geboten. Stets mussten sie darauf achten, nicht entdeckt zu werden. Verließen sie das Versteck, waren sie in größter Gefahr. Und doch begleitete Duschka Lucia auf einem Ausflug ins Freie, ließ er das Seil lang, das sonst kurz gehalten werden musste, um sie sie für wenige Stunden spüren zu lassen, was es bedeutet, in Freiheit zu leben.

Selbst in der von Hackl erzählten Geschichte hat es den Anschein, als würde Reinhold Duschka am liebsten in den Hintergrund treten wollen, damit alle Aufmerksamkeit auf die eigentliche Tragödie gerichtet werden kann. Von ihr – so seine Überzeugung – und nicht von ihm muss erzählt werden.

Heroisch ist die Selbstverständlichkeit der Hilfe

Als heroisch erweist sich die Selbstverständlichkeit, mit der er geholfen hat. Denn auch Reinhold Duschka wäre wie die beiden Frauen in ein Lager deportiert und ermordet worden, wenn man das Versteck entdeckt hätte.

Festhalten, auch in der Gefahr nicht loslassen, wird in Hackls "Heldengeschichte" zu einer über Leben und Tod entscheidenden Metapher.

(picture alliance / dpa / Barbara Gindl)Schriftsteller Erich Hackl: richtige Position, richtige Tonlage (picture alliance / dpa / Barbara Gindl)

Als Erzähler findet Hackl für diese ergreifende Geschichte sowohl den richtigen Ton als auch die richtige Autorposition. Zweifelnd meldet er sich manchmal zu Wort, wenn er fragt, ob sich so ereignet haben kann, wovon er erzählt. Meistens aber scheint er in seiner Geschichte gar nicht anwesend zu sein, denn seine ganze Aufmerksamkeit ist auf die Ungeheuerlichkeit des Ereignisses gerichtet.

Erich Hackl: Am Seil. Eine Heldengeschichte
Diogenes Verlag, Zürich 2018
117 Seiten, 20 Euro

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