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Interview / Archiv | Beitrag vom 01.04.2019

Erfolgsmodell im AbschiedsmodusTschüss Festanstellung − tschüss Mittelschicht

Daniel Goffart im Gespräch mit Julius Stucke

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Eine Familie ist mit ihrem roten VW-Golf ins Grüne gefahren und veranstaltet ein Picknick unter blühenden Obstbäumen. (picture-alliance / dpa)
Mit dem VW-Golf ins Freizeitvergnügen: Die 80er gehörten noch zur goldenen Zeit der Mittelschicht, sagt Journalist Daniel Goffart. (picture-alliance / dpa)

Die Mittelschicht in Deutschland schrumpfe und gerate immer stärker unter Druck, sagt der Journalist Daniel Goffart. Das sei auch eine Herausforderung für die soziale Absicherung der Menschen. Goffart hat einen Vorschlag für die digitale Gesellschaft.

Daniel Goffart, Chefkorrespondent beim Magazin "Focus", sieht einen grundlegenden Wandel der Gesellschaft voraus und hat darüber ein Buch geschrieben: "Das Ende der Mittelschicht. Abschied von einem Erfolgsmodell."

Goffart sagt im Deutschlandfunk Kultur, er habe über die arbeitende Mitte geschrieben, in Zahlen ausgedrückt, die Menschen, die zwischen 16.000 und 33.000 Euro verdienen. 

Den Zusatz "Abschied von einem Erfolgsmodell" habe er gewählt, weil Deutschland nach dem Krieg ein Wirtschaftswunder erlebt habe, das möglich wurde, weil alle Leute eine Chance hatten, aber auch beteiligt wurden: "Das Vermögen ist relativ gut verteilt worden." Damit sei es nun vorbei.

Gekippt mit den Babyboomern

"Es ist gekippt mit dem Eindringen der Babyboomer, also der geburtenstarken Jahrgänge, in den Arbeitsmarkt", sagt Goffart. Von da an, seit den 1990er- Jahren, sei die Entlohnung und das Realeinkommen gesunken, zudem gehe zusehends auch das normale Arbeitsverhältnis verloren. "Wir haben immer mehr geringfüg Beschäftigte, befristete Beschäftigte, die sogenannte prekäre Beschäftigung", so Goffart.

"Die Lebensgrundlage der Mittelschicht, wie wir sie heute noch kennen, das ist die Festanstellung mir einer sozialen Absicherung. Unsere Altersversorgung, unsere Krankenversorgung, unser Schutz vor Arbeitslosigkeit beruht einzig und allein auf dem Faktor Arbeit. Und dieses Fundament, das bröckelt."

"Mittlerweile", so Goffart, "ist jeder fünfte Arbeitnehmer in Deutschland in anormaler Beschäftigung. Auch das zeigt, dass diese Mittelschicht unter Druck geraten ist und auch zahlenmäßig geringer wird."

Faktor Digitalisierung

Ein weiterer Faktor ist die Digitalisierung, die den Arbeitsmarkt umwälze – schon jetzt, aber in Zukunft noch stärker: Arbeitsplätze fallen weg, es kommen aber auch andere hinzu. Die Frage sei allerdings, was die 1,2 Millionen Berufskraftfahrer von heute machen, wenn es großflächig autonomes Fahren gebe. Es werde wohl nicht jeder von ihnen Programmierer werden können.

Für die Gesellschaft insgesamt sei es eine Herausforderung, dass der Faktor Arbeit durch die Digitalisierung eine weit geringere Rolle als in der Nachkriegswelt und auch heute noch haben werde.

Er schlage deshalb vor, eine pauschale Sozialversicherungsabgabe einzuführen, die auf den Umsatz der Unternehmen gezahlt werde – und sich nicht nach dem einzelnen Beschäftigten richtet. "Das hätte den Vorteil, dass auch die Unternehmen, die nur sehr wenige Festangestellte haben, ein Stück weit gezwungen würden, sich an der sozialen Absicherung der Menschen zu beteiligen." Plattformen seien etwa solche Unternehmen – mit Milliardenumsätzen und sehr wenig Festangestellten.

(mf)

Daniel Goffart: "Das Ende der Mittelschicht. Abschied von einem deutschen Erfolgsmodell"
Berlin Verlag, 2019
400 Seiten, 22 Euro

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