Erfolge der AfD

    Weshalb die Rechten im Osten so stark sind

    09:16 Minuten
    Wahlkampfabschluss der AfD in Berlin zur Bundestagswahl 2021 vor dem Schloss Charlottenburg. Alice Weidel, Spitzenkandidatin der AfD zur Bundestagswahl, steht während ihrer Rede auf der Bühne.
    Verankert in einem rechtsradikalen Milieu: Die AfD hat sich seit 2015 stramm in Richtung rechts außen entwickelt, sagt der Soziologe Matthias Quent. © imago / Chris Emil Janßen
    Matthias Quent im Gespräch mit Nicole Dittmer · 27.09.2021
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    Lokale Verankerung und eine fehlende Auseinandersetzung mit Rechtsradikalismus, das sind Gründe für das gute Abschneiden der AfD in den ostdeutschen Bundesländern, sagt der Soziologe Matthias Quent. Damit habe die Partei "eine gewisse Macht".
    Mehr als zwei Prozent hat die AfD bei der Bundestagswahl eingebüßt. Sie kam auf 10,3 Prozent der abgegebenen Stimmen. Im Westen war sie eher schwach, im Osten dagegen stark. In Thüringen und Sachsen belegte die Partei den ersten Platz, in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern kam sie auf den zweiten.

    Rechtsradikales Milieu

    Gründe dafür sieht der Soziologe Matthias Quent vor allem in der lokalen Verankerung der AfD, die in den ostdeutschen Bundesländern Strukturen habe aufbauen können. Dies führe zu einer Normalisierung, wie sich nun in den vielen Direktmandaten der Partei zeige.
    Zwar seien die meisten AfD-Wähler im Westen, doch sei es der Partei gelungen, im Osten ein rechtsradikales Milieu zu etablieren. Dieses sei von außen kaum noch erreichbar und lasse sich auch nicht von der Beobachtung durch den Verfassungsschutz abschrecken. "Die AfD wird für ihren Rechtsradikalismus gewählt und nicht trotz dessen", fasst Quent die Lage zusammen.

    Was kann Kulturarbeit gegen die AfD leisten - vor allem in den Wähler-Hochburgen in Sachsen und Thüringen [AUDIO]? Darüber haben wir mit Frédéric Bußmann, dem Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz gesprochen: Wie können beispielsweise Ausstellungen zur Aufklärung und Bildungsarbeit gegen Rechtsextremismus und -populismus beitragen?

    Die Partei habe sich seit 2015 "immer weiter nach rechts außen" entwickelt, so der Soziologe. Mit dem jetzigen Ergebnis werde sich auch der sogenannte Flügel um Björn Höcke gestärkt sehen. Der eingeschlagene Weg der Radikalisierung lasse sich bereits in den ostdeutschen Wahlprogrammen ablesen, die viel schärfer formuliert seien als das auf Bundesebene.

    Herausforderung für Demokratie

    Zwar könne diese Entwicklung dazu führen, dass sich die AfD im Westen marginalisiere. Doch das bedeute nicht, so Quent, "dass sie als Stachel im Fleisch der Demokratie – und vor allem mit einer Hebelwirkung über die ostdeutschen Parlamente – nicht dennoch eine Herausforderung bleibt." So erhielten die Rechten "eine gewisse Macht", die sich auch in Berlin widerspiegele.
    Einen weiteren Grund für die Stärke der AfD sieht Quent in der politischen Kultur im Osten. Diese sei konservativer und rechts offener. Auch habe es lange Zeit keine Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus gegeben. Vor allem die CDU habe dies immer wieder gescheut, "gerade auch in Sachsen, wo die AfD besonders stark ist", so Quent.
    Die Stammwählerschaft der AfD sei vor allem männlich, sagt der Soziologe, der eine Professur an der Hochschule Magdeburg-Stendal innehat. Außerdem würden die Anhänger angeben, Angst vor der Zukunft zu haben und sich wirtschaftlich und kulturell bedroht zu fühlen.
    Der Partei gelinge es, diese Ängste zu nutzen, beispielsweise wenn es um Themen wie Migration, gesellschaftliche Vielfalt, gendergerechte Sprache oder die ökologische Transformation gehe. Außerdem setze sich die Partei als diejenige in Szene, die die ostdeutschen Interessen vertrete, erläutert der Soziologe.

    Brandmauern gegen rechts

    Zwar habe die AfD ihre Stammwähler nicht nur im Osten, doch dort sei deren Anzahl größer und sie würde zudem auch von jungen Menschen gewählt. Diese Entwicklung habe zur Folge, dass "die politisch-kulturelle Spaltung zwischen Ost und West noch vertieft" werde, "statt zu einer inneren Einheit zu führen", warnt Quent.
    Wichtig sei es daher, dass die etablierten Parteien sich klar von der AfD abgrenzten. Versuche, wie nun von Hans-Georg Maaßen für die CDU in Thüringen am rechten Rand Wähler zu gewinnen, funktionierten nicht, unterstreicht der Soziologe. Dies lasse sich auch auf kommunaler Ebene beobachten. Vielmehr sollten – gerade auch in den Gemeinden – "Brandmauern" gegen die Rechten eingezogen werden.
    (rzr)
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