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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.04.2015

Erdbeben in Nepal"Wir können vor Ort autark arbeiten"

Daniela Lesmeister von der Hilfsorganisation I.S.A.R. im Gespräch mit Dieter Kassel

Eine Frau in Nepal läuft an einem zerstörten Haus vorbei. (AFP / Prakash Singh)
Eine Frau in Nepal läuft an einem zerstörten Haus vorbei. (AFP / Prakash Singh)

Die Hilfsorganisation I.S.A.R. hat 52 Einsatzkräfte nach Nepal entsandt. Das Team aus Logistikern, Notärzten und Krankenschwestern soll zunächst einen medizinischen Behandlungsplatz für die Erdbebenopfer aufbauen, sagt I.S.A.R.-Vorsitzende Daniela Lesmeister.

Die erste Vorsitzende der privaten Hilfsorganisation I.S.A.R., Daniela Lesmeister, hat die  Hilfsmaßnahmen für das Erdbebengebiet in Nepal beschrieben. Heute morgen sei ein 52-köpfiges Team ihrer Organisation in Kathmandu eingetroffen, sagte Lesmeister im Deutschlandradio Kultur. Zu den ersten Aufgaben gehöre der Aufbau eines medizinischen Behandlungsplatzes. Dort könnten täglich bis zu 200 Menschen versorgt werden.

Es gehe jetzt vor allem darum, neue Strukturen vor Ort aufzubauen, sagte Lesmeister.  I.S.A.R. sei Teil des UN-Systems und könne vor Ort selbständig arbeiten:

"Das gehört zu einer zertifizierten UN-Einheit immer dazu, dass die gesamte Mannschaft autark vor Ort überleben kann, alles mit sich führt: Zelte, Trinkwasseraufbereitungsanlagen etc., um gerade dem betroffenen Land nicht zur Last zu fallen, sondern Hilfe effizient leisten zu können."

Dieser erste Einsatz sei für ungefähr zehn Tage geplant, so Lesmeister.  Auf Wunsch Nepals könnte anschließend aber auch ein zweites Team entsandt werden. Es handele sich um ausgebildete Fachleute, erläuterte Lesmeister:

"Es sind ausgebildete Logistiker, es sind Notärzte, Chirurgen, es sind Krankenschwestern, die also alle in ihrem Beruf schon eine unheimliche Kompetenz aufweisen."

Die Einsatzkräfte durchliefen außerdem eine spezielle, zweijährige Auslandsschulung.


 

Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal sind inzwischen in dem Land auch zahlreiche deutsche Helfer eingetroffen. 52 Einsatzkräfte aus neuen Bundesländern hat die private Organisation ISAR geschickt, die Abkürzung steht für International Search and Rescue. Gegründet wurde ISAR im Jahr 2003 und geholfen hat die Organisation seitdem unter anderem schon in Thailand, Pakistan, den Philippinen und Haiti, und die Einsatzkräfte, die jetzt unterwegs waren nach Nepal, sind gerade erst heute Morgen wirklich angekommen, weil – das gilt nicht nur für diese Leute –, weil die Anreise sehr, sehr schwierig ist. Wir wollen jetzt mit der ersten Vorsitzenden von ISAR reden, mit Daniela Lesmeister. Schönen guten Morgen, Frau Lesmeister!

Daniela Lesmeister: Ja, schönen guten Morgen!

Kassel: Seit wann genau sind denn Ihre Helfer jetzt da und warum war es so schwierig, überhaupt hinzukommen?

Lesmeister: Ja, sie sind jetzt seit ca. sechs Stunden vor Ort, und man muss sich vorstellen, dass es immer einige Zeit dauert, ein 52-köpfiges Team von Deutschland hier in eine Katastrophenregion zu verlasten, so sagen wir, weil das einfach ein großes Team ist und in einer Katastrophe die Infrastruktur zusammengebrochen ist naturgemäß und man dann erst einige Schritte durchlaufen muss, um überhaupt das Team dorthin zu bekommen.

Die Infrastruktur vor Ort ist zerstört

Kassel: Nach den ersten Informationen, die Sie von Ihrem Team gehört haben, seit die da sind: Was erwartet die jetzt in Kathmandu?

Lesmeister: Ja, es ist genauso wie in jeder anderen großen Erdbebenkatastrophe auch: Die Infrastruktur vor Ort ist zerstört, die Entscheidungsträger vor Ort sind teilweise tot oder schwer verletzt, so dass das System in Nepal erst mal komplett zusammengebrochen ist, neue Strukturen aufgebaut werden können, und da hilft es uns sehr gut, dass wir Teil des UN-Systems sind als zertifizierte UN-Einheit, einzige hier aus Deutschland, die vor Ort ist, um dann neue Strukturen gemeinsam mit der UN vor Ort aufzubauen.

Kassel: Das klingt jetzt sehr nach Zukunft, aber es geht doch sicherlich aktuell auch darum, so lange noch Zeit dafür bleibt, Menschenleben zu retten.

Lesmeister: Das ist absolut richtig. Unsere Rettungshunde sind jetzt dabei, in den Trümmern nach Überlebenden zu suchen. Gleichzeitig ist ein Assessment durchgeführt worden, wo unser medizinischer Behandlungsplatz aufgebaut werden kann, sodass dann, wenn der aufgebaut ist, in den nächsten Tagen bis zu 200 Personen am Tag dort medizinisch behandelt werden können.

Kassel: Das heißt, das funktioniert auch relativ autark von der örtlichen Infrastruktur? Denn wir wissen ja: Wasser, Strom, vieles andere ist ausgefallen.

Lesmeister: Ja, genau. Das gehört dann zu einer zertifizierten UN-Einheit immer dazu, dass die gesamte Mannschaft autark vor Ort überleben kann, alles mit sich führt, Zelte, Trinkwasseraufbereitungsanlagen et cetera, um gerade dem betroffenen Land nicht zur Last zu fallen, sondern Hilfe effizient leisten zu können.

Erfahrung aus anderen Regionen

Kassel: Kann man denn wirklich – Sie haben das schon angedeutet vorhin, Frau Lesmeister –, kann man denn wirklich jetzt in Nepal auch aus den Erfahrungen lernen, schöpfen, die man schon in anderen Gebieten gemacht hat? Wir hören ja immer wieder, dass durch die schwierige geografische Lage das doch noch mal ein ganz spezieller Fall ist.

Lesmeister: Ja, das kann man definitiv. Wir waren zum Beispiel vor einigen Jahren nach den schweren Erdbeben in Pakistan eingesetzt, dort war die Lage auch geografisch sehr schwer, im Kaschmir-Gebirge waren wir da eingesetzt. Das kann man durchaus vergleichen. Aber es ist immer eine schwierige Situation, aber wir sind dafür da, vor Ort zu helfen.

Kassel: Wer sind denn nun eigentlich diese 52 Einsatzkräfte, die Sie nach Nepal geschickt haben? Sind das allgemein einfach Helfer, die etwas tun wollen, oder sind das ausgebildete Fachleute?

Lesmeister: Nein, das sind ausgebildete Fachleute, jeder bringt Kompetenz aus seinem Beruf mit sich. Es sind ausgebildete Logistiker, es sind Notärzte, Chirurgen, es sind Krankenschwestern, die also alle in ihrem Beruf eine unheimliche Kompetenz schon aufweisen. Die werden bei uns in einem zweijährigen Prozess speziell auf diese Auslandsaufenthalte vorbereitet.

Lesmeister: Ja. Also das sind alles ausgebildete Fachkräfte jeweils in ihrem eigenen Bereich, zum Beispiel Rettungssanitäter, zum Beispiel Notärzte, ausgebildete Feuerwehrleute, die bei uns eine spezielle Auslandsschulung noch oben draufgesattelt bekommen, die dauert zwei Jahre, und dadurch erwerben sie eine hohe Fachkompetenz, um vor Ort zu helfen.

Einsatz von ehrenamtlichen Helfern

Kassel: ISAR gibt es schon seit zwölf Jahren, 2003 gegründet. Viele Menschen haben trotzdem vor diesem Einsatz von Ihrer Organisation noch nichts gehört. Was ist das für eine Organisation und wie finanziert sie sich?

Lesmeister: Ja, wir sind eine Organisation, die rein ehrenamtlich tätig wird, das heißt, der Einsatz vor Ort findet tatsächlich ohne Geldunterstützung statt oder ohne dass unsere Einsatzkräfte bezahlt werden, sie machen das rein ehrenamtlich, und wir finanzieren uns rein über Spenden.

Kassel: Es sind natürlich viele Einsatzkräfte, viele Helfer jetzt in Nepal im Einsatz aus Deutschland, unter anderem – am ehesten noch vergleichbar mit dem, was auch Sie tun – das Technische Hilfswerk. Wird das ordentlich koordiniert oder steht man sich da manchmal auch gegenseitig auf den Füßen?

Zusammenarbeit mit dem Technischen Hilfswerk

Lesmeister: Ja, wo Sie gerade das Technische Hilfswerk ansprechen: Die machen etwas anderes. Die machen gerade diese Trinkwasseraufbereitung, die vor Ort auch sehr notwendig ist – und wir arbeiten sehr eng zusammen. Und das THW und wir als ISAR Germany sind UN-zertifiziert und passen uns deshalb in die UN-Strukturen vor Ort ein, und so kann dann sehr koordiniert gearbeitet werden.

Kassel: Können Sie eigentlich jetzt schon absehen, wie lange Ihre Helfer voraussichtlich in Nepal bleiben werden?

Lesmeister: Ja, also so ein erster Einsatz ist immer für zirka zehn Tage geplant. Das ist so die erste Phase, wo man noch Überlebende unter Trümmern findet und auch die Verletzungsmuster, die wir an unserem medizinischen Behandlungsplatz behandeln, eine gewisse Güte aufweisen. Nach zehn Tagen ändert sich das nach unserer Erfahrung, und dann kommt es auch darauf an: Was macht Nepal? Möchten sie weiterhin internationale Hilfe haben? Oder sagen sie, okay, ab diesem Zeitpunkt können wir die Lage selber bewältigen? Das machen wir davon abhängig. Wir könnten, wenn Nepal das gerne wünscht, auch nach zehn Tagen noch mal ein zweites Team hinterherschicken, was dann den medizinischen Behandlungsplatz mit anderen Schwerpunkten weiter betreibt.

Kassel: Frau Lesmeister, dann wünsche ich Ihrem Team, wie allen anderen vor Ort natürlich auch, möglichst viel Erfolg und vor allen Dingen, so lange das überhaupt noch aussichtsreich ist, möglichst viele Opfer, die lebendig noch geborgen werden können. Bitte richten Sie das aus und ich danke Ihnen sehr fürs Gespräch!

Lesmeister: Ja, herzlichen Dank!

Kassel: Daniela Lesmeister war das, sie ist die erste Vorsitzende der privaten Hilfs- und Rettungsorganisation ISAR, die 52 Helfer nach Nepal geschickt hat, die nun nach einer relativ schwierigen Reise vor rund sechs Stunden dort auch eingetroffen sind.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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