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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 25.04.2017

Entwicklungszusammenarbeit statt MigrationDie (Wieder-)Entdeckung Afrikas

Von Jan-Uwe Stahr

Zu sehen sind Kräne an einer Neubausiedlung, die in Marokko entsteht. (dpa/ picture alliance/ Lars Hallbauer)
Marokko modernisiert sich zwar, doch Europa bleibt für Flüchtlinge attraktiver. (dpa/ picture alliance/ Lars Hallbauer)

Mehr als 16 Millionen Afrikaner sind derzeit auf der Flucht. Die Bundesregierung will mit einem "Marshallplan mit Afrika" die Fluchtursachen bekämpfen und die Migration nach Europa bremsen - zum Beispiel in Marokko. Doch auch hier wollen viele junge Menschen nur eines: weg!

Die Fluchtursachen sind vielfältig: Kriege, Klimaveränderung, Verfolgung, Hunger, Armut oder ganz allgemein die Hoffnung auf ein besseres Leben. Über 16 Millionen Afrikaner sind derzeit auf der Flucht. Die meisten von ihnen bleiben in ihrer Geburtsregion, doch viele wollen nach Europa.

"Marschallplan mit Afrika"

Das hat inzwischen auch die Bundesregierung aufgeschreckt und grundsätzliche Überlegungen befördert. Mit einem "Marschallplan mit Afrika" will sie Fluchtursachen bekämpfen und die Migration nach Europa bremsen.

Verstärkte Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe und Investitionen deutscher Unternehmen sollen neue Märkte entwickeln und gleichzeitig sogenannte "Champions" stärken. Gemeint sind relativ stabile und bereits gut entwickelte Länder, die dann ihrerseits Migranten aufnehmen und integrieren können. Ein Beispiel ist das nordafrikanische Marokko. Doch auch hier wollen viele junge Menschen nur eines: weg!


Der Beitrag im Wortlaut

Autos, Busse, Fahrräder, Esel-Karren, Handkarren und Fußgänger - alles bewegt sich durcheinander - scheinbar ohne Verkehrsregeln. Durchkreuzt wird das chaotische Gewimmel von hochmoderner Technik: Niederflur-Straßenbahnen aus Frankreich - Alltag in Rabat, der Hauptstadt des nordafrikanischen Marokko.

Das Königreich hat sich in den letzten Jahren gut entwickelt - wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich. Einerseits. Andererseits ist die Kluft zwischen wenigen Wohlhabenden und den Durchschnittsbürgern noch immer gewaltig. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, auch bei jungen Menschen mit guter Ausbildung. Viele verlassen deshalb ihr Land. Noch mehr träumen davon. 33 Millionen Menschen leben derzeit in Marokko - Dreieinhalb Millionen im Ausland, die meisten in Europa.

Marokko als Transitland für Flüchtlinge

Aber Marokko ist nicht nur ein Auswanderungsland. Es ist auch ein Einwanderungs- und Transitland. Für Migranten aus südlicher gelegenen Regionen Afrikas. Zum Beispiel für Hassan aus Guinea an der Elfenbeinküste. Der 25-Jährige trägt grünes Baseball-Cap, Jeans, Turnschuhen und ein Smartphone in der Hand. Er wirkt lässig - zumindest auf den ersten Blick. Vor fünf Jahren hat er seine Heimat südlich der Sahara verlassen.

"Die Probleme in Guinea sind zu groß: politische Probleme, zu viel Armut und Leid, keine Möglichkeit, Geld für Essen zu verdienen, kein sauberes Trinkwasser oder andere Probleme wie Gesundheitsversorgung, Korruption! Nichts funktioniert, obwohl Guinea ein reiches Land ist, reich an Ressourcen, aber die Bevölkerung sieht nichts von diesem Reichtum. Kritisiert jemand diese Umstände, wird er umgebracht."

Seit 1958 ist die ehemalige französische Kolonie Guinea ein unabhängiger Staat. Doch seine Geschichte ist ein Wechselspiel aus Unruhen, Aufständen und Militärputschen. Zuletzt 2008, als ein Offizier die Macht an sich reißt, der zuvor eine militärische Ausbildung bei der Bundeswehr in Dresden bekommen hatte. 2009 lässt er zivile Proteste mit einem Massaker niederschlagen. Zwar gibt es dann 2010 demokratische Wahlen, doch die Lage im Land, das dann auch noch von der Ebola-Seuche heimgesucht wird, bleibt prekär.

Hassans Familie flüchtet deshalb ins benachbarte Liberia. Er selber hofft auf eine bessere Zukunft in Marokko. Will hier Geld verdienen und dann studieren – Soziologie. Doch daraus wird nichts.

"Ich habe mir zunächst kleine Jobs gesucht, um mich ernähren zu können. Wenn man in Marokko niemanden kennt und kein Geld hat, schläft man auf der Straße. Das geht vielen Menschen aus der Subsahara so. Dann habe ich gemerkt, dass es nicht einfach ist, mit den Marokkanern zu arbeiten. Sie arbeiten lieber mit ihren marokkanischen Brüdern. Daraufhin habe ich mir überlegt, nach Europa zu gehen, einfach um meine Situation zu verbessern."

Völlig mittellos zieht der junge Mann weiter, in den Norden des Landes, in die Nähe der spanischen Exklave Melilla. Wie so viele Tausende andere Afrikaner auch, die hoffen hier oder in Ceuta auf das Territorium der Europäischen Union zu gelangen.

"Wir waren mehr als 300 Personen, die im Wald schliefen. Wir hatten nichts mehr. Eines Tages entschieden wir, zu versuchen, über den Grenzzaun bei Melilla zu klettern. Dort hat mir der marokkanische Grenzschutz den Fuß zertrümmert. Wir wurden mit Schlagstöcken aus hartem Olivenholz geschlagen."

Helfer der Caritas International finden den schwerverletzten jungen Mann. Bringen ihn zurück nach Rabat, sorgen für seine Behandlung in einem Krankenhaus, eine Unterkunft und sogar einen kleinen Job als Nachtwächter bei der Mission.

Rund 27.000 Migranten aus der Subsahara hat der marokkanische Staat in ein offizielles Integrations-Programm aufgenommen. Sie haben damit Zugang zum Gesundheitssystem, zur Schulbildung und zum Arbeitsmarkt. Mehr will das Land vorerst nicht schultern. Nachdrängende Migranten werden deshalb vertrieben – zum Teil im Grenzgebiet in der Wüste ausgesetzt, wie Hilfsorganisationen berichten.

Mit Geld nach Europa

16 Millionen Afrikaner, so die Schätzungen, sind derzeit auch der Flucht: Vor Hunger, vor Krieg oder Perspektivlosigkeit. Die meisten von ihnen wandern in benachbarte Regionen. Doch viele, die das Geld und die Kraft haben, brechen auf nach Norden. Wagen die lebensgefährliche Überfahrt nach Europa. Vor allem über das Bürgerkriegsland Libyen.

180.000 Afrikaner schaffen im vergangenen Jahr die Überfahrt nach Italien. In diesem könnten es noch mehr werden. Die Fernsehbilder von dem nicht den Migranten-Trecks aus Afrika erschrecken die Öffentlichkeit – nun auch in Deutschland. Und machen deutlich: Europa muss sich um seinen Nachbarkontinent kümmern. Viel mehr als in der Vergangenheit, sagt Günter Nooke, Afrika-Beauftragter der Bundeskanzlerin und Abteilungsleiter im BMZ, dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung:

"Letztlich geht es darum, wenn man den Menschen auf dem Kontinent selbst nicht eine Perspektive eröffnet, dann werden sie weiter nach Europa kommen. Und wenn man ihnen ein Arbeit anbietet, dann kann man sagen, dann hält das die ganze Familie in Afrika und bedeutet weit weniger Migrationsdruck nach Europa."

Die berechtigte oder auch nicht berechtigte Furcht vor einer neuen "Völkerwanderung" beschert dem Nachbarkontinent ein bisher nicht gekanntes Interesse: Das BMZ hat einen "Marshallplan" für eine neue Afrikapolitik vorgelegt - in Anlehnung an das amerikanische Wiederaufbauprogramm für Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Bundesregierung hat das Jahr 2017 zum Afrikajahr ausgerufen. Will auch international alle Hebel bewegen für eine neue Afrikapolitik.  

Zu sehen ist Bundesentwicklungsminister Müller mit dem stellvertretenden Kommissionsvorsitzenden der Afrikanischen Union bei einem Podium in Addis Abeba. (dpa/ picture alliance/ Kay Nietfeld)Bundesentwicklungsminister Müller wirbt für einen Afrika-Marshallplan. (dpa/ picture alliance/ Kay Nietfeld)


Berlin Mitte: Der Konferenzsaal des Luxushotels Meliá ist überfüllt. Der "Afrikaverein der deutschen Wirtschaft" hat zum "Berlin African Economic Forum" geladen. Gekommen sind Vertreter aus der deutschen Wirtschaft, aus Politik und Medien und Delegierte aus 23 afrikanischen Ländern. Westafrikanische Staaten wie Guinea sind dabei, nordafrikanische wie Marokko, ostafrikanische wie Uganda. Der Präsident von Burkina Faso, einem der ärmsten Länder der Welt ist gekommen - und der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Gerd Müller:

"Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich bin total erstaunt und überrascht und erfreut über die vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Und habe mir natürlich auch angeschaut, wer da ist. Und es ist schon beachtlich."

Der Grund für das große Interesse: Die Migranten aus der Subsahara und Müllers "Marshallplan mit Afrika". Der Minister erläutert den Anwesenden die Leitmotive für eine neue Afrika-Politik: Mehr Geld, aber auch mehr Eigenverantwortung. Allen 54 afrikanischen Ländern soll die Möglichkeit für eine Zusammenarbeit angeboten werden.

"Auf Augenhöhe", sagt der Minister. Doch sie müssten dafür zunächst einige grundsätzliche Voraussetzungen schaffen: Rechtssicherheit bieten und Korruption bekämpfen zum Beispiel. Es gelte ab jetzt das Prinzip "Fordern und Fördern":

""Fordern" - nämlich die Standards zu erfüllen auf der afrikanischen Seite. Und "fördern": nicht nur im Rahmen unseres Marshallplan-Konzepts, was deutsche Politik ...anbetrifft, sondern im breiteren, im großen Rahmen der G20-Präsidentschaft. Und natürlich im Rahmen der Europäischen Union."

Umfassendes Programm für Afrika

Gebraucht werden hunderte von Milliarden Euro für Investitionen. Diese sollen möglichst viele neue Arbeitsplätze in afrikanischen Ländern schaffen. 20 Millionen neue Jobs pro Jahr wären nötig, für eine Bevölkerung, die sich voraussichtlich bis zum Jahr 2050 verdoppelt. Und gerade dort am stärksten wächst, wo die Armut am größten ist. Eine utopisch erscheinende Zahl. Zu schaffen ist das, so der Minister, nur mit zusammen mit der Privatwirtschaft – also privaten Kapitalgebern und Unternehmen. Das Interesse für eine privatwirtschaftliche Erschließung des riesigen Kontinentes ist ja da, sagt Christof Kannengiesser vom "Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft" – ein seit 1934 aktiver Lobbyverband.

"Es geht um die letzte noch unerschlossene, große Wachstumsregion der Erde. Der afrikanische Kontinent, diese 54 Länder, sind in ihrer aller Unterschiedlichkeit geprägt durch junge Bevölkerung, durch wachsende Bevölkerung. Sie sind auch durchaus geprägt durch das wirtschaftliche Wachstum, durchweg auf einer relativ niedrigen Basis, aber es sind ungesättigte, unvollständige Märkte, auf denen auch viele Chancen liegen, für denjenigen, der frühzeitig mit dabei ist."

Investmentfonds suchen händeringend nach neuen Anlagemöglichkeiten. Und Industrie nach neuen Absatzmärkten. Die Afrika-Lobbyisten der deutschen Wirtschaft nutzen dafür auch den großen Problemdruck, den die Migration auf die Politik ausübt. So konnten sie wichtige Forderungen in Müllers Marschall-Plan platzieren:

Den Wirtschaftsinteressen mehr Spielraum geben.
Den Aufbau von industrieller Produktion und Verarbeitung in afrikanischen Ländern stärken.

Die finanziellen Risiken ausländischer Investoren mit mehr öffentlichen Geldern absichern.
Und: Die wirtschaftliche Entwicklungszusammenarbeit auf reformwillige, bereits gut entwickelte Länder konzentrieren.

Agenda 2010 für Afrika

"Reform-Champions" nennt der Marshallplan von Minister Müller die Länder, die sich nach den Wünschen von Industrie und Investoren richten. Klingt ein bisschen nach Agenda 2010 und atmet auch diesen Geist. Gerade für deutsche Unternehmen gäbe es in Afrika viel zu tun, da stimmen Wirtschaft und Politik überein. Für Anlagen- und Maschinenbauer. Für Betriebe aus dem Bereich Umwelttechnik und Energieversorgung. Das Know-How im Bereich der erneuerbaren Energie stoße gerade in Afrika auf einen riesigen Bedarf, betont Entwicklungsminister Müller. Vorzeigbare Projekte gäbe es schon.

"Wir haben konkret zum Beispiel in Ouazazate, in Marokko, das weltgrößte und modernste Solarkraftwerk umgesetzt. Gemeinsam kann es uns gelingen, dass wir mit Forschung und Innovation aus der Sonne der Sahara den Schlüssel für die Entwicklung afrikanischer Infrastruktur legen. Meine Damen und Herren, das ist keine Vision, das ist Realität. In Ouazazate können bereits eine Million Menschen von diesem einen Solarkraftwerke profitieren",

behauptet Entwicklungsminister Müller. Fakt ist: Das Königreich Marokko setzt bei seiner Stromversorgung auf den Ausbau der erneuerbaren Energien, auf Sonne und Wind. Müller hofft, dass es damit zum Vorbild wird, auch für andere afrikanische Länder. Das nordafrikanische Marokko gilt als Musterbeispiel für eine hoffnungsvolle Entwicklung - nicht nur bei der Energieversorgung.

So hat das Land seine Einnahmen aus Phosphat-Rohstoffvorkommen für den Ausbau der Infrastruktur genutzt. Ein modernes Straßennetz ausgebaut. Dazu Häfen und Flughäfen - Voraussetzungen für den Aufbau der Tourismusbranche und die Ansiedlung moderner Industriebetriebe. Der französische Autohersteller Renault zum Beispiel produziert hier preiswerte PKW für den afrikanischen Markt, große Plantagen erzeugen Gemüse für Europa. Das Problem ist nur: Die industrielle Entwicklung schafft noch lange nicht genug Einkommen und Arbeit für alle. Und sie konzentriert sich bisher auf die Küstenbereiche und den Norden des Landes. Um eine Abwanderung aus den anderen Landesteilen in diese Boomregionen zu bremsen, setzt die marokkanische Regierung jetzt verstärkt auf die Entwicklung der ländlichen Räume. Nicht das große Geld aus Europa wird dafür gebraucht, sondern gute Ideen. Wie zum Beispiel in Tazenakht, einem Oasenstädtchen im Süden des Landes.

Zu sehen ist Unternehmer Hamid, wie er Teppich-Wolle mit Pflanzenfarben verarbeitet. (GIZ - Ouarzazate)Mit Pflanzenfarben veredelte Teppich-Wolle: Ein Produkt für die Zukunft? (GIZ - Ouarzazate)

Kreative Ideen gegen Abwanderung

Mohammed Ait Hamid legt ein Bündel weißer Schafwolle in einen großen Blechtopf mit einer dunkelblauen, wässrigen Flüssigkeit. Dann taucht die Wolle unter, bewegt sie sorgsam umher – mit einer gelöcherten Metallkelle. Susanne Geipert und ihre Kollegen von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, kurz GIZ, schauen interessiert zu, machen Fotos.

Zwei Meter neben dem blauen Topf köchelt ein anderer mit gelber Flüssigkeit. Die Farbstoffe, die der hagere Mittfünfziger hier zubereitet, sind aus Pflanzen – Naturfarben. Die Schafwolle, die er damit einfärbt, dient zum Weben der Berberteppiche, für die die Region um Tazenakht berühmt ist. Wobei nur noch die wenigsten wissen, wie man die Pflanzenfarben herstellt. Weil sie längst von chemischen Farbstoffen verdrängt worden waren. Nicht so bei Familie Hamid.

"Man zerstört die Wolle mit den Chemiefarben, sagt Hamid, und wenn man die Naturfarben benutzt, behält die Wolle auch ihren Urzustand, Ihren natürlichen Glanz."

Das wissen auch die Liebhaber und Käufer marokkanischer Berberteppiche, sagt Frau Geipert von der GIZ.

"Die Nachfrage nach den naturgegebenen Teppich steigt und es gibt sehr viel Nachfrage vor allen Dingen auch auf den internationalen Märkten."

Zu sehen sind mehrere aufeinander liegende Teppiche aus Marokko. (GIZ - Ouarzazate)Teppiche: Altes Handwerk für den Weltmarkt (GIZ - Ouarzazate)

In der traditionellen Teppichherstellung der Region hat Susanne Geipert, eine gelernte Agrarökonomin und ehemalige Unternehmerin ein interessantes Entwicklungspotential erkannt. Das passt zu dem Auftrag, den die GIZ gemeinsam vom Bundesentwicklungsministerium und marokkanischen Innenministerium bekommen hat: "Die Verbesserung von Wirtschaftsleistung und Beschäftigungsmöglichkeiten in wenig entwickelten Regionen." Damit soll eine Abwanderung in die besser entwickelten Ballungsräume vermieden werden. Denn auch dort gibt es längst nicht genug Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten für alle. Das Familien-Handwerk des Teppichwebens, -knüpfens und stickens in der Gegend von Tazenakht dagegen ist durchaus ausbaufähig. Zumindest, wenn Naturfarben eingesetzt werden. Das Problem dabei: Das alte Wissen muss erst wieder aktiviert werden. Hierbei soll Unternehmer Hamid eine wichtige Rolle übernehmen:  

"Die Familien sollen ausgebildet werden in diesen Techniken, die Naturfarben anzuwenden. Bei wie viel Grad ich welche Pflanze brauche. Welche Kombinationen muss ich verwenden, um einen bestimmten Orange-Ton herzustellen? Zum Beispiel die Farben werden ja gemischt zwischen Gelb und Rot. Wie viel rot, wie viel Gelb, damit welcher Farbton rauskommt und das müssen die Leute lernen. Wie lange muss die Wolle da drin bleiben? Damit auch genau der Farbton entsteht, der in dem Teppich auch gewünscht ist."

Seit zwei Jahren läuft der Pilotversuch. Erste Erfahrungen sind ermutigend. Das Ziel des Vorhabens: Das uralte Traditionshandwerk, an die veränderte Nachfrage der Märkte anzupassen. Nicht nur bei den Farben.

"Da gibt es spezielle Leute dafür, die die Bauern und Bäuerinnen hier auch schulen in neuen Designs und in neuen, zum Beispiel geht es auch darum, dass die Maße von den Teppichen auch auf unseren modernen Wohnzimmer und Wohneinheiten angepasst werden müssen."

Rund 18.000 südmarokkanische Teppichproduzenten werden mit dem Entwicklungsvorhaben erreicht. Zusätzlich sollen die lokalen Wollproduzenten mit Hilfe der GIZ sich zu Verarbeitungseinheiten zusammenschließen, die dann Fördergelder der marokkanischen Regierung beantragen können, um sich einfache Wollverarbeitungsmaschinen anzuschaffen. um so mit der derzeitigen, billigeren Importwolle konkurrieren zu können.

"Und wenn sie diese Verarbeitungseinheit, die aufgebaut wird, dann werden zehn feste Arbeitsplätze entstehen, 50 saisonale Arbeitsplätze und darüber hinaus werden noch 500 Bauern, die sich organisieren und ihre Bolle dorthin liefern, nochmal zusätzliche Einkommen in Höhe von 1000 Euro im Jahr haben. Das klingt jetzt für unsere Ohren erst einmal nicht so spektakulär, ist aber ein Drittel des Jahreseinkommens von einer gesamten Familie."

Afrika modernisieren und industrialisieren

Eine Förderung traditioneller regionaler Wirtschaftsstrukturen – wie sie die GIZ seit langem im Auftrag der Bundesregierung erfolgreich betreibt – reicht aber bei Weitem nicht aus. So das Credo des "Marshallplans mit Afrika". Mit ihrer neuen Afrika-Politik will die Bundesregierung jetzt an größeren Rädern drehen als bisher, sagt Günter Nooke, ehemals Menschenrechts- und jetzt Afrikabeauftragter von Bundeskanzlerin Merkel.

"Wir wollen, dass da auch vor allem wirtschaftliches Wachstum aus dem privaten Bereich der Afrikaner selbst, aber auch mit Investitionen aus Europa und der ganzen Welt, vorangebracht wird. Wir sprechen inzwischen von der Industrialisierung Afrikas, das ist ein großer Begriff."

Afrikaner, die – aus welchen Gründen auch immer – ihre Heimatländer verlassen, sollen möglichst auf ihrem Kontinent bleiben. In neuen Industriezonen auf sogenannten Wachstumsinseln ihr Glück finden. Es wäre schon viel geholfen, sagt Nooke,

"wenn diese Menschen nicht unbedingt nach London, Paris oder Berlin kommen müssen, sondern eben auch aus, ich sage jetzt mal, Tunis oder Daressalam oder Kinshasa Geld zurück überweisen."

Gutes Geld für gute Regierungen

Damit das Kapital aus dem Norden und aus Afrika für eine schnelle und umfassende Industrialisierung genutzt werden kann, müssen aber die Rahmenbedingungen stimmen. Dabei geht es der Bundesregierung nicht nur um eine finanzielle staatliche Risikoabsicherung, es geht auch um eine Verbesserung der Rechtssicherheit, effiziente staatliche Verwaltung und um die Bekämpfung der Korruption:

"Eines der Haupthemmnisse für die Entwicklung ist Korruption. Korruption! Und wir wissen sehr genau, die Länder, die erfolgreich sind in Afrika, setzen genau dort an. Es ist ein Weg heraus aus Armut und Not möglich. Aber Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Korruptionsbekämpfung sind die Basis."

Good Governance - gute Regierungsführung – das fordert Entwicklungsminister Müller von allen afrikanischen Ländern, die auf Investitionen aus Europa hoffen. Doch was bedeutet Good Governance in der Praxis? Und wie wird sie umgesetzt? Ausgerechnet in Berlin, das sich mit der Lageso und der nicht fertig werdenden Flughafenbaustelle in letzter Zeit selbst nicht gerade mit Organisationsruhm bekleckert hat, werden Beamte aus dem nordafrikanischen Marokko geschult.

Festveranstaltung in einer alten Villa in Berlin-Grunewald, Sitz der "Europäischen Akademie Berlin". Acht Männer und vier Frauen erhalten ihre Diplomurkunden. Überreicht von dem Gesandten der marokkanischen Botschaft. Mehrere Woche lang hatten die jungen Staatsbediensteten Gelegenheit, zu lernen, wie moderne Verwaltungsarbeit funktionieren sollte, zu der auch eine Beteiligung der Bürger gehört, nicht aber die Vergabe von Vorteilen gegen Geld, also Korruption. Einer der Diplomanden ist Khalid Khouriba. Er dient im marokkanischen Wirtschaftsministerium, hat dort auch mit der Vergabe von Aufträgen an ausländische Unternehmen zu tun.

"Mich persönlich hat besonders die überwachende Kontrolle der öffentlichen Auftragsvergabe interessiert. Wie mit dem Geld aller möglichst sinnvoll und transparent umgegangen werden kann. Also: die Ausgaben optimieren, die Ausgaben kontrollieren. Und auch, wie man die ganzen Verfahren in der öffentlichen Auftragsvergabe verbessern kann."

Wie in Berlin man Korruption bekämpft, konnten sich die Gäste auch vor Ort anschauen, sagt Mechthild Baumann, die Leiterin der Europäischen Akademie:

"Ein Beispiel, ein fester Bestandteil unser Programm ist, dass wir zur Berliner Polizei gehen, zur Beschaffungsstelle, die uns genau erklären, wie beschaffen sie, welche Richtlinien halten sie ein. Wie können Sie erkennen, wenn auf einmal innerhalb des Kollegiums einer verdächtig erscheint und was wird dann gemacht, ohne denjenigen zu denunzieren und so haben wir einen ganzen Strauß an Beispielen und Maßnahmen, den wir uns anschauen."

Fast 400 Beamte aus Marokko und Tunesien hat die Europäische Akademie Berlin seit 2012 bereits in "guter Regierungsführung" geschult, im Auftrag des Auswärtigen Amtes, auf Grundlage der sogenannten Transformationspartnerschaften mit Nordafrika. Ob auch andere afrikanische Länder zukünftig an derartigen Programmen teilnehmen können, ist noch nicht klar. Für den "Marshallplan mit Afrika" wäre das sinnvoll. Denn verlässliche staatliche Rahmenbedingungen und Standards sind eine Voraussetzung, damit sich deutsche und europäische Unternehmen und Kapitalanleger im großen Stil nach Afrika wagen. Doch nicht alle Kooperationen und Investitionen – so warnen Kritiker – sind auch wirklich von Vorteil für beide Seiten.

"Es gibt in Afrika natürlich Bereiche, die offensichtlich sofort ins Auge fallen, wenn wirtschaftliche Tätigkeit und Entwicklung gefragt sind. Da sind als erstes jede Art von Landwirtschaft."

Landwirtschaft, sagt Afrika-Beauftragter Nooke, das bedeutet in den meisten Regionen Afrikas heute noch immer: Kleinbauern, die mit traditionellen Methoden arbeiten und vor allem sich selbst und ihre Dörfer mit Nahrungsmitteln versorgen. Zu einer von, der neuen Afrikapolitik angestrebten Industrialisierung in Wachstumsregionen, passt diese Art der Landbewirtschaftung aber nicht. Um eine rasant wachsende Bevölkerung zu ernähren, müsse der Agrarbereich modernisiert und produktiver gemacht werden, sagt Nooke. Mit Hilfe industrieller Landwirtschaft, profitablen Familienbetrieben und mit neuartigen Konzepten:

"Das nennt man heute commercial farming. Man baut im Grunde große Farmen auf mit moderner Technik, mit Speicherung von Nahrungsmitteln, mit Bewässerungsanlagen, mit Pflanzenproduktion und Viehhaltung, so dass also eine große Farmen entsteht, die Lebensmittel und agrarische Rohstoffe erst einmal zu einem günstigen Preis produziert. Dann versucht man, das Ganze neben der Produktion auch zu verarbeiten und natürlich zu handeln. Diese Unternehmung hat in Sambia und Uganda angefangen, das ist ein Unternehmen, das sich Amatheon Agri nennt und das sitzt hier in Berlin. Und das ist vielleicht irgendwann der erste, der im DAX, der in Berlin sitzt wieder."

Hoffnung in neue Agrarindustrie

Das Agrarunternehmen "Amatheon Agri" gehört zu dem Portfolio des Investmentunternehmens von Lars Windhorst. Um die Jahrtausendwende investierte der als Wunderkind bekannt gewordene Finanzjongleur in den Internetboom. Nach weiteren wagemutigen Investments und grandiosen Pleiten setzt Windhorst jetzt auf das expandierende Agrarbusiness in Afrika. Amatheon Agri legt dabei großen Wert auf Nachhaltigkeit, Menschenrechte und Korruptionsfreiheit. Der Chef des Unternehmens ist ein Ex-Manager von dem Molkereiriesen Müllermilch, Mit-Investor der bekannte Unternehmensberater Roland Berger. Auch Afrikapolitiker Nooke glaubt an eine große Zukunft von Agrar-Investments wie Amatheon Agri.

"Weil ich glaube an solche Konzepte, die wirklich darauf aus sind, erst einmal Lebensmittel in Afrika für Afrika zu produzieren. Aber es kann sehr schnell sein, dass diese Lebensmittel, weil sie einfach so günstig zu produzieren sind, und der klimatischen Bedingungen, die zwei oder drei Ernten zulassen in Afrika, viel billiger und besser produziert werden können, als in Europa und somit dann auch aus Afrika nach Europa exportiert werden."

Vom Futtermittelanbau bis zur Trinkmilch im Supermarkt – alles von einem ausländischen Agrar- und Lebensmittelkonzern – nicht alle Afrikaexperten halten das für eine zukunftsweisende Idee. Marita Wiggerthale von der Entwicklungshilfe-Organisation Oxfam warnt vor einer Industrialisierung der afrikanischen Landwirtschaft.

"Ich glaube, dass die Förderung der agrarindustriellen Betriebe für Afrika große Risiken mit sich bringt, weil sie Existenzen von bäuerlichen Betrieben zerstören, an den Rand drängen. Und diese Menschen einfach keine Alternative an Einkommensmöglichkeiten mehr haben."

Dass die Kleinbauern, die im Wettbewerb mit voll mechanisierten Großfarmen nicht mithalten können, dann Arbeitsplätze in einer aufblühenden Industrie finden, glaubt die Agrarökonomin Wiggerthale nicht.

"Von daher sagen all die Prognosen, die da jetzt auf einen boomenden Dienstleistungssektor oder Industrialisierung setzen, sind glaube ich rosarot geschrieben und entsprechen auch nicht den bisherigen Erfahrungen beispielsweise mit der De-Industrialisierung in Afrika, die wir in den letzten Jahrzehnten beobachten konnten."

Werden in Afrika die Fehlentwicklungen einer industriellen Hochleistungs-Landwirtschaft jetzt wiederholt, deren Folgen sich in Europa längst zeigen: Ökologische Schäden an Böden und Grundwasser, Tierseuchen in der Massentierhaltung, Überproduktion, die Verschuldung der Bauern und die Entvölkerung des ländlichen Raumes? Auch die Menschenrechtsorganisation FIAN erwartet nicht nur Gutes vom "Marshallplan mit Afrika". FIAN kritisiert eine undurchsichtige Vermischung von privaten und öffentlichen Geldern, warnt davor, dass Zitat: "Investmentfonds die Entwicklungspolitik übernehmen."

Die Interessen von internationalen Kapitalgebern mit denen der Bevölkerung in Einklang zu bringen, darum geht es. Eine schwierige Aufgabe, die selbst in Europa nicht mehr überall gelingt.

Marokko kommt gegen Europa nicht an

Der "Reform-Champion" Marokko scheint mit seiner klugen Verwendung der Rohstoff-Einnahmen, der Stärkung seiner regionalen Wirtschafts-Entwicklung, dem staatlichen Engagement für mehr Bürgerbeteiligung und weniger Korruption auf einem guten Weg.

Trotzdem: Das Wohlstandsgefälle im Land ist noch immer extrem. Und die Auswanderung nach Europa bei vielen jungen Leuten noch immer ein wichtiges Thema. Daran ändert auch der "Marshallplan mit Afrika" nichts. Sein Planungshorizont liegt im Jahr 2030. Wie viel besser die Menschen in Europa leben, das erfahren die jungen Afrikaner dagegen täglich aus dem Internet. Auch der 25-jährige Hassan aus dem westafrikanischen Guinea. Über Facebook und WhatsApp hält er den Kontakt zu Freunden. Auch zu denen, die es geschafft haben - bis nach Frankreich oder nach Deutschland. Ihre Botschaften klingen sehr widersprüchlich.

Sie sagen, dort ist es besser, weil sie mit Sicherheit überleben, selbst wenn sie nichts verdienen. Hier gibt es diese Sicherheit nicht. Trotzdem gibt es auch dort das Rassismus-Problem. Man wird wie ein Wilder angesehen, wenn man schwarz ist. Es ist also auch nicht einfach zum Leben.

Auch eine legale Migration nach Europa, für diejenigen die hier arbeiten wollen, um in der Heimat ihre Familien zu unterstützen, wäre ein guter Beitrag zur Entwicklungszusammenarbeit. Von jungen, motivierten Afrikanern könnte das rapide alternde Europa profitieren. Das sagt auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Doch Entwicklungsminister Müller weiß: Diese Vorschläge sind zurzeit wenig populär – anders als der "Marshallplan mit Afrika".

Journalist Jan-Uwe Stahr (Deutschlandradio / Leila Knüppel)Journalist Jan-Uwe Stahr (Deutschlandradio / Leila Knüppel)

Zeitfragen-Autor Jan-Uwe Stahr über den Plan eines Marshallplans für afrikanische Länder:

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