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Zeitfragen | Beitrag vom 20.04.2021

Entfesselte BörsenDer Bulle ist los

Von Beate Krol

Illustration eines Mannes mit Aktentasche, aus der Geldscheine fallen, wie er ansteigende Säulen hochrennt. (imago / Malte Mueller)
Kein Ende in Sicht – die Börse im Höhenflug (imago / Malte Mueller)

An der Börse steht der Bulle für Boom - und so viel Bulle wie jetzt war lange nicht mehr: Aktienkurse steigen auf immer neue Rekordhöhen. Selbst Unternehmen, denen es schlecht geht, werden hoch gehandelt. Wie lange kann das noch gut gehen?

Ein Industriegebiet in der Nähe des brandenburgischen Dorfes Grünheide. Die Baustelle an der L38 ist weiträumig abgesperrt. Aus der Ferne sind ein paar hellgraue Betonhallen zu sehen, davor stehen in langen Reihen übereinander gestapelte Baucontainer. Ein paar Baufahrzeuge kurven blinkend umher. Die Fabrik, die hier entsteht, gehört dem US-amerikanischen Autobauer Tesla. Und damit jenem Konzern, der diesen Februar an der Börse 730 Milliarden Dollar wert war. 730 Milliarden Dollar – selbst ein so gestandener Wirtschaftsjournalist wie Hans-Jürgen Jakobs kann das kaum fassen.

"Tesla ist mehr wert als alle anderen großen Autobauer aus den USA, aus Europa und Japan zusammen", sagt er. "Rein rechnerisch ist jedes Tesla-Auto, glaube ich, 1,25 Millionen Dollar wert. Sie können es für 80.000 oder so kaufen, aber rechnerisch ist es 1,25 Millionen Dollar wert."

"Da zeichnet sich eine Sonderwelt ab"

Hans-Jürgen Jakobs war Chefredakteur des Handelsblatts und ist Herausgeber des Buchs "Wem gehört die Welt?", das die finanzielle Macht von Unternehmen, Privatpersonen und Staatsfonds untersuchte. Heute schreibt er das Handelsblatt Morning Briefing, mit dem Newsletter starten viele Wirtschaftsinteressierte in den Tag. Geht es um die Börse, hat Hans-Jürgen Jakobs meist gute Nachrichten: Es geht bergauf, selbst in der Corona-Pandemie.

"Man muss schon selbstkritisch sagen, dass es Parallelwelten sind", sagt Jakobs. "Also auch dieser ganze Run auf Börsengänge: Ein Unternehmen wie 'Auto 1', ein Online-Autohändler, der jetzt 1,8 Milliarden Euro erlöst hat mit dem Börsengang – das ist eine Fantasiesumme. Es ist gut gegangen. Es wird wahrscheinlich auch noch bei dem einen oder anderen Börsengang gut gehen, aber das ist schon eine Sonderwelt, die sich da abzeichnet."

Blick auf die Baustelle der Tesla Gigafactory in Grünheide bei Berlin (imago images / Jürgen Held)In Grünheide bei Berlin entsteht Teslas Gigafactory. Gemessen am Börsenwert des Unternehmens wäre jedes Tesla-Auto 1,25 Millionen wert.. (imago images / Jürgen Held)
Die aktuelle Entwicklung an der Börse ist schwer zu verstehen: Die Wirtschaft ächzt unter Corona, doch die Aktienkurse eilen nach einem kurzen und massiven Einbruch im März 2020 von einem Rekord zum nächsten. Selbst Unternehmen, um die es schlecht steht, werden hoch gehandelt. Und auch bei vielen Technologiekonzernen haben der reale Wert und der Börsenwert nichts mehr miteinander zu tun. Dazu mischen Privatanleger kräftig mit, die sich in Internetforen organisieren. Ich will wissen, wie gesund das eigentlich alles ist. Was passiert, wenn sich die Börse von der Realwirtschaft immer weiter ablöst? Kommt es dann wieder mal zum Crash? Oder kann der Aktienmarkt tatsächlich dauerhaft "bullish" sein?

Bullish – Börsenjargon für einen boomenden Aktienmarkt. Abgeleitet von dem Bullen, der zusammen mit dem Bären für die beiden Börsentrends steht. Ein anderes Wort für einen boomenden Aktienmarkt ist Hausse.

Ich mache mich auf den Weg, um die rätselhafte Welt Börse zu erkunden. Meine erste Station: Frankfurt am Main.

Die Wertpapierbörse liegt inmitten der Altstadt. Die wuchtige Fassade aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert zieren Putten und allerhand Fantasiewesen, darunter Männer mit Fischschwänzen. Im Gebäude selbst ist alles hochmodern. Runde Arbeitsinseln mit neben- und übereinander montierten Bildschirmen heben sich strahlend weiß von grau-blauen Wänden ab. Unterhalb der Kuppel zeigt eine Lichtinstallation an, welche Börse auf der Welt gerade geöffnet hat, und auf der Besucherempore reagiert der Boden auf die Kurse der Dax-Unternehmen. Ergibt sich ein neuer Preis, blinkt der Unternehmensname auf. Edda Vogt kümmert sich bei der Deutschen Börse um das Informationsangebot für die Anleger und Trader.

"Wir haben diesen kompletten Bereich umgebaut", erklärt sie. "Wir stehen jetzt hier über dem großen Handelssaal. Und da unten, das sind Spezialisten."

"Wir sind in der Nähe vom Allzeithoch"

Es ist Anfang März und das erste Mal seit dem Lockdown, dass wieder ein Gast in die Börse darf. Auf dem Börsenparkett ist es ruhig, viele Spezialisten sind wegen Corona in die Büros ihrer Banken umgezogen. An den Kurstafeln geht es hingegen hoch her. Der gezackte DAX-Graph steht bei 14.473 Punkten.

"Wir hatten Rekordstände, ein neues Rekordhoch diese Woche", sagt Vogt. "Und jetzt sehen Sie: Wir sind in der Nähe vom Allzeithoch. Der weiße Strich auf der Y-Achse, das ist der Schlusspreis gestern. Das heißt, wir haben heute über Schlusspreis gestern eröffnet und jetzt liegen wir ein bisschen drunter, aber das ist echt nicht viel. Ich würde sagen, stabil am Rekord."

Ob Edda Vogt die Rekorde für gerechtfertigt und gesund hält, darf sie als Angestellte der Deutsche Börse AG nicht sagen. Aber die Börsenfachfrau kann erklären, wie die Kurse zustande kommen. Sie zeigt auf die Kurstafel mit den Dax-Unternehmen. Die Zahlen rechts neben dem Unternehmenskürzel geben das aktuell beste Kauf- und Verkaufsangebot an:

"Nehmen wir mal Adidas. Die Preisvorstellung hier momentan 2,99 zu 2,9920. Das heißt, wenn Sie jetzt sagen: Ich will jetzt 10 Adidas-Aktien verkaufen für 299,10 Euro, dann wird es sofort ausgeführt, weil da das passende Kaufangebot steht. Oder Sie sagen: Ich will diese zehn Adidas-Aktien verkaufen zu was auch immer, dann wird es auch sofort ausgeführt. "

Der Preis, für den die Aktie den Besitzer wechselt, ist der aktuelle Kurswert. Mit jedem Kauf gibt es also einen neuen Aktienpreis. Der DAX wiederum wird aus den Aktienpreisen der DAX-Unternehmen gebildet – das sind die 30 Unternehmen Deutschlands mit dem höchsten Börsenwert und der größten Aktiennachfrage. Warum aber steigen die Preise denn nun, mitten in der Corona-Pandemie? Warum fallen sie in der schlechten Wirtschaftslage nicht?

An der Börse wird die Zukunft gehandelt – gern benutzter Satz an der Börse. Verleiht vermeintlich irrationalem Verhalten Sinn.

Ich setze meine Reise durch die Finanzmetropole Frankfurt fort. Meine nächste Station ist das Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung, das Andreas Hackethal leitet. Der Betriebswirt gilt als einer der Erklärer der Börsenwelt.

"Der Kurs einer Aktie bemisst sich an den zukünftig erwarteten Gewinn oder Dividenden", sagt er. "Und wenn wir jetzt bei den Rekorden sind - die Rekordstände können wir direkt übersetzen in: ‘Aktuell haben die Anleger die Erwartungen, das Gewinne sprudeln, und zwar mehr als in der Vergangenheit.‘ Jetzt können wir darüber diskutieren, ob das gerechtfertigt ist. Und ja, wir haben Umbrüche in der Wirtschaft, Digitalisierung, Automatisierung, der Klimawandel erfordert Innovation. Man kann eine Geschichte erzählen, die das legitim erscheinen lässt."

Als besonders vielversprechend gelten Technologieunternehmen. So lassen sich auch die hohen Kurse von Tesla, Amazon oder dem Google-Mutterkonzern Alphabet erklären. Dazu kommt das altbekannte Prinzip von Angebot und Nachfrage, erklärt mir Olaf Stotz. Auch er sitzt in Frankfurt, an der Frankfurt School of Finance and Management:

"Wir haben auf nahezu allen Aktienmärkten weltweit relativ hohe Bewertung. Und das ist sozusagen das Spiegelbild einer Knappheit. Wenn ein Gut knapp ist und eine hohe Nachfrage danach beobachtet werden kann, dann steigen die Preise, ohne dass jetzt unbedingt die fundamentale Situation es zwingend rechtfertigt."

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Aktien sind begehrt. Seit die Zentralbanken die Zinsen gesenkt haben, werfen Festgeldkonten und Staatsanleihen kaum Rendite ab. Die Folge: die Investoren haben sich umorientiert und konkurrieren um die Aktien. Das treibt die Kurse in die Höhe – und dabei geht die Bodenhaftung schon mal verloren.

"Sie möchten die Liquidität letztendlich in rentable Anlagen anlegen", sagt Stotz. "Und ein Teil dieser Liquidität fließt natürlich auf den Aktienmarkt, aber genauso auf den Immobilienmarkt oder andere Märkte, wo man sich verspricht, dass dort eine höhere Rendite zu erwirtschaften ist. Und das ist sozusagen der aktuelle Zustand: viel Liquidität auf den Märkten, die nach rentablen Anlagen sucht."

Und es gibt einen technischen Grund, warum die Börse brummt.

Neobroker – die. Firmen, die Aktiendepots übers Smartphone anbieten. Via App. Sehr beliebt bei jungen Menschen.

"Es ist einfacher geworden, auch schon im letzten Jahr, aber jetzt noch einmal verstärkt, in Aktien zu investieren, und zwar nicht nur in Einzelaktien, sondern in Fonds oder Indexfonds", erklärt Andreas Hackethal. "Sparpläne werden stark beworben und es gibt Anbieter, die sagen: An der Börse einlegen für null Euro. Das ist sicherlich auch noch mal ein Extraschub. Und der letzte Aspekt ist: Die Menschen reden drüber. Sicherlich durch Social Media, aber auch durch die Medien: Das Thema ist plötzlich ein Thema für alle geworden. "

Um 2,7 Millionen Menschen ist die Gruppe der Aktionärinnen und Aktionäre hierzulande im vergangenen Jahr gewachsen – auf fast zwölfeinhalb Millionen, die 2020 mit Wertpapieren gehandelt haben. Am stärksten war der Anstieg bei den unter 40-Jährigen. Auch Saskia und Annika haben an der Börse investiert. Die beiden Freundinnen sind 27 Jahre alt:

"Ich bin noch ganz neu im Game. Ich habe jetzt meine ersten ETF erst Anfang des Jahres gekauft, nachdem ich Ende des Jahres des letzten Jahres ein bisschen Geld geerbt habe. Und ja, mich dann danach damit auseinandergesetzt habe, wie ich das anlegen will, weil ja auf der Bank das Geld deponieren ist ja nicht mehr zeitgemäß." 

"Bei mir war es so, dass ich angefangen hatte zu arbeiten und das Geld, was ich dann selbst verdient hatte, nicht nur auf dem Konto liegen lassen wollte, sondern aktiv investieren wollte, um eben Vermögen zu bilden."

Blick auf das Display eines Smartphones mit einer Börsen-App. (picture alliance / Jan Haas )Einfach zu bedienen und gerade bei Jüngeren sehr beliebt: Apps, mit denen jeder selbst am Smartphone mit Aktien handeln kann (picture alliance / Jan Haas )

Annika und Saskia wollen fürs Alter vorsorgen. Sparen auf einem Festgeldkonto oder eine Lebensversicherung scheiden für sie wegen der Negativzinsen aus. Beide erledigen ihre Börsengeschäfte am Smartphone. Die Neobroker haben zum Börsenhype beigetragen. Die Apps sind einfach zu bedienen, und wer neue Kunden wirbt, bekommt einen Bonus für Aktienkäufe. Auf diese Weise ist eine neue, hippe Bewegung entstanden – mit eigenen Influencern und eigenen Internetforen. Zum Beispiel auf der US-amerikanischen Plattform Reddit.

David gegen Goliath: dem Hedgefonds ein Schnippchen geschlagen

Das Kürzel GME steht für das US-Unternehmen Gamestop, das eine Einzelhandelskette mit Videospielen betreibt. Das Geschäft lief nicht gut. Ein Hedgefonds versuchte, daraus Geld zu schlagen und wettete mit Leerverkäufen gegen Gamestop. Das Prinzip: Je tiefer dessen Aktien fallen, umso größer der Gewinn des Hedgefonds. Doch weil Leerverkäufe angezeigt werden müssen, durchschauten die Reddit-Aktionäre das Spiel und trieben den Börsenkurs hoch. Auf einmal stand der Hedgefonds mit dem Rücken zur Wand.

Im März gab es einen erneuten Anstieg bei den Gamestop-Aktien. Einen Tag später bin ich mit dem Moderator des deutschen Reddit-Forums "Mauerstraßenwetten" verabredet. Er ist 22 Jahre alt und will anonym bleiben. Der Gamestop-Hype ist für ihn auch ein cooles Spiel.

"Die Aktie hat den Tag mit über 200 Prozent im Plus beendet, also sich fast verdreifacht. Und das sieht man jetzt auch wieder in unserem Forum. Also auch wieder viele Leute, die auf einmal großes Interesse haben, die Aktien kaufen und sich schon wieder mit Parolen gegen die Hedgefonds verbünden. Also, wir haben wieder gut zu tun im Moment."

Die Börse ist nicht zum Spekulieren da

Vor dem ersten Hype im Januar hatten die Mauerstraßenwetten 15.000 Mitglieder. Danach waren es 85.000. Bis zu 50.000 Kommentare hätten die User auf dem Höhepunkt der Gamestop-Rallye gepostet. Besonders beliebt: Raketen-Emojis, die symbolisieren, dass die Aktie zum Mond fliegt. In der etablierten Finanzwelt und bei der US-amerikanischen Regierung kommen die neuen Spekulanten nicht gut an. Der Vorwurf: verbotene Absprache. Das sieht der Forumsmoderator anders.

"Es kommt schon vor, dass Investmentideen geteilt werden und dass, wenn so ein Post entsprechende Aufmerksamkeit bekommt, dann die User auch vermehrt dort einsteigen, weil sie sich von dieser Idee sozusagen mitreißen lassen oder überzeugen lassen und dieses Gewinnpotenzial eben auch sehen. Und so kommt es, dass man dann eben ganz viele hat, die in den Gamestop-Aktien drinhängen. "

Noch ist offen, wie die amerikanische Regierung in der Angelegenheit weiter vorgeht. Fakt ist: die GME-Aktion hat die Börse noch populärer gemacht – auch weil sie so sympathisch wirkte: die Kleinen gegen die Großen. Der US-Ökonom und Autor Mohamed El-Erian kann das gut verstehen. Für ihn haben solche Aktionen aber auch eine Kehrseite. Denn seiner Meinung nach ist die Börse nicht zum Spekulieren da. Ich erreiche ihn in Kalifornien.

Spekulation – ebenfalls gebräuchlich: Börsenwetten. Haben angeblich stabilisierende Effekte. Treten trotzdem häufig in Verbindung mit Börsencrashs auf.

"Warum haben wir eine Börse? Nicht, um zu spekulieren", betont El-Erian. "Eine Börse sammelt Geld bei Investoren ein und verteilt es an Unternehmen, die es verdienen. Funktioniert das gut, profitieren alle Seiten: die Investoren, die Unternehmen und auch die Gesellschaft. Denn je besser es den Unternehmen geht, desto mehr Beschäftigung und desto mehr Wachstum entsteht. Die Menschen werden reicher, weil sie jetzt einen Teil von etwas Großem besitzen, und die Gesellschaft entwickelt sich insgesamt fort. Wenn man die Börse von der Wirtschaft abkoppelt, droht sie sich in ein Kasino zu verwandeln und das Geld landet bei den Falschen.

Mohamed El-Erian ist Chefberater der Allianz und Präsident des Queens' College in Cambridge. Für ihn entkoppeln sich Börse und Realwirtschaft und er warnt seit Längerem davor, dass das Geld falsch verteilt wird. Ein besonders augenfälliges Beispiel seien Zombie-Companies.

"Zombie-Firmen sind Unternehmen, die sich eigentlich verändern müssten, um zu überleben. Wenn sie aber mit Geld überhäuft werden, fehlt dieser Druck. Ein gutes Beispiel dafür ist die Autovermietung Hertz. Hertz musste Insolvenz anmelden, woraufhin die Hertz-Aktie unter einen Dollar sank. In diesem Moment beschlossen ein paar Leute, mit Hertz-Aktien zu spekulieren. Prompt stieg die Hertz-Aktie auf fast fünf Dollar. Und an diesem Punkt sagte das Unternehmen: Na, wenn die Leute so viel für meine Aktie zahlen wollen, gebe ich neue Aktien aus."

Lakestar Spac - seit Februar an der Frankfurter Börse

Die Aufsichtsbehörde habe das Vorhaben zwar gestoppt, sagt Mohamed El-Erian, das Beispiel belegt für ihn aber: Die Situation an der Börse ist heutzutage teilweise absurd. Das zeigen auch die sogenannten Spacs, die Special Purpose Acquisition Companies.

"Das ist die angesagte Variante von etwas, das wir normalerweise als Blankoscheck-Firmen bezeichnen. Die Spacs-Unternehmen geben Anteile aus, ohne den Investoren zu sagen, was sie mit dem Geld machen werden. Das heißt, Sie stellen als Investor einen Blankoscheck aus und sagen: "Macht, was immer ihr wollt, ich vertraue euch". Dann gehen die Spacs-Manager los und kaufen Firmen. Besonders bedenklich: Sie spannen Prominente ein, um Spacs zu verkaufen. Und wenn das in der ohnehin ausgebufften Investment-Welt passiert, kann man davon ausgehen, dass ein übermäßig hohes Risiko besteht."

Bei den Spacs sind Aktienkurse und Realwirtschaft vollends entkoppelt. Schlicht deshalb, weil es kein reales Unternehmen gibt, an dem sich der Preis bemessen kann. Das Ziel der Spacs ist es vielmehr, Geld von Anlegern einzusammeln, um damit eine Firma zu übernehmen. In den USA boomt das Geschäft schon seit Längerem. Im Februar ging auch in Deutschland ein Spac an die Börse: Lakestar Spac.

Die Aktienpreise mit kreditfinanzierten Aktienrückkäufen hochtreiben

275 Millionen Euro sammelten die Anbieter ein. Die Nachfrage war neun Mal größer als das Angebot. Die Investoren waren überwiegend Hedgefonds, private Großvermögende und Privatbanken. Gefüllt werden soll der Spac mit einem, wie es heißt, europäischen Wachstumsunternehmen im Technologiesektor. Also ausgerechnet die Branche, in der Börsenkurs und der reale Wert schon heute wenig miteinander zu tun haben. Und das hat Folgen, wie Mohamed El-Erian betont: 

"Ein in den USA gebräuchliches Beispiel ist Apple. Apple hat über hundert Milliarden Bargeld in seiner Bilanz und macht jedes Jahr erhebliche Gewinne, dessen ungeachtet haben sie künstlich billig gehaltenes Geld aufgenommen. Und warum? Um damit Aktien zurückzukaufen. Das heißt: Sie ermuntern Unternehmen, Finanz-Engineering zu betreiben."

Gemeint ist damit, das eigene Geld arbeiten zu lassen und gleichzeitig billige Kredite für Aktienrückkäufe aufzunehmen, um die verbliebenen Aktien teurer zu machen. Das kommt einem Perpetuum Mobile schon recht nahe. Auch wenn es darum geht, ein anderes Unternehmen zu kaufen, sind hoch bewertete Firmen den niedriger bewerteten oft überlegen: Solche Käufe werden oft mit Aktien bezahlt. Und je mehr die einzelne wert ist, desto weniger Aktien muss ein Käufer hinlegen. Auf diese Weise werden die Großen immer größer und mächtiger. Für die Unternehmen eine tolle Sache, sollte man meinen. Das stimmt aber nur bedingt.

Des Kaisers neue Kleider – Märchen von Hans Christian Andersen. Der Kaiser lässt sich von zwei Betrügern einreden, dass die von ihnen gewebten Kleider nur von klugen Menschen gesehen werden können. In Wirklichkeit gibt es die Kleider gar nicht, aber bis auf ein Kind traut sich keiner zu widersprechen.

Kay Bommer ist Geschäftsführer beim Investor Relations Verband, kurz DIRK. Investor-Relations-Managerinnen und -Manager bilden die Schnittstelle zwischen dem Unternehmen, bei dem sie angestellt sind, und den Akteuren auf den Finanzmärkten. Also Aktionäre und Analysten, Fondsmanager und Vermögensverwalter, aber auch Hedgefonds und Private-Equity-Firmen. Ich treffe ihn in seinem Hamburger Büro mit Blick auf die Speicherstadt.

"Zu niedrige Börsenkurse bergen die Gefahr, dass andere Investoren das Unternehmen übernehmen wollen, weil sie sagen: Hier können wir einen Konkurrenten, einen Wettbewerber schlucken. Oder hier können wir uns sehr billig ein Unternehmen einverleiben, weil es einfach billiger zu haben ist als, was es tatsächlich wert ist", erklärt Bommer.

"Ein zu hoher Kurs andersrum bedeutet: Es ist erst mal fast unmöglich, neue Investoren zu finden, die langfristig einsteigen – woran man sehr interessiert ist. Es birgt außerdem die Gefahr, dass langfristig der Kurs sich immer da einpendelt, wo der wahre Wert des Unternehmens steckt. Das heißt, wir haben Volatilität. Und nichts ist unangenehmer als ein stark volatiler, ein stark schwankender Kurs."

Wie misst man den wahren Wert eines Unternehmens?

Unternehmen freuen sich über hohe Bewertungen also nur, wenn sie sich mit ihrem wahren Wert weitgehend decken. Nur: Wie misst man überhaupt, was ein Unternehmen wert ist?

"Da gibt es Ertragswertverfahren, wo man schaut: Mit dem, was da ist, was kann in Zukunft erwirtschaftet werden? Und was ist das heute wert? Ein anderer Weg ist das Markt-Vergleichsverfahren. Man nimmt gewisse Kennzahlen, das Kurs-Gewinn-Verhältnis, KGV zum Beispiel, vergleicht es mit anderen Unternehmen und schaut: Bin ich im Vergleich zu Unternehmen ähnlicher Tätigkeit und gleicher Güte, günstig oder teuer bewertet? "

Bei den großen Technologiekonzernen wie Amazon, Alphabet und Tesla fehlen diese Vergleichsmöglichkeiten, weil sie auf ihrem Gebiet Pioniere sind. Auch das trägt zu den Kursrallyes bei und erklärt, warum diese Unternehmen an der Börse mehr wert sind als traditionelle Branchenriesen. Die Kleinen haben derweil das Nachsehen. In Deutschland sind das die Mittelständler, erfahre ich.

"Der Mittelstand ist ganz klar benachteiligt durch das Niedrigzinsumfeld und die geringeren Möglichkeiten der Kreditaufnahme. Das muss man ganz klar sagen", betont Holger Hinz. Er leitet das Investmentbanking bei der Berliner Quirin-Privatbank und ist im Vorstand des Interessenverbands kapitalmarktorientierter Mittelstandsunternehmen.

"Aus der Finanzkrise heraus hat die Politik ja ihre Schlüsse gezogen und sukzessive eine stärkere Eigenkapitalunterlegung von Kreditvergaben gefordert. Und der Mittelständler ist limitiert auf sein Universum an Banken, und die höheren Eigenkapitalanforderungen für Banken bei der Kreditvergabe sorgen dafür, dass sie weniger Kredite vergeben können."

Der Mittelstand hat das Nachsehen

Das heißt übersetzt: Unternehmen, die nicht an der Börse sind, kommen schwerer an Fremdkapital, weil sie auf Bankkredite angewiesen sind. Doch für die gelten seit der Immobilienkrise von 2008 strenge Regeln und Kredite sind schwerer zu bekommen. Aber nicht nur am Mittelstand geht der aktuelle Börsenboom vorbei. Der Makroökonom und Wirtschaftshistoriker Moritz Schularick beschäftigt sich mit den sozialen Aspekten des Booms. Er sagt:

"Man muss einfach sehen, dass die Haushalte, die im Aktienmarkt aktiv sind, gerade in Deutschland - international ist das in manchen Ländern ein bisschen breiter gestreut, aber im Prinzip bleibt es die gleiche Aussage: Das Aktienvermögen ist sehr, sehr stark konzentriert in den Händen der zehn Prozent reichsten Haushalte."

Moritz Schularick berät derzeit in den USA die amerikanische Zentralbank. Er will wissen, inwieweit die Geldpolitik der Zentralbanken die bestehenden Vermögensverhältnisse verfestigt. In der wirtschaftswissenschaftlichen Theorie haben alle Menschen etwas von den niedrigen Zinsen. In der Praxis aber scheinen sie die Vermögenden zu begünstigen, die einen Teil ihres Geldes an der Börse riskieren können. Darauf hoffen auch Saskia und Annika.

"Bei uns ist jetzt nicht mehr der Plan, sich das Geld von der Bank zu leihen und mit einem Zinssatz wieder zurückzuzahlen. Bei uns ist es jetzt eher so: Wir legen es an, um es zu vermehren und später keinen Kredit aufnehmen zu müssen. Und natürlich auch der Grund, dass wenn wir in Rente gehen sollten, da nicht viel übrig bleibt. Und das gibt mir auch einfach eine gewisse Sicherheit zu wissen, dass man das so ein bisschen selbst in der Hand hat."

Mohamed Aly El-Erian, ein grauhaariger Mann mit Schnauzbart, mit Sakko, weißem Hemd und Krawatte, spricht in ein Mikrofon. (picture alliance  / dpa / Felix Hörhager)Wenn die Zentralbanken selbst Anleihen kaufen, macht das Anleger leichtsinnig, findet der Ökonom und Finanzmarktexperte Mohamed El-Erian. (picture alliance / dpa / Felix Hörhager)

Tatsächlich vermehrt sich das Geld der Aktionäre stetig, selbst wenn es zwischendurch mal abwärts geht. Zumindest war es bislang so. Aber wie kommt es eigentlich dazu, frage ich abschließend noch einmal Andreas Hackethal vom Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung.

"Der Zinseszinseffekt, das ist der Turbo bei der Kapitalanlage. Der nimmt so bei fünf bis sechs Prozent richtig Tempo auf. Und all die Menschen, die das Vermögen haben und sich Risiko leisten können, deren Vermögen wächst allein durch den Zinseszinseffekt einfach viel, viel schneller. Sie sind nicht nur reicher, sondern das verdoppelt sich in einer wesentlich kürzeren Zeit als bei denjenigen, die sich kein Risiko leisten können oder wollen. "

Der DAX wächst – langfristig gesehen – jedes Jahr um sieben Prozent. Das heißt, dass er sich alle zehn Jahre quasi automatisch verdoppelt. Damit verdoppelt sich auch das durchschnittliche Vermögen der Anleger. Auch die aktuelle Zentralbankpolitik begünstigt die Aktionäre. Der Einbruch im März vergangenen Jahres ist auch deshalb glimpflich ausgegangen, weil die Zentralbanken die Börsen stabilisiert haben. Und zwar, indem sie selbst ins Börsengeschäft einsteigen.

"In den letzten zehn Jahren sind ja die Zentralbanken dazu übergegangen, direkt in die Finanzmärkte zu intervenieren unter dem Stichwort quantitative easing [quanitative Lockerung], wo Zentralbanken Finanztitel direkt im Markt aufgekauft haben", so Moritz Schulacker. "Und dann kann man natürlich ganz einfach sagen: Wem haben diese Finanztitel, die die Zentralbanken kaufen, denn gehört? Denn wer auch immer der Besitzer dieser Anleihen war, dem- oder derjenigen geht es jetzt besser, weil da jetzt ein sehr solventer Käufer im Markt ist, der die Preise nach oben treibt. Da ist es dann ganz eindeutig, dass diejenigen, die diese Finanztitel gehalten haben, danach reicher sind."

Tesla hat derzeit ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 1300

US-Ökonom Mohamed El-Erian macht diese Entwicklung ebenfalls Sorgen. Er glaubt, dass mehr spekuliert wird, weil die Zentralbanken selbst Anleihen kaufen. Und so das Gefühl entsteht: Im Zweifel werden sie uns schon auffangen.

"Wie es zu dieser Entkopplung kommt, kann man sich am besten am Beispiel eines Hauskaufs vorstellen. Sie machen sich eine Menge Gedanken über das Haus und die Gegend und dann kommt plötzlich jemand und sagt: Da ist jemand, der sich für die Gegend interessiert und unendlich viel kaufen kann. Und dem ist es egal, wie das Haus aussieht. Wenn Sie das hören, versuchen Sie ein Haus zu erwerben, bevor dieser Käufer kommt. Und so hat der Markt erkannt, dass es das Beste ist, vor den Zentralbanken zu kaufen. Denn die stellen reichlich und planbar Liquidität zur Verfügung. Und Investoren verlassen sich darauf: Egal, wie es läuft, die Zentralbank wird schon einspringen."

Nur: Was ist, wenn die Zentralbanken die Börsen nicht stützen? Kommt es dann zum Crash? Wenn ich mir das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis ansehe, sieht es nicht gut aus. Das Verhältnis ist ein Indikator, wie viel ein Unternehmen wert ist. Ab 15 wird es kritisch, heißt es. Kurz vor der Großen Depression, dem Crash an der Wallstreet 1929, lag das Kurs-Gewinn-Verhältnis bei 25. Zurzeit beträgt das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis in den USA 36. Bei Tesla liegt es sogar bei 1300.

Dienstmädchenhausse – Auch Dienstmädchen-Spekulation, Putzfrauenhausse oder Hausfrauenrallye. Bezeichnung für steigende Börsenkurse, die vor allem durch Käufe wenig informierter Kleinanleger werden. Treten häufig in der letzten Phase vor dem Platzen einer Spekulationsphase auf.

Die Frage, die an der Börse alle umtreibt, lautet: Erhöhen die Zentralbanken die Zinsen? Dann werden Aktien im Vergleich zu Staatsanleihen und Festgeldkonten wieder weniger attraktiv. Und so schnell, wie das Geld zur Börse hingeflossen ist, könnte es auch wieder abfließen. Und was passiert dann? Keiner weiß es so recht, sagt Finanzjournalist Hans-Jürgen Jakobs:

"Allen ist ein bisschen mulmig: Wie kann das so auf Dauer gut gehen? Mit einer solchen Geldschwemme, mit solchen atypischen Entwicklungen, die man gar nicht kennt, die in keinem Lehrbuch stehen, die erklärt werden müssen, die man noch gar nicht richtig einschätzen kann? Deswegen ist die Unsicherheit eben eigentlich groß. Man zockt immer mit, man nimmt das alles mit, was da ist, aber die fundamentale Unsicherheit ist extrem."

Diese Unsicherheit bleibt auch bei mir zurück. Mohamed El-Erian glaubt, dass es zu einem Crash kommt, wenn die Zentralbanken ihre lockere Geldpolitik nicht zurücknehmen. Moritz Schularick ist da optimistischer. Er hat die Muster von Wirtschaftskrisen erforscht, angefangen beim Gründerkrach 1873 bis zur Immobilienkrise von 2008. Das wichtigste Krisenindiz, dass er dabei fand: Eine übermäßige Kreditvergabe der Banken. Sie fehle derzeit, weshalb er den großen Crash nicht fürchtet.

Sorgen macht er sich aber dennoch – um Privatanleger, die häufig vor einem Crash der Börsen ins Aktiengeschäft eingestiegen sind.

Und was ist mit Annika und Saskia? Sie rechnen durchaus damit, dass ihr noch kleines Vermögen bald etwas zusammenschmilzt. Einen Crash fürchtet Saskia aber nicht. Annika ist sich da nicht so ganz so sicher. Ich versuche einfach, sagt sie, optimistisch zu sein.

Mitwirkende
Autorin: Beate Krol
Sprecherin und Sprecher: Nadja Schulz-Berlinghoff, Torsten Föste und Olaf Oelstrom
Regie: Roman Neumann
Technik: Martin Eichberg und Hermann Leppich
Redaktion: Martin Mair
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