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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 20.11.2018

Energiewende Warum Frankreich nicht von der Atomkraft lässt

Von Manuel Waltz

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Ein Arbeiter steht auf der Baustelle des Atomkraftwerks in Flamanville im Nordwesten Frankreichs. (AFP / Charly Triballeau)
Arbeiter auf der Baustelle des Atomkraftwerks in Flamanville im Nordwesten Frankreichs (AFP / Charly Triballeau)

Bis 2025 wollte Frankreich ursprünglich den Anteil des Atomstroms zugunsten der Erneuerbaren auf 50 Prozent zurückfahren. Doch die Energiewende ist ins Stocken geraten. Ob Meiler stillgelegt werden, ist offen. Ein Grund: Wichtige Konzerne gehören größtenteils dem Staat.

Didier Anger steht an einer steilen Klippe an der Küste der Normandie. Er blickt nach Norden – auf das etwa ein Kilometer entfernte Atomkraftwerk Flamanville. Drei große Schornsteine ragen aus der Silhouette hervor, einer davon gehört zum neuen Reaktor, dem Europäischen Druckwasserreaktor EPR, den der frühere französische Atomkonzern Areva gemeinsam mit Siemens entwickelt hat.

"Ich denke, dass der Staat alles tun wird, damit der Reaktor hier ans Netz geht, weil er für die Wirtschaftsstrategie der Regierung so wichtig."

Didier Anger kämpft seit Jahren gegen die Atomindustrie hier in der Normandie, auch gegen diesen Neubau. Doch was heißt Neubau? Baubeginn war 2007 und eigentlich sollte der Reaktor schon ein paar Jahre laufen. Inzwischen haben sich die Baukosten vervierfacht. Und es gibt ein noch viel größeres Problem: Weder der Reaktorkessel noch der Deckel entsprechen den gesetzlichen Sicherheitsstandards.

"Der Staat hat deshalb ein Dekret erlassen, das den Reaktorbetreiber Electricité de France, EDF, autorisiert, geltendes Recht zu missachten, das eigentlich für die atomare Sicherheit des Kessels sorgen soll."

In einer Schmiede in Frankreich wurden über Jahrzehnte fehlerhafte Teile produziert und in vielen Atomkraftwerken auf der Welt verbaut, auch in Flamanville. Seit 2017 ermitteln sowohl die französischen als auch die US-amerikanischen Behörden. Trotzdem darf EDF den neuen Reaktor betreiben, wenn der Bau dann mal abgeschlossen ist.

Hören Sie auch unseren "Zeitfragen"-Beitrag über den Vorstoß einer Grünenpolitikerin im grenznahen Karlsruhe: für einen deutsch-französischen Deal im Sinne einer echten Energiewende:

Dabei war nach der Katastrophe von Fukushima selbst in Frankreich das Misstrauen gegen die Atomkraft gewachsen. Sehr langsam aber stetig stieg der Anteil der Erneuerbaren an der Energieproduktion.

Lokale Unternehmen haben auf die Erneuerbaren gesetzt

Zu den Pionieren gehört die Firma "Initiatives et Energies Locales", kurz IEL. Loic Picot leitet dieses Unternehmen in Saint Brieux, einer 45.000-Einwohner-Stadt an der Küste der Bretagne.

"Es waren nicht die großen klassischen Energieversorger, es waren kleine und mittlere Unternehmen, die die Erneuerbaren ausgebaut haben."

Loic Picot steht im Eingang der Unternehmenszentrale, einem kleinen Neubau in der Nähe des Bahnhofs von Saint Brieux. Hinter ihm an der Wand hängen Bilder von Projekten die die Firma umgesetzt hat: ein Bauernhof mit Scheunen und anderen Gebäuden, auf deren Dächern Solaranlagen installiert wurden, ein kommunales Windrad im Hafen… Solche Projekte, sagt er, werden für ihn immer schwieriger durchzuführen.

"Wir hatten also einen Markt, der von den lokalen Unternehmen bedient werden konnte. Aber für diese lokalen Akteure wie uns wird es immer komplizierter. Wir bleiben unabhängig, aber wir gehören schon zu den letzten unabhängigen Unternehmen in diesem Sektor in Frankreich."

Energieversorgung sehr zentral ausgerichtet

Die kleinen und mittleren Unternehmen würden von den großen französischen Versorgern inzwischen aufgekauft oder die Führungskräfte abgeworben, berichtet Picot. Auch die Finanzierung werde komplizierter. Konzerne wie Total, Engie, das vormals GDF Suez hieß oder EDF drängen in den Markt. In Frankreich ein Markt mit Potenzial. Matthieu Monnier vom Verband der Windenergieunternehmen.

"Die Erneuerbaren Energien sollen sich entwickeln. Das Ziel ist sehr klar für diese Energien, das heißt 40 Prozent vom Strommix bis 2040. Aber im Moment haben wir nur 18 oder 19 Prozent."

Windkraftanlagen des Windparks Cezallier in der Auvergne in Frankreich (imago / imagebroker / Bernard Jaubert)Windkraftanlagen des Windparks Cezallier in der Auvergne in Frankreich (imago / imagebroker / Bernard Jaubert)

Der Durchschnitt in der EU liegt derzeit bei knapp 40 Prozent, in etwa doppelt so hoch wie in Frankreich. In Sachen Energiewende hat das Land also noch Luft nach oben. Das liegt auch daran, dass sowohl der Staat als auch die Energieversorgung traditionell sehr zentral ausgerichtet sind.

Ein Konzern betreibt alle französischen Atommeiler

Für die Erneuerbaren müsse man aber eher dezentral denken und handeln, meint Matthieu Monnier. Das ist schwer, auch weil der Energiekonzern EDF nach wie vor quasi das Monopol auf die Energieerzeugung in Frankreich hat. Das Unternehmen betreibt alle 58 französischen Atommeiler. Die fast drei Viertel des Stroms im Land liefern. Die Meiler seien sehr gut auf eine Energiewende ausgelegt, erklärt Valerie Faudon, vom Verband der Atomindustrie.

"Früher haben die Atomkraftwerke ihre Produktion vor allem in der Nacht gedrosselt, weil dann weniger Strom gebraucht wird. Heutzutage passen sie ihre Produktion zunehmend dem jeweiligen Angebot an Solar- und Windenergie an. Nicht nur in Frankreich auch bei den Nachbarn in Deutschland und in Spanien."

Eine echte Energiewende würde aber bedeuten, mit dem Ausbau der regenerativen Energie Atomkraftwerke zu schließen. Zumal viele in den kommenden Jahren erneuert werden müssen, die meisten stammen aus den 1980er-Jahren.

"Die Nuklearindustrie, das ist der Staat"

Ob aber Meiler stillgelegt werden und wie viele es sein werden, darüber gibt es in der Regierung noch immer keine Einigung. Schon Ende Oktober wollte der Umweltminister de Rugy genaue Zahlen verkünden. Der Termin ist aber auf unbestimmte Zeit verschoben worden. In der Atomindustrie plant man unterdessen die Zukunft und setzt dabei auf die neuen Reaktoren, wie den in Flamanville.

"Für uns ist es wichtig, dass wir das Wissen haben, wie man die französischen Kraftwerke erneuert. Das wird zwischen den Jahren 2030 und 2050 geschehen, weil wir wissen, dass wir nicht alles mit den Erneuerbaren machen können. Und deshalb möchten wir das Know-how nutzen können, das wir in Flamanville gewinnen, um diese Erneuerung des Kraftwerkparks anzugehen."

Deshalb soll der Reaktor in Flamanville in der Normandie ans Netz gehen, obwohl der Druckbehälter fehlerhaft ist. Schließlich ist dieser Reaktortyp auch ein vielversprechendes Exportprodukt. Außerdem will man mit den neuen Reaktoren möglichst viel Strom produzieren und in die Nachbarländer – vor allem in die Schweiz, nach Spanien und Deutschland – exportieren.

Gerade für EDF ist der Export sehr wichtig. Das Unternehmen mit seinen fast 160.000 Mitarbeitern ist hoch verschuldet. Didier Anger, der Antiatomaktivist aus der Normandie, sieht darin den Hauptgrund dafür, dass der französische Staat sich so schwer damit tut, die Produktion von Atomstrom zu senken. Für den Staat sei die Branche von enormer Bedeutung, schon wegen der vielen Arbeitsplätze. Und die beiden wichtigsten Konzerne, EdF und Orano, das Nachfolgeunternehmen von Areva, gehören größtenteils dem Staat.

"Es ist eine Mischung aus privat und staatlich. Die Nuklearindustrie, das ist der Staat. Und der Staat, der setzt sich einfach durch."

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