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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.04.2018

„Endstation Sehnsucht“ am Berliner EnsembleThalheimers dunkle Implosion

Von André Mumot

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Sina Martens (als Stella) und Cordelia Wege (als Blanche), v.l., während der Fotoprobe zu Endstation Sehnsucht im Berliner Ensemble. Premiere ist am 21. April 2018. // Drama von Tennessee Williams. Regie Michael Thalheimer. Bühne Olaf Altmann. Kostüme Nehle Balkhausen. Berliner Ensemble Endstation Sehnsucht *** Sina Martens as Stella and Cordelia Wege as Blanche v l during the photo sample Endstation in the Berliner Ensemble Premiere is on 21 April 2018 Drama by Tennessee Williams Director Michael Thalheimer Stage Olaf Altmann Costumes Nehle Balkhausen Berliner Ensemble Endstation Sehnsucht (imago stock&people)
Sina Martens als Stella und Cordelia Wege als Blanche (von links) in "Endstation Sehnsucht" (imago stock&people)

Statt mit antiken Tragödien und deutscher Klassik versucht es Michael Thalheimer jetzt mit amerikanischer Melodramatik. Am Berliner Ensemble inszeniert er „Endstation Sehnsucht“ mit einer sensationellen Cordelia Wege in der Hauptrolle. Ein finsterer, hinreißender Triumph.

Es gibt einen Augenblick an diesem elektrisierenden Abend, an dem Blanche DuBois erklärt, was sie in die bedrückende Unterschichten-Wohnung ihrer jüngeren Schwester getrieben hat. Sie sucht "einen Spalt im Felsen der Welt, in dem ich mich verstecken kann." Bühnenbildner Olaf Altmann hat dieses ungastliche Versteck vor der Welt eins zu eins umgesetzt, als engen Schacht in einer angelaufenen massiven Kupfermauer, in dem sich die Darsteller kaum auf den Beinen halten können, so steil führt er hinab. Immer drohen sie abzustürzen, immer treibt sie der Sog nach unten, in den äußersten Winkel. Endstation Verzweiflung müsste dieser Abend im Grunde heißen.

Regisseur Michael Thalheimer inszeniert Tennessee Williams – kehrt den großen antiken Tragödien, den wuchtigen Dramen der deutschen Klassik am Berliner Ensemble den Rücken zu und versucht es mit amerikanischer Melodramatik. Das Ergebnis ist verblüffend, eine Reibungsverbindung, die weit mehr Funken schlägt als die letzten Thalheimer-Abende an Berliner Bühnen, zumal seine auf wenig Gegenliebe gestoßene Version von Brechts "Kaukasischem Kreidekreis". Wohl vor allem, weil er hier mit Darstellerinnen und Darstellern zusammenarbeitet, die auf atemberaubend flüssige Weise stilisierte Körpersprache und psychologische Glaubwürdigkeit zusammenbringen und zeigen: Das alte Thalheimer-Prinzip der psychologischen Pantomime kann noch immer in den Bann schlagen, wenn es Menschen in den Mittelpunkt rückt und keine Thesen.

Kein schwülstiges Nostalgiestück

Dabei fällt es leicht, die affektierten hysterischen Ausbrüche von "Endstation Sehnsucht" auf die leichte Schulter zu nehmen, Tennessee Williams’ Theater-Evergreen abzutun als schwülstiges Nostalgiestück ohne gesellschaftliche Relevanz. Thalheimer aber inszeniert den erotischen Sozialzusammenstoß anfangs böse komödiantisch und schließlich abgrundtief verstörend, als Geschichte einer Frau, die der Härte der Realität Lebenslügen entgegensetzt, einen Sinn für Schönheit, für Poesie, einen Ästhetisierungswunsch, der hoffnungslos an der hässlichen Wirklichkeit zerbricht.

Vor allem aber geht es ihm um häusliche Gewalt, um Verrohung und Geschlechterkampf. Auch um weibliche Sexualität, die, wann immer sie aggressiv wird, fordernd und selbstbestimmt, von den Männern mit Schlägen bestraft wird. Andreas Döhlers Stanley Kowalski, der seine Schwägerin am Ende vergewaltigt und sie so endgültig zerstört, ist aber nicht nur bedrohlicher Kraftmensch, sondern selbst Getriebener, ein Beschimpfter, der sich dagegen wehrt, "Polacke", "Affe" und "Untermensch" genannt zu werden, einer, der Witz hat und Charme, bei dessen furchterregenden Ausbrüchen es einem dann aber umso kälter den Rücken herunterläuft.

Trotziger Kampfgeist und fordernde Sinnlichkeit

Alles ist Ambivalenz, vor allem im Spiel von Cordelia Wege. Ihre Blanche DuBois ist weit entfernt von der oft nervtötenden, ins Lächerliche kippenden Manieriertheit, die dieser Figur seit jeher anhaftet. Stattdessen bricht bei dieser Premiere eine überraschende Härte aus ihr hervor, ein trotziger Kampfgeist und eine fordernde Sinnlichkeit, die sich an den ungeschickten, selbstverliebten Männern um sie herum die Zähne ausbeißt.

Sie spottet und tobt, verführt und kommandiert – und steigert sich hinein in einen Wahn, der vielleicht zu den aufregendsten Bühnenerlebnissen der letzten Jahre gehört. Diese herbe, panische, kluge Blanche kann man unmöglich vergessen, sie ist ein Schauspielfeuerwerk inmitten eines bravourösen Ensembles, denn bei allem Händeringen und Abstürzen, beim wilden Gestikulieren, bei Lach- und Zitteranfällen gibt Cordelia Wege ihre Figur nie der Lächerlichkeit preis, verrät sie keine Sekunde lang. Mit ihrem phänomenal fiebrigen Körper-, Stimmen- und Gedankenspiel bringt sie den ganzen Abend zu einer drängenden Implosion des Glücklichsein-, des blanken Dasein-Wollens, macht ihn zu einem finsteren, hinreißenden Triumph. 

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