Wirtschaftswachstum und Klimakrise

    Wir müssen zurück ins Jahr 1978

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    Ein Kind fährt mit einem orangenen Bonanza-Fahrrad über die Wiese.
    Es war nicht alles schlecht im Jahr 1978, meint Herrmann: Kinder hatten Bonanza-Fahrräder und "Star Wars" kam ins Kino. © imago / Gerhard Leber
    17.05.2022
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    Im Jahr 2035 soll Deutschland klimaneutral sein. Jede Hoffnung auf neue Technik oder „grünes Wachstum“ sei da fehlgeleitet, meint die Journalistin Ulrike Herrmann. Nur ein kontrolliertes Schrumpfen der Wirtschaft um 30 bis 50 Prozent werde uns retten.
    Es soll gerettet werden, was noch zu retten ist: SPD-Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze hat soeben bekannt gegeben, mit 100 Millionen Euro einen internationalen Fonds einzurichten, um weltweit Naturschutzgebiete zu erhalten. Schulze hofft zudem auf eine globale Aufbruchstimmung, um das Artensterben aufzuhalten.

    Viele Visionen, aber kein Fahrplan

    Ulrike Herrmann, Wirtschaftsjournalistin der taz, begrüßt solche Initiativen zwar, Naturschutz habe jedoch „keine Chance, wenn der Klimaschutz nicht gelingt“. Die Natur halte die Erderwärmung nicht aus. Und größte Ursache für das Artensterben sei die intensive Landwirtschaft:

    „Wenn wir die Arten retten wollen, dann müssen wir auf eine ökologische Landwirtschaft umstellen. Aber davon ist auch in Deutschland wenig zu sehen.“

    Ulrike Herrmann

    Herrmann schreibt gerade ein Buch zu der Frage, wie wir unsere Wirtschaft umbauen müssen, damit die Klimakrise noch aufzuhalten ist. Es gebe zwar viele Visionen, aber keinen Weg dorthin.

    Nur noch verbrauchen, was wir recyceln können

    Die Deutschen lebten immer noch so verschwenderisch, als könnte die Menschheit drei Erden verbrauchen. Die zentrale Frage sei deshalb: „Wie kommt man aus einem dynamisch wachsenden Kapitalismus, der auch wachsen muss, um stabil zu sein, in eine kleinere Kreislaufwirtschaft, in der man nur noch verbraucht, was man recycelt?“
    Herrmann zunächst seltsam klingende Antwort: Man müsse es machen wie die Briten ab 1939. Man brauche eine Art „Kriegswirtschaft“, die auf staatlicher Planung und Rationierung basiere. Die Wirtschaft müsse kontrolliert geschrumpft und die knappen Güter begrenzt werden, führt Herrmann aus.

    "Es wird keine neue Wundertechnik geben"

    Andere Wege hätten sich als illusorisch herausgestellt. Die Idee eines „grünen Wachstums“ sei ein Wunschtraum: Deutschland müsse innerhalb von 13 Jahren klimaneutral werden.
    In dieser kurzen Zeit werde es „keine neue Wundertechnik geben, sondern wir müssen den Wandel schaffen mit der Technik, die wir haben“, sagt Herrmann und erteilt damit jenen eine Absage, die noch immer auf neue Technik hoffen, um die aktuellen Probleme lösen zu können.

    Wie organisiert man eine schrumpfende Wirtschaft?

    Stattdessen müsse zum Beispiel die Windenergie ausgebaut werden. Der von ihr erzeugte Strom mache bisher nur 5,4 Prozent des Endenergieverbrauchs in Deutschland aus. Bei der Art und Weise, wie wir wirtschaften, müsse also grundsätzlich umgedacht werden, damit Deutschland bis 2035 klimaneutral werden kann:
    „Man wird die Wirtschaft ungefähr um 30 bis 50 Prozent schrumpfen müssen. Das ist jetzt nicht die Steinzeit“, sagt Herrmann. Ein Schrumpfen der Wirtschaft um 50 Prozent würde der aus dem Jahr 1978 gleichkommen.
    Die Menschen hätten damals gut gelebt: „Das Problem ist nicht der Endzustand. Das Problem ist: Wie organisiert man eine schrumpfende Wirtschaft?“, meint Herrmann.
    Ihr Buch „Das Ende des Kapitalismus. Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden“ soll im September erscheinen.
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