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Lesart / Archiv | Beitrag vom 23.10.2017

Emmanuelle Bayamack-Tam: "Ich komme"Ein bittersüßer Gesellschaftsroman

Von Dirk Fuhrig

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Buchcover von Emmanuelle Bayamack-Tams "Ich komme". Im Hintergrund: Ein Kind spielt auf einem Schulhof. (imagi/IP3press/Secession Verlag)
Buchcover von Emmanuelle Bayamack-Tams "Ich komme". Im Hintergrund: Ein Kind spielt auf einem Schulhof. (imagi/IP3press/Secession Verlag)

In "Ich komme" setzt sich das dicke, kleine Mädchen Charonne gegen alle Widerstände durch: Der neue Roman der französischen Autorin Emmanuelle Bayamack-Tam ist ein leidenschaftliches Plädoyer für das Unkonventionelle und für das Anderssein.

Ihr Name klingt - für französische Ohren zumindest - ungewöhnlich: Die Schriftstellerin hat den Nachnamen ihres ersten Ehemanns behalten, der aus Kamerun stammt. Für Emmanuelle Bayamack-Tam sind Herkunft und Hautfarbe Merkmale, die in unserer modernen Welt keine besondere Rolle mehr spielen sollten. Die Protagonistin in ihrem Roman heißt "Charonne", das Kind wurde von seiner leiblichen Mutter nach Sharon Stone, "Charonne" Stone genannt. In Frankreich klingt der Name ein bisschen wie "Mandy".

"Charonne ist nicht schwarz und nicht weiß, ihre Herkunft kennt man nicht genau. In ihr verschmelzen verschiedene Kulturen und soziale Milieus. Sie ist sehr 'von heute'. Mir gefällt die Idee, dass sie das zukünftige Bild Frankreichs repräsentieren könnte. Ob das wirklich so kommt, das wage ich nicht zu hoffen."

Ihre Hautfarbe scheint immer dunkler zu werden

"Ich komme" beginnt mit einer grotesken Szene: Ein wohlhabendes Ehepaar aus Marseille will Charonne, die sie als Fünfjährige adoptiert hatten, beim Jugendamt zurückgeben. Das Mädchen ist aufsässig, fügt sich nicht in die traditionelle, großbürgerliche Welt mit ihrem ungebrochenen Verhältnis zur hochproblematischen französischen Kolonial-Vergangenheit, Rassismus eingeschlossen. Vor allem aber: Charonnes Hautfarbe scheint immer dunkler zu werden, jedenfalls in der Wahrnehmung der Adoptivfamilie. Und noch dazu wird das Kind immer dicker und dicker – ein Affront für die Großmutter Lily, eine ehemalige Schauspielerin, die noch im hohen Alter penibel auf ihre Taille achtet:

"Sie verkörpert diese Stars der 50er- und 60er-Jahre mit ihren konformistischen Schönheitsidealen – blond, helle Augen, gertenschlank. Lily begreift nicht, dass sich Schönheit auch anders sehen und definieren lässt, vor allem wenn es um Charonne geht. Lily hat gut geheiratet, sie ist reich, erfolgreich, ihr wird von Männern der Hof gemacht – sie ist das Idealbild einer französischen Frau der Nachkriegszeit."

Lilys Tochter Gladys wiederum steht für die Generation Wirtschaftswunder, für die alles im Leben nur ein Frage von Geld ist. Daher glaubt sie auch, sie könne ein Adopotivkind umtauschen wie ein Produkt im Supermarkt. Das freche, adipöse Kind bringt die saturierte Welt in der Marseiller Villa ins Wanken. Der hoch ironische, pointiert geschriebene Roman sei keineswegs autobiografisch, darauf legt Emmanuelle Bayamack-Tam in unserem Gespräch großen Wert, aber dennoch aus ihrer eigenen Lebenserfahrung geschöpft:

"Ich bin in Marseille geboren und habe dort 23 Jahre gelebt. Die Familie meiner Mutter zählte zum Großbürgertum, war zum Teil sogar adelig. Mir ist dieses Milieu vertraut, von dem in meinem Roman die Rede ist."

Persönliches Versagen, Älterwerden, Generationenkonflikte

Emmanuelle Baymack-Tam hat aus ihrer ersten Ehe zwei Kinder. Ihr derzeitiger Ehemann stammt aus Algerien. Die Schriftstellerin betont, dass die zunächst so unwahrscheinlich klingende Adoptions-Rückgabe keineswegs einer absurden Fantasie entsprungen sei.

"'Ich komme' ist natürlich kein Thesenroman. Aber ich kenne tatsächlich in meiner unmittelbaren Umgebung Menschen, die verblüffend unreif sind und unfähig, Verantwortung zu übernehmen. In meinen Büchern lasse ich häufig junge Leute auftreten, die klüger und erwachsener sind als die Erwachsenen um sie herum. Wenn die Kinder das mitkriegen, haben sie keine Lust, selbst erwachsen zu werden. Und so geht der Gesellschaft das Empfinden für Verantwortung immer mehr verloren."

In "Ich komme" geht es um persönliches Versagen, ums Älterwerden, um Generationenkonflikte - vor allem aber um gesellschaftliche Strukturen. Um bis heute spürbare rassistische oder reaktionäre Haltungen in Teilen des französischen Bürgertums:

"Der Großvater in meinem Buch, der nicht möchte, dass die adoptierte Enkelin ihn beerbt, weil sie aus seiner Sicht 'schwarz' ist – so etwas kenne ich aus meiner eigenen Familie. Ein homosexueller Sohn hatte zusammen mit seinem Partner ein Baby adoptiert. Die Großeltern wollten auf keinen Fall, dass dieses Kind ihren Namen trägt und sie beerbt. Letztlich konnten sie es aber nicht verhindern. Diese Reflexe in Bezug auf das Blut und die Abstammung sind immer noch vorhanden und werden auch nicht so schnell verschwinden."

Bayamack-Tam ist Lehrerin

Emmanuelle Bayamack-Tam, Jahrgang 1966, ist im Gespräch konzentriert und ernst. Die Schriftstellerin hat ein fein geschnittenes, bleiches Gesicht; sie wirkt zerbrechlich, aber auch sehr entschieden. Bayamack-Tam ist Lehrerin an einem Oberstufengymnasium in einer der östlichen Vorstädte von Paris. Ihre Schüler stammen überwiegend aus Einwandererfamilien und prekären Verhältnissen:

"Ich habe im Laufe meines Berufslebens ganz unterschiedliche Milieus in Frankreich kennengelernt. Erst das Großbürgertum in Marseille, dann die tiefe Provinz in der Normandie, wo es nichts zu tun gibt, außer viel zu trinken. Und danach bin ich in die Pariser Banlieue gekommen. Die Eliten, die bei uns regieren, kennen dieses Vorstadt-Milieu kein bisschen. Sie haben nur Klischees im Kopf und wissen nicht, wie es in Wirklichkeit aussieht."

"Ich komme" ist kein politischer Roman, aber es steckt viel scharfe Gesellschaftskritik darin. Emmanuelle Bayamack-Tam tendiert zur linken Bewegung "Unbeugsames Frankreich" des Politikers Jean-Luc Mélenchon. Sie ist daher sehr skeptisch, was die Wirtschafts-Politik des neuen französischen Staatspräsidenten angeht:

"Macron macht Politik für die, die in den Zug einsteigen und nicht für die, die am Gleis stehen bleiben – so hat er das neulich gesagt, das war ein schrecklicher Satz. Ich – als Mensch und als Schriftstellerin – interessiere mich genau für die Leute, die auf dem Bahnsteig zurück bleiben."

Mit ihrer ganz eigenen Schönheit überzeugt

Charonne setzt sich gegen alle Widerstände durch. Das dicke, ja fette Mädchen geht als Siegerin aus einem Superstar-Gesangs-Wettbewerb im französischen Fernsehen hervor. Dort hat sie mit ihrer Stimme, ihrer Persönlichkeit – und ihrer ganz eigenen Schönheit überzeugt.

"Meine Romanfiguren leben sehr oft am Rande der Gesellschaft. Transsexuelle, Drogenabhängige, Menschen aus der Dritten Welt. Ich finde es schrecklich, wenn man Politik nur für die macht, die ihre Arbeit lieben, die studiert haben und sich einen ordentlichen Anzug leisten können. Es gibt viele Franzosen, die das nicht können. Und Frankreich ist reich genug, um denen zu helfen."

… sagt diese engagierte Schriftstellerin und verabschiedet sich freundlich, aber knapp. In ihren auch sprachlich so ausgefeilten Büchern – drei gibt es jetzt auf Deutsch – ist sie stets auf der Suche nach "Schönheit" dort, wo sie üblicherweise nicht gesehen wird. Ihre nonkonformistischen Anti-Helden wie Charonne sind – jedenfalls ihre – Stars der Zukunft.

Emmanuelle Bayamack-Tam: "Ich komme"
Aus dem Französischen von Christian Ruzicska
Secession-Verlag
400 Seiten, 25 Euro

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