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Zeitfragen | Beitrag vom 28.12.2020

ElternhaftMama und Papa sind im Gefängnis

Von Timo Stukenberg

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Spielgeräte für Kinder vor dem Hafthaus für weibliche Gefangene auf dem Gelände der JVA Billwerder. (Picture Alliance / dpa / Christian Charisius)
Spielplatz für Kinder in der JVA Billwerder: Etwa 100.000 Kinder in Deutschland haben Mütter oder Väter, die gerade eine Haftstrafe absitzen. (Picture Alliance / dpa / Christian Charisius)

Viele Strafgefangene in Deutschland sind auch Eltern. Mit der Inhaftierung beginnt für sie ein Kampf um ihre eigenen Kinder, um jede Minute miteinander, um die eigene Rolle als Vater oder Mutter und das Versprechen auf ein normales Familienleben.

Ein buntes Spielzimmer in einem Hinterhaus in Berlin-Mitte. Elly und ihr Vater Kola sind zu Besuch bei der Freien Hilfe, der Berliner Straffälligen-Hilfe.

In den Regalen der Berliner Straffälligen-Hilfe stapeln sich Gesellschaftsspiele und Malsachen, an der Wand hängt ein kleiner Basketballkorb, auf dem Boden liegt ein Spielteppich. Den Raum haben die Sozialarbeiterinnen des Projekts Aufgefangen für inhaftierte Eltern und deren Kinder eingerichtet. Elly und Kola nutzen die gemeinsame Zeit, um eine weiße Baseball-Kappe mit Textilfarben zu bemalen.

Elly ist elf Jahre alt und heißt eigentlich anders. Anonymität war für sie, wie für fast alle Menschen, die in diesem Beitrag zu Wort kommen, die Bedingung für ein Interview.

"Ich habe mir jetzt den Namen Elly überlegt, und die Elly mag gerne tanzen und liebt schreiben und halt auch Geschichten lesen und so. Momentan mag die Elly Jugendbücher, wo es um die Liebe und so geht."

Einige Stunden Besuchszeit pro Monat

Vor drei Jahren kam Ellys Vater ins Gefängnis. Seitdem lebt sie bei ihrer Pflegemutter. Ihren Vater kann sie im Moment zweimal pro Monat für zwei Stunden außerhalb der Anstalt sehen. Vor dem Ausbruch des Coronavirus‘ hat sie ihn regelmäßig im Gefängnis besucht.

"Man muss halt schon eine Stunde früher da sein. Er war auch mal in einem Gefängnis: Weil es sehr weit von mir weg war, mussten wir auch ewig lange fahren und auch ewig lange laufen. Und dann geht es halt so: Man muss erst mal viele Papiere und so ausfüllen und abgeben. Es ist alles sehr kompliziert. Man wird dann kontrolliert, ob man irgendetwas reinschmuggeln will. Wollten wir natürlich nicht. Und dann muss man erst einmal ewig lange in so einem Warteraum warten, der ist meistens einfach nur weiß oder so, also nichts Besonderes. Dann wird man von den Polizisten da abgeholt und wird dann in diesem Extrahaus dann da reingebracht, wo dann auch die Gefangenen warten. Und dann hat man da meistens eine Stunde oder so Zeit und kann dann halt alles bereden."

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Die meisten Gefangenen dürfen Besuch empfangen, um den Kontakt zu Freundinnen, Freunden, Partnerinnen, Partnern und Kindern zu halten. Telefonieren vom Anstaltstelefon ist teuer. Handys, mit denen die Gefangenen ihren Kindern zum Beispiel bei Whatsapp schreiben könnten, sind drinnen verboten.

Kein Besuch zu Beginn der Coronazeiten

Wie viel Kontakt Gefangene zu ihren Kindern haben dürfen, hat das Deutsche Institut für Menschenrechte 2017 bei den Justizvollzugsanstalten erfragt. Das Ergebnis: Mancherorts können Eltern ihre Kinder wöchentlich bis zu vier Stunden im Gefängnis empfangen. In anderen Anstalten ist lediglich eine Stunde pro Monat erlaubt. Kola erinnert sich an die Zeit, in der er noch keinen Ausgang hatte.

"Während der Haft war es in den ganzen Jahren, sag ich jetzt mal, einmal im Monat, manchmal sogar zweimal im Monat à eine Stunde. Dann hatten wir auch mal so ein oder zweimal drei Stunden. Und im Prinzip, wo ich in der Untersuchungshaft war – da war ich so circa ein Jahr lang –, da haben wir uns wirklich vielleicht nur eine Stunde gesehen. Es war wirklich sehr, sehr wenig und sehr, sehr mager."

Handabdrücke und Namen von Kinder von zu Freiheitsstrafen verurteilten Müttern sind an einer Fensterscheibe zu sehen. (Picture Alliance / dpa / Julian Stratenschulte)Nur eine Erinnerung: Während der Pandemie mussten die Häftlinge zu Beginn ganz auf Besuch verzichten. (Picture Alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Zu Beginn der Corona-Pandemie hatten die Justizverwaltungen überall in Deutschland erstmal sämtliche Besuche untersagt. Zu groß war die Angst, dass Besucherinnen und Besucher und insbesondere Kinder das Virus in die Anstalt trügen – und es sich dort unkontrolliert ausbreitet. Mittlerweile finden die Besuche vielerorts hinter Plexiglasscheiben statt, ganz ohne Körperkontakt.

Die Rolle als Eltern hinterfragen

Elly ist eines von rund 100.000 Kindern in Deutschland, denen mindestens ein Elternteil fehlt, weil Mutter oder Vater im Gefängnis sitzen. Das ist das Ergebnis der sogenannten COPING-Studie der Universität Dresden und der Nürnberger Straffälligen-Hilfe Treffpunkt aus dem Jahr 2013. Können Eltern unter diesen Umständen trotzdem für ihre Kinder da sein? Wie lässt sich die Verbindung aufrechterhalten? Und was bedeutet es, hinter Gittern ein guter Vater oder eine gute Mutter zu sein?

Erinnerungen einer Mutter, die 2018 inhaftiert und mittlerweile wieder entlassen wurde: "Wir hatten da im geschlossenen Vollzug so einen Spielraum. Dann habe ich mich ganz gerne mit ihr dorthin zurückgezogen, weil: Ich wollte sie nicht so präsentieren. Es gab schon die Möglichkeit, auf den Hof zu gehen, aber das wollte ich einfach nicht. Das ist so mein Moment und ich wollte nicht, dass 40 Frauen das beobachten. Es fängt dann schon so eine halbe Stunde vorher an zu kribbeln. Ich habe mir dann auch immer eine Uhr geben lassen, dass ich nicht so ganz Knall auf Fall sie wieder abgeben muss. Aber es ist dann schon: Wenn man dann so weiß, jetzt musst du sie wieder weggeben für eine Woche, das krampft schon ganz schön arg im Herz. Die Minuten dann, nachdem die Tür dann wieder zugegangen ist und die Kleine weg war, da war ich auch erstmal ein bisschen durch im Kopf und musste auch erstmal für mich bleiben."

"Natürlich fühle ich mich schuldig"

Hohe Mauern, lange Wartezeiten, Enge, Zeitdruck, Stacheldraht, Taschenkontrolle – auch bei den eigenen Kindern. Das Gefängnis zwingt die Inhaftierten auch, ihre eigene Rolle als Eltern zu hinterfragen.

"Haftbedingt, was im Rahmen des Möglichen ist, sagt jeder zu mir: Ich bin die perfekte Mutti. Aber als perfekte Mutti sehe ich mich nicht. Ich sehe es so: Ich habe als Mutti versagt. Und das nicht nur einmal, sogar zweimal, ja einmal schon mit Romy und dann im zweiten Zug beide Kinder, die ich verletzt habe, wo ich versagt habe", sagt Nicole, 37 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern, bei einem Spaziergang während ihrer Freistunden. Ihre erste Haftstrafe wegen eines Raubüberfalls hatte sie im Frauenvollzug in Chemnitz abgesessen. Ihre ältere Tochter Romy war da gerade 13 Monate alt. 

"Natürlich fühle ich mich schuldig – und bin ich auch schuldig. Es wurde mit dem Finger geschnipst, und ich bin mit losgezogen, wenn wir es mal so krass ausdrücken. Anstatt zu sagen: Nein, ich ziehe nicht mit. Ich mache nicht mit. Ich habe ein Kind. Ich bin Mutter. Nein, ich bin mitgezogen. Ich habe immer die Abenteuer gesehen, immer Action. Ja nicht zu lange zu Hause seien, immer auf Achse sein, immer irgendwo unterwegs sein: Ob mit Kind oder ohne Kind, das war mir egal."

Als sie nach ihrer ersten Gefängnisstrafe entlassen wurde, habe sich erst einmal nichts geändert, sagt sie: Drogen, schnelles Geld, falsche Freunde. Nur wenig später wurde sie erneut zu einer Haftstrafe verurteilt. Wieder ging es um Raub. In der Zwischenzeit hatte sie ihre zweite Tochter bekommen. Die Geburtsjahre ihrer Töchter hat sie auf ihren Fingergliedern tätowiert.

"Eine ideale Mutti oder eine perfekte Mutti ist für ihre Kinder immer da, hat ein strukturiertes, geradliniges Leben, steht mit festen Beinen im Leben und weicht nicht irgendwelchen freudigen Machenschaften teilweise aus, sondern weiß, dass die Kinder einen brauchen, weiß, dass das wichtig ist – und nicht nur, was andere sagen. Das ist eine ideale Mutti. Die war ich halt nicht immer, und gutmachen kann ich es nicht."

Die eigenen Qualitäten als Mutter oder Vater erkennen

Sabine Zschüttig vom Institut für genderreflektierte Gewaltprävention (IFGG) leitet Coachings für Mütter und Väter in Justizvollzugsanstalten in Berlin und Brandenburg. Sie entwickelt und hinterfragt mit Gefangenen deren Vorstellungen, Ansprüche und Erwartungen ans Elternsein. Viele Gefangene brächten durchaus Qualitäten mit, die als Elternteil sehr nützlich sein könnten, sagt sie.

Ein Insasse hält seine Tochter in den Armen. (Picture Alliance / dpa / Nicolas Armer)In Coachings in den Justizvollzugsanstalten geht es auch darum, wie man im Gefängnis ein guter Vater oder eine gute Mutter sein kann. (Picture Alliance / dpa / Nicolas Armer)

"Sie haben Kompetenzen und Strategien entwickelt, Überlebensstrategien teilweise, die sie teilweise in die Haft gebracht haben, aber die auch, wenn man die so ein bisschen reframed, also umdeutet oder umwidmet, auch sehr nützlich sein können für den Umgang mit den Kindern: Dinge gut organisieren zu können, Dinge strukturieren zu können, sich Dinge beschaffen zu können, selbstständig Dinge erledigen zu können. Da haben sie auch ein Stück weit Vorbildfunktion. Und diese Elemente, die reframen wir teilweise, also benennen wir um, stellen die in einen anderen Kontext, in einen anderen Rahmen und versuchen das, was schon da ist, auch nutzbar zu machen im Umgang mit der Noch-Partnerin."

Zu hohe Ansprüche an sich als Elternteil

Zum Stichtag im März 2020 waren in Deutschland laut Statistischem Bundesamt rund 59.000 Menschen im Gefängnis. Nur sechs Prozent darunter sind im Frauenvollzug eingesperrt. Doch unter ihnen seien knapp 80 Prozent Mütter, schätzt Sabine Zschüttig. Sie machten sich häufig besonders schwere Vorwürfe.

"Die Frauen waren und sind doch schon immer mehr mit der Kindererziehung beschäftigt gewesen vor der Inhaftierung. Das war doch mehr ihr eigentlicher Zuständigkeitsbereich, mehr als der der inhaftierten Väter. Und die Vorstellung von Mutterschaft, die – das machen wir auch in den Coachings –, wenn man die auf die konkrete Situation so runterbricht, manchmal auch so ins Wanken gerät. Nicht wenige haben so die Idee, sie müssten die perfekte Mutter sein. Sie müssten immer alles richtig machen, nie schimpfen, immer 24/7 zur Verfügung stehen – nur dann sind sie eine gute Mutter, aufopfernd." 

Auch wenn dieser Anspruch überzogen ist: Die monate- und jahrelange, erzwungene Abwesenheit ihrer Mütter oder Väter ist für die Kinder oft nur schwer zu ertragen.

"Die Kinder wünschen sich schon in der Regel viel Präsenz, dass die Eltern präsent sind, für sie da sind, wenn sie Kummer haben, aber auch wenn es ihnen gutgeht, wenn sie Dinge mit Erfolg bewältigt haben. Kinder wünschen sich Eltern, die stolz auf sie sind, die präsent sind. Und da klafft es manchmal schon auseinander, dass Kinder erkennen, auch schmerzlich erkennen, dass der jeweilige Elternteil nicht in dem Maße präsent ist."

"Bei Jolene war es sogar spürbar mit ihren dreizehneinhalb Monaten", erzählt Nicola von ihrer Tochter. "Sie war fast sauber, also braucht teils keine Windeln mehr. Sie hat schon schön gesprochen. Sie hat von heute auf morgen nicht mehr gesprochen, über ein halbes Jahr lang bei den Pflegeeltern. Es ging immer nur höchstens: Mama, Papa, da, da, da. Und sie hat ja ihren Willen gekriegt. Die Windel brauchte sie schlagartig durchgehend wieder. Peu à peu mussten das die Pflegeeltern in den Griff kriegen."

"Im Alltag fehle ich halt ganz einfach"

"Wir haben eine ganz innige Beziehung. Mein Sohn ist alles für mich. Und er braucht halt ganz einfach nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater. Gerade jetzt, wo er in die Pubertät kommt, ist das halt ganz extrem belastend. Wir telefonieren ja regelmäßig miteinander, aber ein Telefonat ersetzt natürlich keinen persönlichen Kontakt oder Alltagssituationen. Im Alltag fehle ich halt ganz einfach."

Ein Insasse spielt an einem Tisch mit seinen Kindern das Memory Spiel "Gefängnis - so lebt Papa". (Picture Alliance / dpa / Nicolas Armer)Das Memory-Spiel "Gefängnis - So lebt Papa" des Nürnberger Straffälligenhilfe-Vereins Treffpunkt soll Kindern ermöglichen, mit der Situation besser umzugehen. (Picture Alliance / dpa / Nicolas Armer)
Ein Anruf vom Anstaltstelefon der Berliner JVA Plötzensee im Mai 2020. Zu diesem Zeitpunkt sind die Besuche seit knapp zwei Monaten wegen des Infektionsschutzes eingestellt. Ein 54 Jahre alter Vater, inhaftiert wegen einer Insolvenzstraftat, sorgt sich um seinen 13-jährigen Sohn.

"Dadurch, dass ich halt inhaftiert bin und er natürlich auch seinen Papa nicht hat, bemerkt man es halt auch, dass er psychisch sehr angeschlagen ist, was sich dann in Frustessen bemerkbar macht und er entsprechend auch an Gewicht zugenommen hat. Mit 13 Jahren hat er jetzt knapp 100 Kilo, ist natürlich da total übergewichtig, wo meine Frau natürlich versucht, alles dagegenzusetzen, was man da irgendwo dagegensetzen kann. Aber es ist halt einfach die Psyche."

Wie den Kinder die Gefängnisstrafe erklären?

Neben praktischen Überlegungen wie Besuchszeiten und der Versorgung der Kinder draußen, teilen viele Eltern in Haft eine weitere Sorge: Wie erkläre ich es meinem Kind? Mit der Wahrheit oder einer Notlüge? Erfinde ich eine detaillierte Legende oder hoffe ich, dass meine Kinder nicht nachfragen?

"Sie war ja damals erst zwei Jahre", erinnert sich eine Mutter an die Gespräche mit ihrer Tochter, als sie 2018 in Haft kam. "Ich hatte nicht viel Zeit, es ihr zu sagen. Ich habe nur gesagt: Mama kommt wieder. Jetzt aktuell reden wir nicht mehr darüber. Es kamen jetzt auch von ihr keine Fragen mehr auf. Ich denke einfach, oder so kommt es auch bei mir an, dass sie das einfach relativ gut weggesteckt hat. Ich denke halt auch, weil ich mit ihr täglich im Kontakt geblieben bin. Ich musste sie ja nur räumlich verlassen. So war ich gedanklich ja immer bei ihr und hab ihr das auch zeigen können." 

Plüschfiguren liegen in einem Spielzimmer mit vergitterten Fenstern herum. (Picture Alliance / dpa / Monika Skolimowska)Wie viel Zeit Gefangene mit ihren Kindern verbringen dürfen, ist von Gefängnis zu Gefängnis unterschiedlich. (Picture Alliance / dpa / Monika Skolimowska)
"Meine Tochter hat gedacht, ich bin im Krankenhaus. Erst habe ich gesagt, ich gehe für das Abnehmen dahin. Das ist so eine Kur und so. Und die erste Zeit, wo ich noch nicht raus konnte, gab es immer mittwochs Kinder-Spielstunde. Dann durften die zwei Stunden kommen. Man darf natürlich da nicht mit den Kindern spazieren gehen. Es gibt ein Zimmer und einen Hof, wo man mit den Kindern zusammensitzt, und die Beamten mussten immer meine Kinder rausreißen. Also sie hat dann immer gesagt: Doktor, bitte lass meine Mutter nach Hause – und so. Sie wurde herausgezerrt."

Notlüge oder ehrlich antworten?

In einem Hinterzimmer in einem Café in Berlin-Wedding sitzt die Mutter von zwei Kindern an einem runden Tisch. Sie saß neun Monate in Haft und ist auf Bewährung draußen. Weswegen sie im Gefängnis saß, will sie nicht sagen. Auch in der Schule, auf die ihre Tochter und ihr älterer Sohn gehen, versuchte sie anfangs noch ihre Inhaftierung geheim zu halten. Doch für ihre Tochter war die Geheimniskrämerei unerträglich.

"Ich bereue es jetzt. Hätte ich ihr lieber nicht Krankenhaus gesagt, weil ich sie damit auch sehr verletzt habe. Sie hat gesagt: Aha, Krankenhaus, da kann was nicht gut sein. Vielleicht passiert Mama was. Stirbt Mama jetzt? Sie hat immer so ganz schlechte Gedanken gehabt. Sie hat sich selbst zerstört, Haare geschnitten, sich wehgetan, weil ich nicht da bin. Da musste ich das veröffentlichen, sozusagen. Bei ein, zwei Vertrauenslehrern habe ich das auch gemacht, und die haben dann auch Berichte an meine Sozialarbeiterin geschrieben, dass es den Kindern nicht gut geht, dass ich dann zum Beispiel statt 16 Uhr, 15 Uhr Ausgang haben soll, dass ich dann in der Schule zumindest die Kinder abholen kann."

Ihr Sohn wusste Bescheid, habe sie aber nach den ersten Besuchen im Gefängnis nicht wieder dort besucht, erzählt sie. Es habe ihn zu sehr belastet.

"Er hat mich auch am Telefon so unterstützt. Er hat gesagt: Mama, was willst du noch? Du kommst doch. Er hat immer versucht, so ein bisschen den Starken zu spielen und so. Und ich habe dann auch gesagt, ja, ich hab ein bisschen übertrieben natürlich: Ja, es läuft alles gut. Ich war heute mit den Mädels im Kino. Weil ich wollte halt nicht, dass es ihm so wehtut."

Wie lässt sich unter den Haftbedingungen ein gesundes Verhältnis zu den eigenen Kindern aufbauen oder bewahren?

"Ich habe mir für die Zeit, die sie dann bei mir war, einfach Dinge ausgedacht, um ihr das alles so normal wie möglich zu gestalten: halt zu malen, zu lesen. Ich habe für sie gebacken auch. Ich habe ihr immer ein Obstkörbchen mitgebracht und so Dinge. Und ich hatte dann auch das Glück, dass ich im offenen Vollzug gewesen bin, was es mir ermöglicht hat, zweimal die Woche nach Hause zu fahren. Das war dann schon sehr, sehr hilfreich."

Der offene Vollzug bringt ein Stück Normalität zurück

Der offene Vollzug ist für viele Inhaftierte und deren Kinder eine Erlösung. Wenn Eltern raus dürfen, um zuerst für ein paar Stunden, später auch tageweise oder gar über Nacht die Anstalt zu verlassen, kann wieder ein Stück Normalität in das Verhältnis von Eltern und Kindern zurückkommen.

In Berlin sind mit rund 30 Prozent der Inhaftierten verhältnismäßig viele Gefangene im offenen Vollzug untergebracht. In Bayern hingegen gilt der geschlossene Vollzug als die Regel. Auch wie oft die Gefangenen mit ihren Kindern telefonieren dürfen und ob es wegen der Corona-Pandemie Videotelefonie als Ersatz für die gestrichenen Besuche gab, ist von Bundesland zu Bundesland, oft sogar von Anstalt zu Anstalt, unterschiedlich.

Dass sich Gefängnisse auf die speziellen Bedürfnisse von Eltern und deren Kindern einstellen sollten, ist eine relativ neue Idee im deutschen Strafvollzug. Einige Bundesländer versuchen unter dem Schlagwort "familienorientierter Vollzug", die Härten des Gefängnisses insbesondere für betroffene Kinder zu reduzieren. Sabine Zschüttig vom Institut für genderreflektierte Gewaltprävention:

"Familienorientierter Vollzug hat ganz viele Facetten. Das fängt damit an, dass es mehr Besuchszeiten, mehr Besuchskontakte für Angehörige und Partner gibt, aber auch für die Kinder, mehr und länger – mehrfach im Monat und mehr Stunden. Die Gestaltung der Hafthäuser oder auch des Besuchsbereichs, dass der familienorientierter oder kinderfreundlicher gestaltet wird, von der Einrichtung her, von der Farbgebung her. Was ist für ein Mobiliar da? Was für Spielmaterial ist da? Dass es auch Einzug hält in die Ausbildung des Allgemeinen Vollzugsdienstes: die Menschen, die die Inhaftierten zuführen in den Besuchsbereich oder die auch auf den Stationen mit den Inhaftierten arbeiten."

Vom Wohlwollen anderer abhängig

Verbreitet ist dieses Konzept bislang nur in wenigen Bundesländern. Laut der Erhebungen des Deutschen Instituts für Menschenrechte kommt es auf die Initiative engagierter Einzelpersonen an. Viele Inhaftierte hoffen deshalb auf den offenen Vollzug. Der Wunsch nach Kontakt mit dem eigenen Kind kann so Ansporn und Druckmittel zugleich sein. Wollen Gefangene mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, müssen sie zum Beispiel mit den Sozialarbeiterinnen und -arbeitern in Haft zusammenarbeiten. Dazu kommt die Abhängigkeit vom Wohlwollen der Pflegeeltern, aktueller oder ehemaliger Partnerinnen und Partner, wie diese ehemalige Inhaftierte berichtet.

"Er saß natürlich während der Zeit meiner Inhaftierung am längeren Hebel, weil er ja das Kind mehr oder weniger so als Machtinstrument hatte. Wenn er schlechte Laune hatte, habe ich oftmals gedacht: Der verbietet mir die jetzt, der verbietet den Besuch. Und er war halt auch phasenweise sehr unkooperativ. Das war schon ein Kampf mit ihm. Das muss man in dem Moment in sich reinfressen. Was bringt es, sich in dem Moment aufzuregen? Da hat man keine Chance. In diesem Moment hat man keine Chance." 

Ein Kinderwagen und Kinderbetten stehen in einem Raum mit vergitterten Fenstern. (Imago / viennaslide)Feste Strukturen und Zuverlässigkeit zählen: Manchmal bietet die Haft auch eine Chance, sich an das Elternsein herantasten zu könnten. (Imago / viennaslide)
Sabine Zschüttig sieht in der Haft aber auch eine Chance, mit der sich Inhaftierte langsam an das Elternsein herantasten könnten.

"Nicht wenige inhaftierte Männer wie Frauen kommen nicht unbedingt aus sehr strukturierten Familien und lernen durch die Haft, sich den Alltag zu strukturieren. Das erleben manche Inhaftierte teilweise zum ersten Mal in Haft, durch die Haftsituation. Das ist was teilweise Überstrukturiertes, sicherlich. Aber manchen hilft das auch, überhaupt erst einmal mit dem Haftalltag klarzukommen. Und übertragen auf Kinder: Kinder sind ja sehr konservativ. Kinder brauchen vielfach erstmal eine Rahmung, eine Strukturierung des Alltags, des Lebens, eine Zuverlässigkeit. Und wenn ich als Eltern gelernt habe: Zuverlässigkeit gibt mir selber Sicherheit, dann kann ich das auch leichter übertragen auf eine Situation, die vielleicht ein Kind braucht." 

"Man muss halt selbst schauen, dass man ganz einfach die Hoffnung trotzdem weiter aufrechterhält, nicht selbst in Mitleid verfällt", sagt der 54-jährige Vater, der in der JVA Plötzensee in Haft ist. "Letzten Endes habe ich mir das selbst eingebrockt, dass ich hier bin, und muss aber trotzdem gleichzeitig dann auch der Familie und insbesondere meinem Sohn das Gefühl geben, dass man bald wieder da ist und dass man weiterhin Vater ist. Und eine Perspektive letzten Endes in Aussicht stellen, woran dann jeder auch für die Zukunft glaubt." 

Ähnlich sieht das auch Nicole, Mutter zweier Kinder: "Irgendwann sind die wieder bei mir. Und jetzt habe ich eigentlich, ich bin zwar Mutti, aber eigentlich ein mutti-freies Leben, sozusagen: meine Freiheit, meine Freizeit. Ich muss nicht gucken: Ich muss den Kindern Abendbrot machen oder dies, das, jenes, sondern es liegt ja nichts weiter an. Spätestens in zwei Jahren sieht es anders aus. Dann kann ich nicht sagen: Nein, ich komme mit, sondern dann heißt es: Ich bleibe zu Hause. Meine Kinder haben lange genug von mir nichts gehabt. Ich bin Mutti, ich möchte Mutti sein, geht ihr mal alleine!"

Die Silhouette einer Mutter, die mit ihrem Baby spielt. (Picture Alliance / dpa / Julian Stratenschulte)Im Offenen Vollzug kann wieder ein Stück Normalität in das Verhältnis von Eltern und Kindern zurückkommen. (Picture Alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Die Entlassung ihres Vaters sehnt auch die elfjährige Elly herbei. "Auf jeden Fall wollen wir noch vieles nachholen. Früher sind wir zusammen schwimmen gegangen und so und haben halt immer Hai und Jäger gespielt. Da gibt es halt in manchen Schwimmbädern immer so zu einer bestimmten Zeit, kriegt man dann so Spielsachen raus. Und dann haben wir uns immer so ein Brett genommen und haben uns dann immer rauf gelegt und der Hai also, es war immer mein Papa, musste mich dann immer an den Füßen runterziehen. Er hat mir da auch Schwimmen beigebracht. Ja, das hat mir sehr geholfen, weil ich dann mein Silber geschafft habe. Ich denke, wir werden auf jeden Fall erst einmal schwimmen gehen. Das wäre mein Wunsch für meinen Geburtstag oder so."

"Ich möchte eine Wohnung beziehen", sagt ihr Vater. "Ich möchte einen festen Arbeitsplatz haben. Ich möchte meiner Tochter das Gefühl geben, dass die wirklich keine Angst mehr haben muss, dass Papa wieder im Gefängnis landet. Wie gesagt: Ich möchte ihr zeigen, dass diese Haft nicht umsonst war und dass diese Haft mich als Mensch verändert hat, mich reifer gemacht hat. Ich habe gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Ich habe gelernt, dass ich mit dem Schmerz nicht mehr umgehen möchte, weil es wirklich tiefsitzender Schmerz ist."

Bis es soweit ist, müssen sich die beiden noch ein paar Monate gedulden. Ein Abschiedsselfie und einige kurze Absprachen mit den beiden Sozialarbeiterinnen später stehen sie an der Tür. Wichtig ist es, jetzt nicht zu spät zu kommen, um die erlaubte Ausgangszeit nicht zu riskieren.

Sprecher: Timo Stukenberg
Regie: Clarisse Cossais
Ton: Ralf Perz
Redaktion: Carsten Burtke

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