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Buchkritik | Beitrag vom 19.03.2020

Elizabeth Strout: "Die langen Abende"Ein Monster namens Unglück

Von Gabriele von Arnim

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(Luchterhand / Deutschlandradio)
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Elizabeth Strout ist eine feinnervige Beobachterin der Spezies Mensch. In dem Roman "Die langen Abende" erzählt sie von Liebe im Alter und von Menschen, die ihren unausgesprochenen Gefühlen ausgeliefert sind - ratlos und hilfsbedürftig.

Vor gut zehn Jahren hat die amerikanische Autorin Elizabeth Strout einen Roman geschrieben, der im Original "Olive Kitteridge" heißt (der deutsche Titel war: "Mit Blick aufs Meer"). Für das Buch bekam sie den Pulitzer Preis. Olive, eine so bärbeißige wie sensible Person - strenge Lehrerin, grobe Ehefrau eines enervierend gutmütigen Mannes und herrische Mutter - war meist Haupt-, in manchen Kapiteln auch nur Randfigur in dem Episodenroman über sie und das kleine Städtchen Crosby an der Küste von Maine.

Jetzt hat Strout ihre Heroine von damals wieder zum Leben erweckt. "Olive, again" lautet denn auch der englische Titel. Olives Mann ist gestorben, das Leben geht weiter, und Olive schreitet couragiert in eine Beziehung mit einem dickbäuchigen Witwer, einst schlanker Professor in Harvard, der genau so einsam ist wie sie.

Olive und Jack ziehen mutig zusammen und heiraten. Wenn sie sich zanken, sehnen sie sich mit fast kindlichem Trotz nach ihren früheren Partnern. Meist allerdings sind sie zufrieden, ja sogar glücklich, zusammen zu sein.

Sie haben Geld, Reiselust, und die derbe Olive lernt, sich verwöhnen zu lassen. Vom Erste Klasse-Flug bis zur Pediküre freut sie sich grinsend über Annehmlichkeiten, für deren Genuss sie andere Menschen früher verachtet hatte.

Wut und Verlogenheit

Strout malt hier kein Werbeplakat für das angeblich so golden glänzende Alter und schreibt auch keine liebliche Schmonzette über Liebe unter Senioren. Dafür ist diese Autorin zu pragmatisch, zu unsentimental, zu nah am räudigen Leben.

Jack hat gerade eine Prostataoperation hinter sich und ist teilweise inkontinent, Olive ist fast so fettbäuchig wie er, und wenn die beiden dicken alten Leiber einander umschlingend im Bett liegen, kommt eher Rührung als Romantik auf beim Leser.

Immer wieder sind wir in diesem so malerischen und freundlichen Ort am Meer unterwegs, in dessen Häusern sich genau so viel Unglück und Zwist, Wut und Verlogenheit auftürmen wie überall sonst. Das interessiert Strout. Von Menschen zu erzählen, die ratlos in ihren nicht nur unausgesprochenen, sondern auch ungewussten Gefühlen hocken, in ihren hilfsbedürftigen Verstocktheiten.

Ein gutes Herz, in dem es wüst zugeht

Oft nur in wenigen Zeilen, in kurzen Dialogen fächert die Autorin ganze Einsamkeits- und Angstwelten auf. Da ist die Frau, die an Krebst stirbt. Mann und Söhne tun so, als hätte sie eine Grippe, Freunde bleiben weg. Olive kommt und redet mit ihr. Auch über das Sterben und den Tod. Und tut es so wohltuend lauter und reell, dass die Frau nun besser umgehen kann mit ihrer Situation.

Ausgerechnet die ruppige Olive, der viele Leute im Städtchen aus dem Weg gehen, ist da, wenn Menschen von dem zähnefletschenden Monster namens Unglück bedroht werden. Sie hat ein gutes Herz, in dem es wüst zugeht. Auch jetzt noch. Aber Olive lernt, eigene Fehler zu sehen, lernt, weniger garstig zu denken und zu sein – jedenfalls versucht sie es.

Strout flicht keine poetischen Girlanden. Das Buch ist vielleicht keine große Literatur - aber eine großartige Wirklichkeitsannäherung und eine feinnervige Entzifferung der Spezies Mensch.

Elizabeth Strout: Die langen Abende
Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth
Luchterhand Verlag, München 2020
352 Seiten, 20 Euro

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