Elizabeth Kolbert: "Wir Klimawandler"

    Mit Manipulation der Natur gegen die Manipulation der Natur

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    Cover des Buchs "Wir Klimawandler" von Elizabeth Kolbert.
    Lehrreich, geistreich und dezent ironisch: Elizabeth Kolberts "Wir Klimawandler". © Deutschlandradio / Suhrkamp
    Von Konstantin Sakkas · 28.08.2021
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    Per Geoingeneering wollen Forscher die Erderwärmung stoppen. Sind ein künstlich weiß gefärbter Himmel oder durch Genmanipulation aufgehellte Wälder die Lösung? Die Pulitzer-Preisträgerin Elizabeth Kolbert äußert sich in ihrem neuen Buch skeptisch.
    Mit Geoengineering soll der Klimawandel bekämpft werden. Etwa, indem ausgestoßenes CO2 in Gestein gebunden wird. Oder indem Schwefeldioxidpartikel – oder gar Diamanten – in die Stratosphäre ausgebracht werden, um die Sonneneinstrahlung zu vermindern und dadurch die Erderwärmung aufzuhalten. Der Himmel wäre dann nicht mehr blau, sondern weiß.

    Albedoeffekte und Genmanipulation

    Um die Folgen seiner Eingriffe in die Natur zu korrigieren, greift der Mensch erneut in die Natur ein. Das hat seinerseits fragwürdige Folgen: In den USA versucht man, in die Großen Seen eingeschleppte Karpfen dadurch fernzuhalten, dass man bestimmte Wasserabschnitte unter Strom setzt.
    In Louisiana wurde seit dem 18. Jahrhundert der Mississippi massiv eingedeicht – damit aber zugleich die Bildung von neuen Ablagerungen unmöglich gemacht, so dass dort sukzessive Land verloren geht. Und um CO2 abzuscheiden, indem man es in Gestein bindet, müsste man riesige Mengen an Basalt abbauen.
    Selbst die populäre Idee, großflächig Wälder aufzuforsten, die so zusätzlich CO2 binden könnten, ist nicht unproblematisch. Denn Grünflächen verringern den Albedoeffekt, das heißt, eintreffendes Sonnenlicht wird nicht mehr zurückgeworfen, sondern absorbiert.
    Mehr Wald bedeutet deswegen mehr gespeichertes CO2, aber auch mehr Wärme, die auf der Erde bleibt. Um dieses Dilemma aufzulösen, könnte man, so legt die Journalistin und Pulitzer-Preisträgerin Elizabeth Kolbert in ihrem Buch "Wir Klimawandler" nahe, genmanipulierte hellere Bäume züchten.

    Zwei Drogen auf einmal

    Kolbert sieht Geoengineering skeptisch. Es gleiche dem Versuch, einen Heroinsüchtigen mit Amphetaminen zu behandeln. "Das Endergebnis", schreibt sie, sei "die Abhängigkeit von zwei Drogen statt einer".
    Trotzdem weiß sie, dass wahrscheinlich kein Weg daran vorbeiführt. Und auch der Weltklimarat sieht das so. Die Reduktion von CO2-Emissionen allein wird die eskalierende Erderwärmung nicht aufhalten können - das ist unter Wissenschaftlern und Politikern weltweit common sense.
    Kolbert ist ein lehrreiches und auch geistreiches Buch gelungen, an vielen Stellen blitzt dezente Ironie auf. Wer es liest, ist auf dem neuesten Stand der Geoengineering-Konzepte und lernt mancherlei Kurioses.
    Eine Lektion stimmt nachdenklich: Große Klimaschwankungen herrschten auch während der letzten Kaltzeit, da lebte der Mensch noch in Höhlen. Die Stabilität des Klimas im Holozän, also während der letzten 12.000 Jahre, ist einzigartig. Nun könnte es mit dieser Konstanz vorbei sein. Selbstverschuldet, ja – aber auch der menschengemachte Klimawandel bestätigt am Ende die Allmacht der Natur.

    Elizabeth Kolbert: "Wir Klimawandler"
    Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff
    Suhrkamp, Berlin 2021
    239 Seiten, 25 Euro

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