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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.02.2019

Elena Ferrantes "Meine geniale Freundin"Ein Weltbestseller kommt auf die Bühne

Felicitas Brucker im Gespräch mit Shanli Anwar

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Schauspielerin Lorena Handschin als Lila in der Bühnenadaption von Elena Ferrantes "Meine geniale Freundin" am Nationaltheater in Mannheim, Regie: Felicitas Brucker. (Hans Jörg Michel / NTM)
Schauspielerin Lorena Handschin als Lila in der Bühnenadaption von Elena Ferrantes "Meine geniale Freundin" am Nationaltheater in Mannheim. (Hans Jörg Michel / NTM)

Regisseurin Felicitas Brucker inszeniert Elena Ferrantes "Meine geniale Freundin" am Nationaltheater Mannheim. Aber lässt sich solch dicker Wälzer auf die Theaterbühne bringen? – Ja, meint Brucker, weil der Roman "tolle Figuren und Konfliktpunkte" biete.

Es ist eine Hommage an eine Frauenfreundschaft, die ihren Lauf nimmt in einem ärmlichen Viertel im Neapel der 50er-Jahre. Und es ist ein Weltbestseller geworden: "Meine geniale Freundin" ist der Anfang der Romanreihe, geschrieben unter dem Pseudonym Elena Ferrante. Insgesamt wurden es vier Bände, die fünf Millionen Mal weltweit verkauft wurden, übersetzt in 40 Sprachen. Auf Hunderten Seiten beschreibt Ferrante die Lebensgeschichte von Lila und Elena.

Einen solchen Wälzer und Weltbesteller auf die Bühne zu bringen, scheint eine fast unlösbare Aufgabe. Regisseurin Felicitas Brucker hat dies trotzdem gewagt.

Probleme des Romans "sind heute noch aktuell"

Natürlich habe sie für die Bühnenadaption jede Menge weglassen müssen, trotzdem finde sie den Roman "sehr theatral". Er eigne sich "sehr für Theater, weil er extrem tolle Figuren und wahnsinnige Lebenswege, schicksalhafte Begegnungen, Konfliktpunkte, Aufstieg und Fall, Scheitern, all das in sich hat, was eigentlich große theatrale Dramen auch bieten".

Die Freundschaft der beiden Frauen ist auch bei der Bühnenversion "ein wichtiger Punkt", meint Brucker. Aber eigentlich sei für sie der Kampf der beiden Frauen innerhalb der männerdominierten Welt zentral. "Viele der Probleme und Fragen sind für heute noch absolut aktuell und präsent."

Am Sonnabend, 23. Februar 2019, feiert die Theaterfassung von "Meine geniale Freundin" Premiere am Nationaltheater in Mannheim.

(lk)


Das Gespräch im Wortlaut:

Shanli Anwar: Es ist eine Hommage an eine Frauenfreundschaft, die ihren Lauf nimmt in einem ärmlichen Viertel im Neapel der 50er-Jahre. Und es ist ein Weltbestseller geworden: "Meine geniale Freundin" ist der Anfang der Romanreihe, geschrieben unter dem Pseudonym Elena Ferrante. Insgesamt wurden es vier Bände, die fünf Millionen Mal weltweit verkauft wurden, übersetzt in 40 Sprachen. Und heute Abend feiert eine Theaterfassung von "Meine geniale Freundin" Premiere am Nationaltheater in Mannheim. Wir konnten die Regisseurin Felicitas Brucker gestern telefonisch erreichen. Hallo!

Felicitas Brucker: Hallo, guten Tag!

Anwar: Frau Brucker, Sie widmen sich ja jetzt von diesen vier Bänden erst mal den ersten beiden, und doch sind es viele Hundert Seiten, viele Figuren, der Schauplatz Neapel. Wie komprimiert man so einen umfangreichen Weltbestseller für die Bühne? Beherrschen Sie die Kunst des Weglassens?

Brucker: Ich glaube, die Dramaturgie des Romans, der als Ich-Erzählung funktioniert und so eine Art Erinnerungstrip der Erzählerin ist, kommt der theatralen Form eigentlich ganz gut entgegen. Das heißt, wir haben uns auf bestimmte Brennpunkte konzentriert, die in der Erinnerung der Ich-Erzählerin aufleben. Das passiert zum Teil über Sprache, zum Teil aber auch wirklich über Erinnerungs-Snapshots oder Mosaikteile der Erinnerung, die aufpoppen und die bei uns auch gespielt werden oder zum Bild werden.

Selektion und Konzentration ist notwendig

Ich finde den Roman sehr theatral, ich finde, der eignet sich sehr für Theater, weil er extrem tolle Figuren und wahnsinnige Lebenswege, schicksalhafte Begegnungen, Konfliktpunkte, Aufstieg und Fall, Scheitern, all das in sich hat, was eigentlich große theatrale Dramen auch bieten. Das sind natürlich bei den zwei Bänden, 1049 Seiten, eine ganze Menge an Dingen, die man dann auch weglassen muss, weil, wenn man sich für einen Abend entscheidet, das an einem Abend zu spielen und nicht über zehn Stunden, geht das eigentlich nur über Selektion und Konzentration.

Anwar: Also der Rotstift musste walten.

Brucker: Ja. Wir haben ein bestimmtes Figurenpersonal ausgewählt. Es sind aber trotzdem elf Spieler. Ich habe mich dagegen entschieden, das auf ein kleines Personal zu reduzieren, weil für mich persönlich bei dem Roman das Panorama doch eine große Rolle spielt.

Anwar: Eben. Beim Roman sind eigentlich die beiden Frauenfiguren, Lila und Elena, diejenigen, aus deren Sicht da konsequent die Geschichte erzählt wird. Und bei der Theateraufführung, diese elf Figuren, wie haben Sie die ausgesucht?

Brucker: Das sind Figuren, die zum Teil Spiegelfiguren sind oder symbolische Figuren, oder auch im Leben der beiden Figuren zentral waren, die Wendepunkte ausgelöst haben, die, zum Beispiel bei Lila, Brüche in der Biografie verursacht haben oder auch zur Folie dienen, gegen die sie anrennt.

Eine Geschichte der Emanzipation

Es wird ja immer wieder eine Welt beschrieben, also eine sehr männerdominierte Welt, die versucht, sie in ein bestimmtes Bild zu packen und sie in eine Rolle zu stecken. Und ihre ganze Kraft oder Erzählung geht eigentlich dagegen an, das Opfer zu spielen. Das heißt, um diese Energie und auch das Besondere der Figur zu beschreiben, braucht man auch die Umwelt, an der sie sich abarbeitet.

Anwar: Es klingt in Teilen schon an, was für Sie vielleicht das Spannende an diesem Frauengespann ist.

Brucker: Die Freundschaft steht natürlich als wichtiger Punkt da. Aber eigentlich ist für mich der Kampf dieser beiden Frauen innerhalb dieser gesellschaftlichen Welt, innerhalb dieses sozialen Kosmos das Zentrum. Und das ist auch was, was sich total auf heute übertragen lässt. Ich glaube, das Neapel der 50er- und 60er-Jahre ist insofern eine Folie, und viele der Probleme und Fragen sind für heute noch absolut aktuell und präsent. Vieles davon ist noch nicht gelöst.

Anwar: Es ist eine Geschichte der Emanzipation auch.

Brucker: So gesehen ja. Ferrante macht das sehr clever durch diese Gegenüberstellung der beiden Frauen. Die eine, die den Aufstieg hat, den gesellschaftlichen und sozialen Aufstieg, die die Chance bekommt zu lernen, zu studieren. Und aus dem Viertel, in dem die beiden aufwachsen, das wird in der Kindheit auch sehr toll beschrieben, sie schafft es, da rauszukommen und sich ein neues Leben zu erfinden, eine neue Identität zu erfinden.

Und die andere Figur, die eigentlich als die schillerndere oder intelligentere beschrieben wird, erlebt sukzessive den sozialen Abstieg. Sie erlebt Gewalt in der Ehe, Gewalt in ihrem Umfeld, Gewalt auf der Straße, und lässt sich aber trotzdem nicht unterkriegen. Diese Gegenüberstellung ist extrem spannend. Das wird dann irgendwann wie ein Stationendrama in der Form.

"Man wird auch manche Leute enttäuschen müssen"

Anwar: Diese beiden Figuren, Lila und Elena, die altern in den Romanen ja. Die vier Bände reichen insgesamt über sechs Jahrzehnte. Wie gehen Sie mit dieser Zeitspanne auf der Bühne um?

Brucker: In den beiden ersten Romanen ist es ja die Kindheit, die frühe Jugend und die Jugend, die verhandelt werden. Wir haben auch verschiedene Altersgruppen von Spielerinnen, wobei das Alter für mich gar nicht der zentrale Punkt war. Mich hat eher interessiert, dass Lila anfangs verschwunden ist, also dass es darum geht, dass der Roman eigentlich um eine Figur kreist, die nicht mehr da ist, und dass die Ich-Erzählerin gegen das Verschwinden dieser Figur anschreibt und auch anerzählt und es nicht zulassen möchte, dass diese Figur aus der Gesellschaft verschwindet. Und vor dem Hintergrund sind es eher verschiedene Facetten der Figur in der Erinnerung, die aufblitzen, die mich interessiert haben, als dass man jetzt sagt, Spielerin A spielt dieses Alter, und man geht dann so logisch sukzessive nach oben.

Ein Erinnerungstrip auf der Bühne

Anwar: Sie haben es schon angesprochen eben, die Serienadaption wurde heiß diskutiert in Italien. Würden Sie sagen, da entsteht ein besonderer Druck auch jetzt bei Ihnen, wenn man einen Weltbestseller auf die Bühne bringt? Hat man da Sorge, dass das Publikum vielleicht enttäuscht reagiert?

Brucker: Weil es tatsächlich so ein beliebter Roman ist und so ein Bestseller, den wahnsinnig viele Leute kennen und lieben, wird man mit Sicherheit auch manche Leute enttäuschen müssen, weil wir ja nicht alles erzählen, was darin vorkommt.

Aber ich denke, darin besteht auch der Reiz, eine Lesart zu finden und mit einer bestimmten Fokussierung trotzdem den Kern des Romans zu erwischen. Das ist schon unser Anspruch. Wir nehmen den Roman auch sehr ernst und auch die Sprache. Es ist jetzt nicht so, dass wir in dem Fall nur damit spielen. Das hat für mich auch gar nichts mit postdramatischen Texten oder Textflächen zu tun, die man in einer extremen Überhöhung zeigt oder wo man noch viel mehr mit Formen spielt. Sondern wir haben tatsächlich versucht, diesen Erinnerungstrip auf die Bühne zu bringen.

Anwar: Die Fortsetzungen für die Bühne, Teil drei und vier, sind auch schon für die nächste Spielzeit am Nationaltheater in Mannheim geplant. Werden Sie an dieser Umsetzung auch beteiligt sein?

Brucker: Das weiß ich nicht, ob ich das sagen darf.

Anwar: Ach, uns – wir zwei …

Brucker: Der Spielplan kommt, glaube ich, in ein paar Wochen raus. Ich weiß nicht genau, wann.

Anwar: Na ja, angekündigt ist es schon, das wissen wir ja schon. Auf jeden Fall – über die große Herausforderung, über das Komprimieren eines Weltbestsellers, auf die Bühne zu bringen, Regisseurin Felicitas Brucker. Im Nationaltheater Mannheim wird heute Abend die Premiere aufgeführt, "Meine geniale Freundin", nach den Romanen von Elena Ferrante. Toi-toi-toi für heute Abend!

Brucker: Okay!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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