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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 20.01.2019

Eislauffans pilgern in die AlpenDie Holländer kommen

Von Alexa Hennings

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Eine Gruppe Eisläufer auf dem Weissensee vor Alpenpanorama (imagebroker/imago)
Vor beeindruckendem Alpenpanorama: Eine Gruppe Eisläufer auf dem Weissensee (imagebroker/imago)

Der Winter zieht sich aus Holland zurück: Traditionelle Eislaufwettbewerbe können deshalb oft nicht mehr stattfinden. Für die berüchtigte 11-Städte-Tour gibt es mitten in Kärnten eine Alternative - und so pilgern viele Niederländer in die Alpen.

Eislaufen hat für Agent 007 bisher eher eine untergeordnete Rolle gespielt – Schlittschuhfahren ist nicht ganz so cool wie eine wilde Autojagd über einen zugefrorenen See. Aber diesen zugefrorenen See, der zuverlässig Autos aushält, muss man erst einmal finden. Die Filmscouts machten ihn Mitte der 80er Jahre in Kärnten aus, 20 Kilometer vor der italienischen Grenze. Den Weissensee, 930 Meter hoch gelegen, eingebettet in schneebedeckte Berge.

Auf diesem See ist gerade ein kleines, rotes Fahrzeug unterwegs, wendig und kräftig, wie es die Bergbauern verwenden. Statt Mähbalken und Heuwender sind Schneeschieber, Kehrbesen und Eishobel anmontiert. Es ist das Fahrzeug von Eismeister Norbert Jank. Ein drahtiger Typ Anfang 70, die Haare noch dunkel, das Gesicht wettergegerbt wie das eines Fischers – und schon im Winter braungebrannt. Eine Eismaschine, wie man sie aus dem Stadion kennt, wäre hier viel zu schwer. Norbert Jank, ohne Mütze, ohne Schal, klettert aus dem Fahrerhäuschen.

Ende der 80er Jahre kam James Bond zum Weissensee

"Bei dieser Maschine, das sind zweieinhalb Tonnen in etwa. Und da wäre gut – wenn gutes Eis ist - 17 Zentimeter. Und wenn schlechteres Eis ist, dann hängt das immer von der Lufttemperatur ab. Da muss ich immer achten, wie ist die Lufttemperatur im Verhältnis zur Eisqualität. Das muss ganz genau abgeschätzt werden. Damit man weiß, dass man nicht durchs Eis geht."

Wann man "durchs Eis geht" und wann nicht, das hat Norbert Jank im Gespür. Schon seit 50 Jahren beobachtet er den See vor seiner Haustür, weiß, dass man selbst bei 40 Zentimeter dickem Eis einbrechen kann, etwa wenn es länger darauf geregnet hat und dann wieder Frost kommt. Nicht nur auf die Stärke des Eises kommt es an, sondern auf seine Qualität. Norbert Janks Gespür für Eis begann, als er 1968 das erste Mal mit seinem Pferdewagen auf den See fuhr. Damals wurde am Berg gegenüber der erste Sessellift gebaut – und der brachte Wintersportler in den Ort. Die freuten sich auch über eine Fahrt mit der Pferdekutsche über den Weissensee. Zum "Eismeister" jedoch hat ihn erst James Bond gemacht, denn das Filmteam brauchte jemanden, der sich auskennt mit dem zugefrorenen See und seinen Tücken.

"1987 ist dann der James Bond zum Weissensee gekommen, und die haben hier am See die gesamte Winterszene gedreht: Flucht aus der Tschechei, Sprung über den Staudamm nach Österreich. Und das hat im Film, der hat sich genannt "Hauch des Todes", genau exakt sechs Minuten gedauert. Das ist a Wahnsinn, vom Weissensee sechs Minuten im James Bond! Und dann, durch die Medien, durch das Fernsehen, wurde das dann hinausgetragen nach Europa, und das haben dann die Holländer mitgekriegt, dass am Kärntner Weissensee garantiert immer gutes Eis ist. Und dann haben sie sich 1988 gemeldet, mit mir haben sie übers Eis gesprochen und mit dem Tourismusamt über die Quartiere."

Holländische Exil-Kultur in Kärnten

1000 Schlittschuhläufer kamen 1989 zur ersten "Alternativen holländischen 11-Städte-Tour" zum Weissensee. Die ursprüngliche Tour ist eine 200 Kilometer lange Strecke über Kanäle und Seen, die elf Städte in Friesland - dem nördlichen Teil der Niederlande - verbindet, bis zu 20.000 Volkssportler nahmen nach einem Losverfahren teil. Das war Kult und gehörte zu Holland wie Holzpantoffeln und Gouda. Doch seit 1909 gab es nur 14 Touren, zwischen 1963 und 1985 keine einzige. Der Winter zog sich aus Holland zurück. Und dann: Die Entdeckung des Weissensees und die erste alternative Tour 1989.

"Und das ging natürlich auch nach Holland. Da war das gesamte Rennen, sechs Stunden, live übers Radio übertragen worden. Und so hat das dann richtig eingeschlagen, das Jahr später kamen schon die doppelte Menge und in drei, vier Jahren hatten wir keinen Platz mehr in der Region für die Quartiere. Da haben wir auch uns wieder was müssen einfallen lassen - und zwar: Wir haben die Rennen aufgeteilt. Es hat dann nicht mehr ein Rennen gegeben, sondern vier."

Und so zieht sich das größte Eissportfest der Welt über 14 Tage, mit vier Läufen für Volkssportler und weiteren Wettbewerben für Profis. Inzwischen werden hier auch die niederländischen und österreichischen Meisterschaften im Eisschnelllauf auf Natureis ausgetragen. Das zieht in jedem Jahr drei-bis viertausend Aktive und noch einmal so viele Zuschauer an.

Morgen ist es wieder so weit. Nur noch einen halben Tag und die Nacht haben Norbert Jank und seine Helfer, um die 12,5 km lange Runde fertig zu präparieren. Der Eismeister hat auf einem Teil der Bahn Rillen und Risse entdeckt, die entstehen, wenn Schlittschuhläufer, die für den morgigen Lauf trainieren, in der Mittagssonne ihre Runden ziehen und das Eis unter den Kufen taut.

Die Volkssportler laufen bis zu 200 Kilometer

"Schau, das sind alles Risse drin. Wenn die dann morgen fahren, dann treten die – dann sinken die ein, schau mal. Das tun wir jetzt mit Wasser ausspritzen. Hallo! – Läufer bremst – Geht’s gut? Eis gut?"

Ein Schlittschuhläufer bremst neben dem Eismeister.

"Da tun wir jetzt spritzen. - Ik heb gezien, ja! - Bis da vorn wo es wieder reingeht. - Okay. Diese Seite ist okay. - Jank: Gestern war ja Wind und Wärme, und dann sind sie hier gefahren. Die gehen dann durchs Eis. - Holländer: Heute ist wunderschön. Eis ist gut. Nature-Ice!"

Der Mann zieht weiter seine Runden. Und Norbert Jank schwingt sich wieder in seine Maschine. Normalerweise ist für die Schlittschuhläufer eine Bahn rund um den See präpariert, die Runde hat dann fast 25 Kilometer. Doch in diesem Jahr ist nur der kleinere Teil des Weissensees so dick zugefroren, dass er die Maschinen trägt. Damit man nicht nur immer eine Vier-Kilometer-Runde im Kreis fahren muss und zudem mehr Platz für hunderte Läufer – und damit mehr Sicherheit hat - wird die Rennstrecke wie ein Mäander über den See gezogen. Die Kurven müssen exakt den gleichen Radius haben wie die im Eisstadion. So ergibt sich eine Distanz von zwölfeinhalb Kilometern. Die Volkssportler laufen entweder 100 oder 200 Kilometer, das heißt, man ist zwischen fünf und zwölf Stunden auf dem Eis, je nach persönlichem Tempo. Paula Begeman, Mitte 60, steht am Rand.

"Man muss üben. Aber nicht drei, vier Mal in der Woche zur Eisbahn, das braucht man nicht. Das ist wie Schwimmen, das verlernt man nicht. In Holland ist es ein Volkssport, aber wir haben keinen Winter mehr. Darum ist es jetzt hier."

"Das Gefühl kann man nicht beschreiben"

24-mal hat Paula Begeman schon die 100-Kilometer-Strecke mitgemacht, ihr Mann 26-mal. Auch ihre Kinder kamen immer mit, denen hat es hier so gut gefallen, dass sie jetzt am Weißensee wohnen - und hier eine Pension betreiben. Nicht nur sie, sondern auch andere Gastgeber im Ort haben ihre Häuser mit rot-weiß-blauen niederländischen Flaggen geschmückt. Es ist die Stimmung im ganzen Ort, aber vor allem die Stimmung auf dem Eis, die die Holländerin immer wieder hierher zieht.

"Das kann man nicht beschreiben. Man steht da, die ganzen Leute um dich her. Mit dem Wind von den ganzen Leuten gehst du mit. Das kann man nicht beschreiben, was das für ein Gefühl ist. Man muss das einmal mitgemacht haben. Das ist Genießen hier."

Am Zelt, wo die Schlittschuhe noch einmal den ultimativen Schliff bekommen, steht Dieter Schmidt aus Bleckede an der Elbe. Er schaut auf den See, wo inzwischen immer mehr Sportler die Strecke für den morgigen Lauf erkunden.

"Es ist phantastisch. Es ist Wahnsinn, dass der Eismeister trotz dieser absolut widrigen Bedingungen solch tolle Bedingungen geschaffen hat. Hut ab. Das ist unvorstellbar. Vor zwei Wochen habe ich es nicht für möglich gehalten, dass überhaupt das Eis hier befahrbar ist."

So ein Eisläufer verfolgt schon Wochen vorher den Wetterbericht, Eisdicken und Schneehöhen, und das sah am Anfang des Jahres gar nicht gut aus: Am Weissensee regnete es mehrere Tage auf den bereits zugefrorenen See. Die Wettkämpfe hier fanden auch schon bei Regen oder starkem Wind statt - ausgefallen sind sie in den 30 Jahren noch nie. Der Traum des Norddeutschen ist es, an allen vier Volkssportläufen, die innerhalb der 14 Tage veranstaltet werden, teilzunehmen.

"Bisher ist meine Höchstleistung 600 Kilometer. In vier Veranstaltungen. Morgen werde ich nicht die 200 Kilometer angehen, sondern mein Sohn hat mir einen sehnlichen Geburtstagswunsch erfüllt, indem er morgen mit mir die 100 Kilometer fährt. Phantastisch. Ich hab in meinem Leben außer Handball und Fußball schon alle möglichen Sportarten betrieben. Aber dieses schwerelose Hingleiten übers Eis ist einzigartig."

Kilometerlanges Eislaufen gegen die Depressionen

Marathon kann der 65-Jährige aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr laufen, aber Inlineskaten und Eislaufen geht noch. Es ist schonender für die Gelenke und auf seine Kilometer kommt man auch.

"Ich habe diverse gesundheitliche Probleme und ich habe Depressionen. Und durch die Endorphine, die ich mir dann durch die Ausdauerbetätigung zuführe, bin ich gut drauf."

Dieter Schmidt ist bei weitem nicht der älteste Teilnehmer hier, über 40 sind jedoch die meisten. Eben kommt ein Mann vorbei, der nicht nur Ellenbogen-, Knie- und Handschützer trägt, sondern auch um die Hüfte herum ein extra Polster angebracht hat. Herbert Stelzer ist 82 Jahre alt und einer der wenigen Österreicher im Feld. Im vergangenen Jahr nahm er an den österreichischen Meisterschaften im Eismarathon teil - auch dieser Wettbewerb wird während dieser Tage am Weissensee ausgetragen. Die 100 Kilometer morgen traut er sich nicht zu, aber man kann auch einfach so mitlaufen, ohne Startnummer - das sehen die Holländer nicht so eng.

"Man müsste mehr trainieren, aber ich hatte eine schwere Krebsoperation, da habe ich viel verloren an Kondition. Ich komme jedes Jahr her, zuhause trainiere ich in der Eishalle. Aber dort ist es natürlich ganz anders. Ich musste mich jetzt wieder vollkommen ans Natureis gewöhnen."

Herbert Stelzer schaut sich um: Holländische Fahnen und Menschen, wohin er blickt. Immerhin gibt es schon einige österreichische Vereine, die ihre Sportler für die Alternative 11-Städte-Tour trainieren.

"Es geht mir nur ums Durchkommen"

"Die Holländer haben das angeregt und die Österreicher kommen jetzt langsam in Schwung - lacht - Na ja, es ist nicht unsere Breitensportdisziplin, das ist natürlich das Skilaufen. Vor acht Jahren bin ich hier das erste Mal gelaufen, Eislaufen mache ich seit meiner Kindheit, aber nur mit Kunsteislaufschuhen. Eistanzen war früher mein Lieblingssport. Und dann habe ich das hier gesehen. Da war noch der Ostteil zugefroren. Eine Bahn von oben hinunter, elf Kilometer! Und Spiegeleis! Das habe ich nie mehr erlebt. Dann muss es aber schon im Dezember minus zwölf Grad haben. dann wird’s. Es müsste in einem durchfrieren, aber das war das Problem heuer. Es hat geschneit, dann geregnet. Dann ist der Schnee angefroren. Und dann hat der Jank hat gearbeitet und gearbeitet. Es ist sehr schwierig, dass er das überhaupt zusammen bringt. Ich finde, er ist ein großartiger Bursche."

Der "großartige Bursche" ist an diesem Abend noch mit Schneepflug und Eishobel bis in die Nacht hinein auf dem See unterwegs. Am nächsten Morgen geht es um halb sieben weiter.

In einem riesigen Zelt mit Tresen und Bühne sitzen auf allen verfügbaren Bänken die Sportler und ziehen ihre Schlittschuhe an. Alle haben die mit den langen Kufen, die Eisschnelllaufschuhe, die ursprünglich "Friesen" heißen, weil sie aus Friesland kommen. Ein junger Mann ist gerade dabei, sich Eishockeyschuhe, also Schlittschuhe mit kurzen Kufen, anzuziehen.

"Ich bin aber nur ein Anfänger. Normalerweise mache ich Laufen im Verein, und jetzt sind wir zu dritt – die beiden Damen sind schon draußen – machen wir zu dritt einmal das Abenteuer. Es geht bei mir jetzt nicht um die Minuten, es ist jetzt nur ums Durchkommen. Das ist mein Ziel. Und Spaß haben!"

Mit Stirnlampen und Bauchtaschen in die Nacht

Es ist kurz vor sieben Uhr und noch dunkel draußen. Die meisten Eisläufer haben Stirnlampen dabei, einige eine Bauchtasche oder einen kleinen Rucksack mit Proviant. An der Strecke sind jedoch auch Stände für Imbiss und Getränke aufgebaut, manche haben auch Familienangehörige oder Freunde postiert, die für das leibliche Wohl der Eisläufer sorgen sollen. Schließlich werden einige von ihnen erst zwölf Stunden später ins Ziel kommen. Zuerst ist es noch, später schon wieder dunkel. Piet ter Hein aus Amsterdam ist Purist - er startet ohne Lampe auf dem - natürlich unbeleuchteten See.

"Das sind ein bisschen kranke holländische Leute, die um sieben Uhr, wenn es dunkel ist, auf das Eis gehen! So die erste zwei Runden muss man gucke, gucke, gucke - aber es ist ein bisschen zu sehen." Der Amsterdamer ist Mitte 50, schon acht mal hat er an der alternativen holländischen 11-Städte-Tour auf dem Weißensee teilgenommen und sogar drei Mal an der originalen Tour, als 1985, 86 und zuletzt 2007 die Kanäle zugefroren waren. 2007 ist das einzige Jahr, in dem alternative und originale Tour ausgetragen werden konnten. "In Holland ist das das großartigste Schlittschuhlauf-Gebeurtnis, die besteht. Und das dauert immer länger, bis gutes Eis ist, und dann ist es etwas ganz besonderes. Dann jeder in Holland ist Fernsehen gucken, schöne Stimmung, all die kleinen Städte in Friesland."

Die originale 200 Kilometer lange Tour ist noch anspruchsvoller als die auf dem Weissensee - hier muss man zum Beispiel nicht auf das windige Ijsselmeer hinaus und auch nicht mehrere Hundert Meter mit den Schlittschuhen über Land stapfen, wenn zuweilen eine Distanz von mehreren Hundert Metern zu überwinden ist, um das nächste Gewässer zu erreichen. Und natürlich sind dort auch keine Eismeister unterwegs, um das Natureis für die 20.000 Läufer zu präparieren.

"Das ist hier der Norbert Jank, ist großartig. Das ist kein holländische Eismeister, die machen können, was Norbert Jank hier geschafft. Durch die Nacht und reparieren, ja das ist wunderbar." Der Amsterdamer freut sich, dass durch die alternative Tour in Österreich auch Sportler aus anderen Ländern sich für den holländischen Nationalsport begeistern. "Schön, dass andere Länder mitgehen. Gestern Abend sagte der Organisator, dass acht andere Länder sind."

Mitten in Kärnten gibt's Poffertjes als Pausensnack

Der Start draußen verläuft relativ unspektakulär, ein Startschuss ist sinnlos, denn es können nicht sechshundert Läufer auf einmal loslaufen. Geduldig stehen sie in einer Art Warteschleife, die Norbert Jank ins Eis geschoben hat, und laufen von dort aus über die Startlinie. Jeder trägt eine Startnummer und einen Chip am Bein, so wird alles genau registriert. Norbert Jank kann sich jetzt am Stand ein paar original holländische Poffertjes und einen heißen Tee gönnen. Feierabend hat er deswegen noch lange nicht.

"Wir sind dann immer dabei, dass wir die Bahnen dann kehren. Es gibt Abrieb bei den Schlittschuhen, und das muss dann hinausgekehrt werden, damit die Eisläufer die Bahnen gut sehen können. Denn es gibt in der Bahn ab und zu Risse, und wenn dann ein bisschen Schnee drauf liegt, dann kann man die schlecht erkennen. Und da müssen wir dann während des Rennens immer wieder durchfahren, damit die Bahnen gut sichtbar sind. Jetzt sind wir glücklich, dass alles funktioniert, die Leute freuen sich, und wenn sie uns entgegen kommen, dann heben sie die Daumen. Das heißt: Super! Und das freut uns. Und es ist auch ein Strahlen bei den Eisläufern im Gesicht. Man kann das erkennen, wenn man sich so grüßt oder zuwinkt. Weil, man kennt ja sehr viele Leute. Es ist einfach schön, wenn man den Leuten begegnet und alles in Ordnung ist!"

Der hochgereckte Daumen und ein Lächeln - der schönste Lohn für die wochenlange Arbeit des 71-Jährigen. Fast wäre es in diesem Jahr zum ersten Mal in der 30-jährigen Geschichte der alternativen 11-Städte-Tour nichts geworden mit Holland on Ice. Norbert Jank würde gern mal all jenen, die am Klimawandel zweifeln, seine Tabelle zeigen, er hat sie auch öffentlich ausgehängt. Darauf alle Eis-Daten, die er am Weissensee seit 1973 beobachtet und gemessen hat. Es werden immer weniger Eistage mit immer dünnerem Eis. Die anderen vier großen Seen in Kärnten frieren schon seit Jahren überhaupt nicht mehr zu.

Weiter draußen auf dem See ist nichts mehr zu hören von der frohsinnigen holländischen Musik am Start. Dort sind die Läufer mit sich, den Bergen und ihren Schlittschuhen, die im Takt übers Eis kratzen, allein. Doch ganz allein ist fast keiner unterwegs, die meisten fahren zu zweit oder in Gruppen, um sich gegenseitig Windschatten zu geben. Wie bei den Zugvögeln wechseln sie immer mal die Position, schon ein einziger Läufer vor dem anderen reicht, um Kraft zu sparen. Nach zweieinhalb Stunden haben die ersten die 100 Kilometer geschafft - das sind Eislaufprofis, die den Tag als Training für die kommenden Meisterschaften nutzen. Der Weltrekord im 200-Kilometer-Eislaufmarathon wurde auf den Weissenee aufgestellt: Er liegt bei fünf Stunden und elf Minuten.

Nach dem Lauf ist vor der Party

Mit Erstaunen in der Stimme registriert der Stadionsprecher drei Teilnehmerinnen aus Belgien, die gerade 125 Kilometer geschafft haben - und eisern weiterfahren. Ein leicht beleibter älterer Herr hat schon die Schlittschuhe abgeschnallt – und strahlt. Er hat die 100 Kilometer, die er sich vorgenommen hat, geschafft. In sechs Stunden.

"Vorige Jahr habe ich 200, aber ich bin 76! Ich wollte am Freitag 200, aber das geht nicht mehr, nein, nein."

Nun ist Piet Groot im großen Zelt mit seiner Frau und Freunden verabredet. Dort steht schon die erste Band auf der Bühne, bis spät in die Nacht wird hier gefeiert. Zum Party machen hat Toine Dorelejers, der Organisator der Tour, vorerst noch keine Zeit. Mit einem Team von 80 Leuten bis hin zu Sanitätern und Imbissstand-Betreuern managt er das Eissportfest, an dessen Ende in jedem Jahr der Art-Koopmanns-Lauf zu Ehren des bereits verstorbenen Gründers der alternativen 11-Städte-Tour steht.

"Art Koopmanns, der hat das damals bedacht. Er ist in der ganze Welt gereist und hat geschaut: Kanada, Amerika, Finnland, Norwegen und Polen. Dann hat er James Bond angeschaut, der ist mit einem Auto aufs Eis gefahren. Und da hat er gedacht: Wo ein Auto fahren kann, können wir auch eislaufen. Und so ist er zum Weissensee gekommen und vom ersten Moment an war es ein Erfolg. Deswegen haben wir ein Alternativ. In 30 Jahren hat das 30-mal stattgefunden."

Hier gibt es keine Preise

Längst ist die Alternative das Normale geworden, das Beständige. Und das einst Normale ist die Ausnahme. Ohne die alternative 11-Städte-Tour auf dem Weissensee hätte die Begeisterung der Holländer für den Volkssport Eislaufen wohl schon längst nachgelassen. So wird sie, 1500 Kilometer von der Heimat entfernt, immer noch wachgehalten.

"Die Computer sind gekommen, Live-Übertragungen, die Sicherheit hat viele Stufen gemacht. Aber das Eis ist noch immer das gleiche! Was wirklich eine Besserung ist, sind die Kufen. Viele sind viel besser für Natureislauf, und das macht es sicherer für die Leute zu laufen. Wir haben auch Olympiasieger hier dabei, die trainieren, wenn die Volksläufer auch trainieren. Das ist schön."

Draußen kommen jetzt immer mehr der 200-Kilometer-Läufer ins Ziel. Andere sind noch auf dem Eis, als es schon wieder dunkel wird. In dieser letzten Stunde geht Toine Dorelejers, der Tourmanager, noch einmal hinaus auf den See.

"Jetzt noch im Dunkeln, deswegen bin ich hier: Ich feuere die Leute an, das motiviert ein bisschen...– einer kommt vorbei – Klasse! Klatscht... Bis sechs Uhr können sie noch einmal durchstarten und eine volle Runde fahren. die letzte Runde beginnen, das heißt, sie sind um sieben Uhr da und sind zwölf Stunden auf den Kufen."

Egal, wann man im Ziel eintrifft: Jeder Teilnehmer bekommt eine Urkunde, darauf vermerkt ist seine Zeit. Eine Wertung oder Preise gibt es nicht. Durchkommen heißt es. Dabei gewesen sein.

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