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Nachspiel | Beitrag vom 27.09.2020

Eishockey in der Coronakrise Banges Hoffen auf die Wintersaison

Moritz Müller im Gespräch mit Thorsten Jabs

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Der Eishockeyspieler Moritz Müller (picture-alliance/Fotostand)
Der Eishockeyspieler Moritz Müller sorgt sich um die Zukunft seines Sports. (picture-alliance/Fotostand)

Die Stimmung im Eishockey ist schlecht. Spieler hoffen, dass die nächste Saison nicht verschoben wird, sagt Nationalspieler Moritz Müller. Das ausgearbeitete Hygienekonzept sei hervorragend. Jetzt sind die Clubs und die Politik gefragt.

Thorsten Jabs: In der Deutschen Eishockey Liga herrscht Alarm-, um nicht zu sagen: Panikstimmung. Eigentlich sollte die Saison bereits am vergangenen Wochenende losgehen. Der Start war aber auf den 13. November verschoben worden. Und selbst der ist in Gefahr. Denn der mit im Schnitt 6500 Zuschauern pro Spiel zweitbeliebtesten deutschen Teamsportliga fehlen nach eigenen Angaben 60 Millionen Euro. Zwei Drittel der Einnahmen erwirtschaften die Clubs eigentlich über Zuschauer. Aber wegen der Coronapandemie sind nur 20 Prozent der jeweiligen Kapazität zugelassen. Darüber sprechen wir mit Moritz Müller, Nationalspieler von den Kölner Haien und Olympia-Silbermedaillengewinner. Herr Müller, wie ist die Lage aus Ihrer Sicht?

Moritz Müller: Sehr schwierig, wir machen uns wirklich große Sorgen um unsere Sportart. Wir haben 2016 begonnen, richtig Fahrt aufzunehmen mit dem deutschen Eishockey durch WM-Teilnahmen, die wirklich sehr erfolgreich gelaufen sind, 2018 mit der olympischen Silbermedaille dann das größte Ausrufezeichen gesetzt, haben mit Leon Draisaitl den wahrscheinlich besten Eishockeyspieler der Welt.

Nur das Produkt in Deutschland kommt jetzt gerade ins Stottern, weil wir einfach nicht wissen, wie es weitergehen soll. Wir sind wir eine Sportart, die stark spieltagabhängig ist. Wir generieren unsere Einnahmen am Spieltag, wir haben keine großen TV-Verträge, wie der Fußball das hat, und 20 Prozent Zuschauerauslastung können wir im geregelten Spielbetrieb derzeit nicht darstellen. Das ist für uns ein sehr großes Problem.

Gutes Hygienekonzept 

Jabs: Können Sie diese Coronaregeln denn nachvollziehen?

Müller: Aus Spielersicht ist es natürlich so, wenn man jetzt so lange gefrustet ist, weil der Saisonstart sich verschiebt und man auch selber privat große Einbußen hat, dass man dann doch verleitet ist, nach links und nach rechts zu schauen. Wenn ich dann in Köln über die Friesenstraße gehe am Wochenende und da sehr große Menschenansammlungen sehe, die eng bei eng stehen, ohne kontrollierte Maskenpflicht, dann ist man doch ab und zu schon verleitet zu sagen: Mensch, warum ist das bei uns nicht möglich?

Wir haben ein richtig gutes Hygienekonzept, mit Maskenpflicht, kontrollierten Ein- und Ausgängen, Rückverfolgung und nur die Hälfte der Auslastung der Halle, die wir ja bräuchten, um spielen zu können. Das ist dann im Vergleich zu vielen anderen Sachen doch möglich.

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Jabs: Wie sieht dieses Hygienekonzept genau aus?

Müller: Wir haben in der Lanxess-Arena sehr viel Zu- und Abgänge, das heißt, wir würden nur Blöcke von 300 Menschen Einlass gewähren. Die würden sich auch nie miteinander vermischen. Es besteht absolute Maskenpflicht, wir hätten eine Rückverfolgung, so wie das bei einer Theatervorstellung der Fall wäre. Man wüsste, wer an welchem Platz gesessen hat, und noch vieles weitere – mit Handdesinfektion und was noch alles dazugehört. Ich bin nicht der Hygienebeauftragte, habe mir das aber mal angeschaut. Alleine wir als Spieler haben wirklich ein sehr umfangreiches Hygienekonzept. Wir tun wirklich sehr viel, um spielen zu können, in dem Fall auch vor Zuschauern, aber 20 Prozent reichen einfach nicht für uns.

Geregelte Anreise wäre möglich 

Jabs: Ich wohne in der Nähe der Spielstätte der Berliner Eisbären, da kommen die meisten Fans normalerweise mit der S-Bahn am Bahnhof Warschauer Straße an. Ich kann mir die Bilder in diesem Winter so schwer vorstellen, wenn die Menschen dicht gedrängt zu den Stadien pilgern. Was meinen Sie?

Müller: Auch dafür könnte es Konzepte geben, dass man eine geregelte Anreise macht. Mit Erwerb der Eintrittskarte gibt es auch einen Slot, in der man in die Halle kommen muss, damit nicht alle zur gleichen Uhrzeit reinströmen. Man entzerrt die An- und Abreise etwas und macht Zeitfenster auf, dass das Ganze in gestückelter Weise in der Arena ankommt. Auch dafür gibt es Möglichkeiten.

"Das wichtigste war, die Vereine zu retten"

Jabs: Wir haben schon darüber gesprochen, dass Eishockey in Deutschland sehr stark abhängig von den Zuschauern ist. Zu abhängig?

Müller: Ich sage jetzt mal ganz platt: Am Ende entertainen wir Leute. Das ist auch Unterhaltungsbranche, was wir machen. Man möchte das nicht immer glauben, aber wenn man mich spielen sieht, ist es auch eine Form der Kunst oder Kultur, was wir da darstellen. Am Ende machen wir das für die Menschen.

Ich spiele Eishockey und kann damit mein Geld verdienen, weil viele Menschen das sehr gut finden, wie ich das mache. Wie anders wäre es zu finanzieren? Wir haben keine großen TV-Verträge, wie das vielleicht in den USA der Fall ist. In Deutschland gibt es nur eine Sportart, die den hat: der Fußball. Alle anderen müssen vom täglich Brot leben.

Spielsituation auf einem Eishockey-Feld (picture alliance/Jonas Brockmann/Eibner)Für die Eishockeyspiele liegt inzwischen ein Hygienekonzept vor. (picture alliance/Jonas Brockmann/Eibner)

Jabs: Das fällt momentan auch Theaterleuten schwer, Kinos, Künstlerinnen und Künstlern, Musikerinnen und Musikern. Die DEL-Profis hatten zugestimmt, auf Kurzarbeit zu gehen und auf 25 Prozent ihres Gehaltes zu verzichten. Wie geht es Ihnen und Ihren Spielerkollegen in dieser Situation?

Müller: Das Wichtigste war erst mal, die Vereine zu retten. Deswegen haben wir die Vereinbarung zur Kurzarbeit unterschrieben. Das mit den 25 Prozent: Im Märzt war gar nicht abzusehen, inwieweit 25 Prozent zu viel oder zu wenig sind. Für die Vereine war es erst mal wichtig, dass wir in Kurzarbeit gehen, um somit den größten Kostenblock von deren Schultern zu nehmen.

Als Sportler hat man eine Karriere. Da hat man eine bestimmte Timeline. Als Eishockeyspieler kann man spielen bis man vielleicht 36 oder 37 Jahre alt ist. Da rechnet man auch mit seinen Einnahmen und mit dem Vertrag, den man unterschrieben hat.

Wenn man dann auf Kurzarbeit gesetzt wird, ist es zwar je nach Spielervertrag unterschiedlich, aber schon eine ganz schöne Einbuße, die man erleidet. Bei mir sind es circa 70 Prozent weniger. Auf Dauer ist das schon etwas, was im Kopf ist und was einen ein bisschen belastet.

Neue Spielervertretung startet

Jabs: Und dann noch nicht mal Eishockey spielen können. Sie stellen gerade mit einem Kollegen eine Spielervertretung auf die Beine. Warum gibt es denn so was eigentlich noch nicht?

Müller: Eine sehr berechtigte Frage. Die gab es schon mal, die Vereinigung deutscher Eishockeyspieler (VDA). Sie ist irgendwann einfach gestorben. Seitdem sitzen wir im Bus und fragen uns immer, warum wir so was nicht haben. Wir hatten nie dieses eine Thema, das uns alle verbunden hat.

Spätestens mit Corona haben wir gemerkt, dass es jetzt da ist. Dann haben wir das in Angriff genommen und haben bisher großen Zuspruch erhalten. Wichtig für uns ist, dass wir keine Gewerkschaft sein wollen, sondern eine Spielervertretung. Eine Interessengemeinschaft, die einen Dialogpartner zur Liga darstellt, um Wege aufzuzeigen, wie wir spielen können – also eher eine helfende Hand als eine Oppositionspartei.

Jabs: Können Sie da etwas vom Fußball lernen?

Müller: Wir können da von allen lernen. Am Anfang haben wir uns viele Vertretungen angesehen. Wir haben uns die VDV im Fußball angesehen, die Basketdocs und mit den Handballern gesprochen, aber auch mit den Nordamerikanern, der NHLPA, die im Sport wahrscheinlich mit die mächtigste Spielervertretung ist. Das Ganze ist ein Prozess. Wir machen gerade die ersten Schritte und lernen täglich dazu.

Selbstverständnis als helfende Hand

Jabs: Was erhoffen Sie sich? Wie weit kann aus Ihrer Sicht die Mitbestimmung von Spielern gehen?

Müller: Ich habe schon immer gesagt: Wir sind das Produkt, wir sind die Speerspitze, die auf dem Eis steht. Keiner kann so gut fühlen wie wir, was da draußen passiert. Wir können nicht darüber sprechen, wie wirtschaftliche Entscheidungen zu rechtfertigen sind. Das ist nicht unser Fachgebiet.

Aber wenn es um sportliche Entscheidungen geht, denke ich, macht es doch Sinn, dass das Produkt mit am Tisch sitzt und zumindest seine Meinung kundtun kann. Das wollen wir sein. Ich erhoffe mir von der Liga, dass sie diese helfende Hand annimmt. Das war bisher so. Wir sind im Austausch, um das Produkt einfach langfristig besser zu machen.

Die Saison absagen oder verschieben?

Jabs: Alle Ihre Spielerkollegen fühlen sich wahrscheinlich momentan ein bisschen hilflos. Im Gespräch ist sogar, die Saison noch einmal zu verschieben oder sogar ganz abzusagen. Wie optimistisch oder pessimistisch sind Sie gerade?

Müller: Es gibt gute und schlechte Tage, je nach Nachrichtenlage. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man ein ganzes Jahr kein Eishockey spielen kann. Jemand, der vielleicht im IT-Bereich an einem Rechner arbeitet, für den wäre es auch schwer, nach einem Jahr, wenn er wirklich der Beste in seinem Gebiet ist, den Rechner auszuschalten und das Ding ein Jahr später wieder anzumachen und in der Weltspitze wieder Anschluss zu finden. Das wird schwer.

Genauso ist es auch für uns. Wir haben am Ende des Jahres eine Weltmeisterschaft. Wir haben Olympische Spiele. Am Ende sind wir die, die das Produkt aufs Eis bringen und wettbewerbsfähig sein müssen. Ein ganzes Jahr kein Eishockey zu spielen, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich hoffe, dass alles getan wird, um das zu vermeiden – damit meine ich von Seiten der Liga, der Clubs und auch der Politik.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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