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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.11.2005

Einzelgänger ohne Wurzeln

Filmstart: "L'enfant" der Gebrüder Dardenne

Von Rebecca Partouche

Die Brüder und Filmregisseure Jean-Pierre and Luc Dardenne (AP Archiv)
Die Brüder und Filmregisseure Jean-Pierre and Luc Dardenne (AP Archiv)

Das Thema der belgischen Filmemacher Jean-Pierre und Luc Dardenne sind Einzelgänger ohne Wurzeln. In ihrem neuen Film "L'enfant" (Das Kind) verkauft ein arbeitsloser junger Mann seinen neugeborenen Sohn. In Cannes wurde der Film mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Deutschlandradio Kultur traf die Dardennes zum Gespräch.

Es ist nicht so lange her, dass die Frauen und Männer aus dem kleinen ostbelgischen Städtchen Seraing in den Fabriken arbeiteten. Vor 40 Jahren noch verdienten die meisten von ihnen ihr Geld in der Stahlindustrie. Aber das ist Schnee von gestern und mittlerweile haben sich die Türen auch der letzten Backsteingebäude geschlossen und die Beschäftigten in die Arbeitslosigkeit entlassen.

Davon mitbetroffen: die Familie und viele der engsten Freunde von Jean-Pierre und Luc Dardenne. Die Arbeitersöhne, selbst in Sichtweite der Hochöfen von Seraing aufgewachsen, beschlossen den Arbeitslosen ihre Identität und vor allem, ihre Würde zurückzugeben. Sie fingen an, Dokumentarfilme zu drehen, über die heroischen Zeiten der Arbeiterbewegung, die großen Streiks und den Kampf der Gewerkschaften.

Jean-Pierre Dardenne: " Damals haben wir Menschen gefilmt, die sich zusammentaten, um Gerechtigkeit zu bekommen. Menschen, die zusammengeschweißt waren durch ein Gefühl von Solidarität. Heute ist alles ganz anders. Die Menschen, die wir in unseren Spielfilmen festhalten, sind Einzelgänger ohne Werte und ohne Wurzeln. Menschen aus einer postindustriellen Gesellschaft, einer Gesellschaft, aus der die Industrie verschwunden ist. Und in der Solidarität nichts mehr gilt."

Der Verlust von humanen Werten wie Freundschaft und Solidarität - das ist auch das Thema ihres neuen Filmes: "L'enfant" (Das Kind). Im Mittelpunkt steht Bruno - ein junger Arbeitsloser, der so weit geht, seinen eigenen neugeborenen Sohn für satte 5000 Euro zu verhökern.

J.P. Dardenne: " Seit 20 Jahren gibt es immer mehr Typen wie Bruno. Einsame Menschen, die nicht arbeiten und deren Eltern schon nicht gearbeitet haben. Typen, die keine Zukunft sehen, weil sie wissen, sie werden auch nie einen Job bekommen. Und genau das will der Film erzählen: Ob dieser Junge, der in sich gefangen ist, der keine Gefühle kennt, für den das eigene Kind nichts weiter ist, als ein Kassettenrekorder, den man zu Geld machen kann ... ob in diesem Jungen also - der keine Gefühle kennt - Gefühle wachsen können. "

Und genau das passiert am Ende. Bruno erkennt, dass die Familie die letzte Festung der Solidarität ist, der Platz, an dem er sich zu Hause und geborgen fühlen kann. Das entspricht auch ihrer Erfahrung, rufen die Brüder wie aus einem Munde. Und das glaubt man ihnen aufs Wort. Wenn man sie so sieht, wie sie behutsam miteinander umgehen, sich aufmerksam zuhören und vertrauen - erinnern die Dardennes an ein in Würde gealtertes Ehepaar. Eine Einheit, die so zusammengeschweißt ist, dass man die zwei Mittfünfziger – mit ihren grauen Wuschelköpfen und der unspektakulären Aufmachung - äußerlich kaum noch auseinander halten kann. Völlig unprätentiös und zurückgenommen treten sie auf – so wie die einfachen Leute in ihren Filmen. Und wenn man diese auch noch dokumentarisch nennt, freuen sich die beiden über die Maßen. Weitaus mehr sogar als über die Goldene Palme.

Luc Dardenne: " Für uns ist es ein Kompliment, wenn einer kommt und sagt: Ihre Filme zeugen von einem wichtigen Moment der Geschichte. Dass jemand sein eigenes Kind verkauft, das ist etwas, das unsere Epoche nach unserer Überzeugung möglich macht."

Die Brüder Dardenne: zwei stille Beobachter ihrer Zeit. Das klingt bescheiden und ist auch genauso gemeint:

Jean-Pierre Dardenne: " Es gibt ein Interesse an unserem neuen Film. Das liegt aber nicht an uns. Es ist ein Phänomen, dass sich das belgische Publikum heute auch die Filme belgischer Regisseure anguckt. Noch vor nicht allzu langer Zeit hieß es: Die guten belgischen Filmemacher arbeiten in Frankreich. Und wenn ein Belgier in Belgien dreht, dann liegt das daran, dass er nicht fähig ist, sich in Frankreich zu behaupten. "

Dass das große Interesse an ihren Filmen aber sehr wohl auch mit ihrer unverwechselbaren Handschrift zu tun hat, das verschweigen die Brüder. Wie auch, dass viele belgische Schauspieler erst durch ihre Filme in Frankreich bekannt geworden sind. Auf ihren derzeitigen Erfolg bilden sich die beiden so wenig ein, dass sie ihre künftigen Filme ganz selbstverständlich weiterhin in Seraing drehen werden: der alten Industriestadt in der Wallonie.

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