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Kompressor | Beitrag vom 13.04.2016

EinheitsdenkmalKippt die Wippe?

Gesa Ufer im Gespräch mit Max Oppel

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Modellbild des geplanten Freiheits- und Einheitsdenkmals in Berlin (dpa / BBR)
Modell-Bild des geplanten Freiheits- und Einheits-Denkmals in Berlin. (dpa / BBR)

Das Einheitsdenkmal am Berliner Schlossplatz könnte bald Geschichte sein, bevor es realisiert wurde. Der Haushaltsausschuss des Bundestages berät über eine Beschlussvorlage, das Projekt wegen ausufernder Kosten zu stoppen. Ein Stopp gilt als sicher.

Max Oppel: Mit List und Tücke in die Mitte eine Wippe – wie war das noch? Aber daraus wird eh nichts: Das Einheitsdenkmal am Berliner Schlossplatz, im Volksmund Einheitswippe, wird wohl nicht gebaut: Im Bundestag soll das Projekt heute Nachmittag beerdigt werden. Wegen explodierender Kosten, ein nicht ganz unbekanntes Problem in Berlin. Ist das jetzt schade – oder hatte das Denkmal zur Erinnerung an die friedliche Revolution 1989 in dieser Form sowieso keine Zukunft? Wir haben die Diskussion hier im Kompressor begleitet und meine Kollegin Gesa Ufer ist bei mir im Studio – Hallo!

Gesa Ufer: Hallo!

Oppel: Wie sicher ist es, dass die Wippe endgültig kippt?

Gesa Ufer: Das gilt inzwischen als sicher, und das, obwohl ja die Baugenehmigung schon da war, obwohl der Bund das Geld auch schon bewilligt hatte – und obwohl dieses Denkmal ursprünglich ja sogar schon 2013 hätte fertig sein sollen!

Oppel: Hat es denn jetzt wirklich nur am Geld gelegen, dass die Pläne begraben wurden?

Ufer: Vordergründig ja. Die Kosten drohten –wie so oft bei Bauvorhaben - zu explodieren. Erst hieß es 15 statt 10 Millionen Euro Kosten, zuletzt war von einer "Nachtragsvereinbarung" die Rede, die so schön offen davon sprach, dass den Architekten ihre "zusätzlichen Leistungen und Risikoübernahmen vergütetet werden sollten".

Für die Entscheidungsträger klang das im Klartext offenbar wie "Fass ohne Boden". Die Kosten waren das eine, der fehlende Rückhalt in der Gesellschaft aber war das andere. Unser Architekturkritiker Nicolaus Bernau beschrieb die Gemengelage im Vorfeld so:

"Es gibt keine positive Rezeption, es gibt auch keinen Politiker, es gibt keinen Grund, dieses Denkmal an dieser Stelle so zu bauen, und dann auch noch in dieser Form. Man kann es nicht anders sagen: Es ist eine gigantische Obstschale."

Klare Worte, mit denen Nikolaus Bernau längst nicht alleine war.

Oppel: Fragt man sich: Wer war denn eigentlich für diese Variante?

Ufer: Die ursprüngliche Ideengeberin für die Wippe als Bild war die berühmte Berliner Choreographin Sasha Waltz gemeinsam mit dem Architekturbüro Milla und Partner. Allerdings ist Sasha Waltz in dem Moment abgesprungen, als klar wurde, dass durch allerlei Auflagen von der Grundidee nicht mehr viel übrig bleiben würde.

Diese über 50 Meter lange Wippe war ja so gedacht, dass viele Menschen mit ihrem Eigengewicht einen Ausschlag zu der einen oder anderen Seite bewirken sollten. Dann hatten aber Behindertenverbände darauf hingewiesen, das Denkmal müsse auch barrierefrei funktionieren.

Daraufhin war von einer langen Rampe für Rolli-Fahrer die Rede, der Ausschlag der Wippe wäre nur noch minimal gewesen und es kamen große Bedenken von Denkmalschützern auf, weil diese Wippe wiederum auf den denkmalgeschützten Sockel eines alten Kaiser-Wilhelm-Denkmals aufgesetzt worden wäre.

Also, alles in der Summe ganz anders und viel teurer als ursprünglich geplant.

Oppel: Also: Sasha Waltz ist abgesprungen, es gab immer mehr Vorbehalte von Denkmalschützern, aber wer war denn am Schluss überhaupt noch FÜR dieses Denkmal?

Ufer: Tatsächlich haben auch wir hier in der Redaktion länger suchen müssen, um Befürworter zu finden. Prominente Fürsprecher wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters und auch Wolfgang Thierse standen nicht fürs Gespräch bereit. Immerhin: Günther Nooke, der DDR-Bürgerrechtler und inzwischen persönlicher Afrika-Beauftragter der Kanzlerin, hat sich bis zum Schluss positiv zu den Plänen für die Wippe geäußert:

Nooke: "Je näher wir an die Realisierung kamen, um so mehr haben sich auch die gemeldet, die grundsätzlich der Meinung sind, solche Denkmäler braucht es nicht, es reicht, wenn es in Deutschland Mahnmale gibt, die an die Passiva deutscher Geschichte erinnern, und nicht ein Freiheits- und Einheitsdenkmal, ein Freudenmal für die positiven Beispiele deutscher Geschichte, die uns mal gelungen sind."

Auf was Nooke hier anspielt: Es gab von Anfang an viele, die gesagt haben: Wozu überhaupt so ein Freiheits- und Einheitsdenkmal? Das haben wir doch schon! Das Brandenburger Tor nämlich, dass ja als Symbol für die Einheit auch weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt ist.

Oppel: Heißt das, es wird in Zukunft möglicherweise GAR KEIN Einheitsdenkmal gebaut werden?

Ufer: Sagen wir so: Die Diskussion darum wird wenigstens erstmal verschoben. Interessant fand ich in diesem Zusammenhang übrigens auch den Hinweis unseres Architekturkritikers Nikolaus Bernau, der die These aufgestellt hat, dass positive Ereignisse möglicherweise überhaupt nicht in Denkmäler gefasst werden könnten.. Eigentlich würden diese positiven Ereignisse immer nur durch Feste, Feiertage und Rituale gefeiert, nicht durch Denkmäler.

Das deckt sich auch mit der Einschätzung der Berliner Grünen-Politikerin Alice Ströver:

"Es ist nie ein öffentlicher Diskurs gewesen. Man hat nicht das Bedürfnis, dass es ein echtes Bedürfnis dafür gibt."

Nichts desto trotz, es ist nicht ausgeschlossen, dass es einen neuen Anlauf für ein Einheitsdenkmal geben wird, mit anderem Entwurf, an einem anderen Ort – und dann hoffentlich auch mit einer anderen Diskussionskultur im Vorfeld.

Oppel: Die Wippe ist gekippt – Das geplante Einheitsdenkmal in Berlin wird nicht gebaut – Vielen Dank, Gesa!

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