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Lesart | Beitrag vom 09.06.2018

Eingewanderte WorteEine Runde Ruhrpottdeutsch

Peter Honnen im Gespräch mit Florian Felix Weyh

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Schild mit "Ruhrdeutsch" (imago/Werner Otto)
Schild mit "Ruhrdeutsch" im Ruhrgebiet in NRW. (imago/Werner Otto)

Schon mal "Mottek" oder "Bierek" gehört? Der Sprachwissenschaftler Peter Honnen hat das etymologische Lexikon "Wo kommt dat her?" geschrieben. Dabei räumt er auch mit vielen Mythen auf.

Wer als Azubi zögert, was er reichen soll, wenn er um einen Mottek gebeten wird, hat im Ruhrpott schon verloren: Das polnische Wort für "Hammer" ist sozusagen die Grundprüfung auf Dazugehörigkeit in der Region. Entgegen aller Legenden findet sich daneben allerdings kaum ein anderes original polnisches Lehnwort im Ruhrpottdeutsch: "Die Sprache, die man heute im Ruhrgebiet spricht, hat mit Polnisch überhaupt nichts zu tun", erklärt der Sprachwissenschaftler Peter Honnen. "Man kann sogar sagen, die hatte mit Polnisch nie was zu tun!"

Selbst um 1900, als Schwerindustrie und Bergbau noch boomten, gab es nur zehn Worte polnischer Herkunft. Dafür aber existiert bis heute eine "falsche Polonisierung", die so phantasiereiche Wendungen wie "Bierek" (Bierglas), "Kontek" (Kontrolleur) oder "Schirrek" (Schiedsrichter) geprägt hat.

Fisematenten sind nicht französischen Ursprungs

Peter Honnen erforscht und dokumentiert die Sprache des Rheinlands. Der Landstrich von Kleve bis Mainz gilt als der sprachliche Schmelztigel Deutschlands: Vom Lateinischen über das Französische, das Niederländische und das Jiddische sind mannigfaltige Einflüsse nachweisbar.

In seinem trotz streng lexikalischer Anordnung unterhaltsam zu lesendem Buch "Wo kommt dat her?" wartet Honnen dabei mit mancher Überraschung auf: "Wenn man an die Französismen denkt, muss man sagen: Da ist eine Sprache gewandert, ohne dass die Sprecher hier angekommen sind. Das war seit dem Mittelalter eine Modesprache in höheren Kreisen, im Adel und im Bürgertum. Da sind die Wörter ganz langsam zum niederen Volk runtergewandert."

Mit der napoleonischen Besatzung, die häufig dafür verantwortlich gemacht wurde, hat das nichts zu tun. Und viele Worte wie die berühmten "Fisimatenten" sind überhaupt nicht französischen Ursprungs, sondern schon vor 500 Jahren in einer Kölner Chronik nachweisbar.

Die Kölner Schmähung "Imis"

Schwierig wird es für den Forscher bei rätselhaften umgangssprachlichen Ausdrücken wie "Okolyten": "Wenn man die Etymologie einer Sprache macht, die nur gesprochen ist, aber nie geschrieben wird, hat man natürlich ein großes Problem, weil man keine schriftlichen Quellen hat." Der Ursprung des Slangworts für "Hoden" bleibt unbekannt, ebenso die die Kölner Schmähung "Imis" für Zugezogene, die aufs Wort "Immigrant" wie "imitiert" zurückgehen könnte.

Der "Kümmeltürke" hat dagegen gar nichts mit jüngeren Migrationsbewegungen zu tun, sondern bezog sich schon vor 200 Jahren auf arme mitteldeutsche Studenten, die sich von Zuhause Nahrungsmittel wie Kümmel nachschicken ließen. Vermutlich wurden sie aus bloß lautmalerischen Gründen zu Türken gemacht.

Peter Honnen: "Wo kommt dat her? Herkunftswörterbuch der Umgangssprache an Rhein und Ruhr"
Greven Verlag, 2018
688 Seiten, 28,00 Euro

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