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Breitband | Beitrag vom 26.09.2020

Einfluss der Medien auf Politik und Gesellschaft"Langsam heißt nicht Stillstand"

Dirk Baecker im Gespräch mit Katja Bigalke und Dennis Kogel

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Illustration: Ein Mann mit einem Smartphone unter einem Regenschirm wird vom Regen nicht nass. (imago images / Ikon Images / Gary Waters)
Vieles Im Nachrichtengeschäft prasselt auf die Konsumenten ein wie Regen. (imago images / Ikon Images / Gary Waters)

Große Ankündigungen, Riesengeschichte, große Reichweite: Die Veröffentlichungen rund um CumEx und FinCen waren genau das. Doch bewirkt haben sie bisher nur wenig. Woran liegt das? Sind Menschen der Skandale müde?

Die FinCen-Files: Der Geldwäscheskandal im internationalen Bankwesen wurde von den Medien schon im Voraus groß angekündigt und dann von dem internationalen Recherchenetzwerk prominent platziert. Doch bisher haben die Veröffentlichungen wenig bewegt – was auch an die relativ geringen Auswirkungen des Cum-Ex-Skandals erinnernt. Woran liegt das? Sind die Menschen der Skandale müde? Müssen die Medien die Idee von der vierten Gewalt beerdigen, weil sie sowieso nichts ändern können?

Man müsse auf den Einzelfall schauen, sagt der der Soziologe und Systemtheoretiker Dirk Baecker. Für die bislang geringen Auswirkungen der Veröffentlichungen rund um die FinCen-Files nennt Baecker drei mögliche Gründe: Zum einen bestätigten diese Nachrichten, was man sowieso schon zu wissen glaubte, zum anderen gingen sie mit keinem klar benannten Schuldigen einher und zuletzt waren sie auch unspezifisch in der Frage, wer nun darauf womit reagieren sollte.

Die Nachricht als Ausdruck eines funktionierenden Systems

"Die Nachricht hat bestätigt, was man immer schon befürchtet oder eben auch gewusst hat. Und von daher ist die Aufregung relativ begrenzt", sagt Dirk Baecker.

Diese Reaktion erklärt der Soziologe mit den zwei Bedeutungsebenen von Nachrichten. Für das Publikum überbringen sie nicht nur Neuigkeiten, sondern sind gleichzeitig Teil eines Systems: den Massenmedien, die verlässlich und schnell die Zustände der Welt im Blick zu behalten erlauben. "Damit ist eigentlich die Funktion der Massenmedien ziemlich präzise beschrieben, aber eben auch die vielleicht für manche Nachrichtenproduzenten eher deprimierende Auskunft, dass alleine das Produzieren von Nachrichten bereits darüber beruhigt, dass alles normal ist."

"Nachrichten müssen personalisierbar sein"

Das hieße aber nicht, dass Nachrichten generell nur noch sich selbst genügen und keine Auswirkungen haben können: "Wenn der Skandal groß genug ist, das heißt, wenn die Nachrichten, die den Skandal auslösen, neu genug und überraschend genug sind, dann wird das Mediensystem nach wie vor eine Aufmerksamkeit generieren können, die auch in der Politik und natürlich auch im Finanzsystem gehört wird", sagt der Soziologe.

Hinzu komme ein weiterer wichtiger Faktor: Die Nachricht sollte personalisierbar sein. "Nachrichten wirken dann, wenn das Publikum mitbekommt, wen man dafür verantwortlich machen könnte." Ein Grund, warum die MeToo-Debatte so stark gewirkt habe – und warum es bei beispielsweise bei Finanzskandalen so schwierig sei, Aufmerksamkeit zu erzeugen.

"Wir brauchen kluge Akteure"

"Wir alle wissen, dass es ganz selten individuelle Personen sind die irgendetwas verbrechen, sondern dass es Lücken im System sind, wie das bei Cum-Ex der Fall war, die eine ganze Horde von Akteuren auf den Plan rufen, die sich gegenseitig die Bälle zuspielen." Die Nachricht wirke erst dann, wenn sie einen personalen Fokus habe, auch wenn der oft nur künstlich hergestellt werde.

Doch was heißt das in Bezug auf Systemprobleme wie den Klimawandel, wo es keine klaren Schuldigen gibt, schnell gehandelt werden sollte – und sich doch nur langsam etwas tut?

"Langsam heißt ja nicht Stillstand", sagt Baecker. Er plädiert für ein Verständnis der Funktionsweise der Politik und fügt hinzu: "Aber ich glaube, dass wir effektiv kluge Akteure brauchen, die zum größten Teil in den Parteien stecken, zum Teil aber auch in den NGOs, die dieses Spiel von massenmedialer Aufmerksamkeit, wach gewordenem Publikum und denkbaren gesetzlichen und politischen Initiativen überhaupt bedienen können."

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